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Montag, 5. November 2012

Um besser zu verstehen

Frau Hellkötter, 2012 findet das „Jahr für Kulturdialog zwischen Europa und China“ statt. Im Vorfeld dieser Veranstaltungsreihe entstand unter Ihrer Regie der „Kulturkompass Europa-China“. Wer hatte die Idee, wie und warum kam der Kulturkompass zustande?

Die Idee wurde auf einer Kulturdialogveranstaltung 2008 in Beijing geboren, zu der ich als Moderatorin des Panels „Culture Management and Creative Industry“ eingeladen war. Schnell stellte sich heraus, dass die Teilnehmer der Diskussion unter dem Thema jeweils etwas ganz anderes verstanden. Die chinesische Seite diskutierte die Kulturindustrie als neuen Dienstleistungssektor in China aus makroökonomischer Sicht. Die europäische Seite dachte bei dem Wort Kreativwirtschaft eher an die schaffenden Akteure und deren kreative Leistungen. Da kam mir spontan die Idee, ein Interkulturelles Vokabelheft beziehungsweise Glossar zu erarbeiten als Grundlage des Dialoges, um zu sehen, ob wir „das dasselbe meinen, wenn wir das dasselbe sagen“. Diese Idee wurde später aufgegriffen und weitergedacht vom Generalsekretär des Goethe-Instituts, Dr. Hans-Georg Knopp. Drei europäische Kulturinstitute haben mich dann in Vertretung des Verbandes aller europäischen Kulturinstitute (EUNIC) mit der Realisierung des „Kulturkompass Europa-China“ beauftragt.

Welches Konzept haben Sie verfolgt, wie ist das 300-Seiten-Werk strukturiert?

Das Konzept setzt ganz stark auf einen „Multi-Voice Approach“. Ich war von Anfang an dagegen, ein „Beraterbuch“ oder eine „Bibel“ der Kulturkooperation als Alleinautorin zu schreiben. Es ging eher darum, möglichst viele Erfahrungen aufzubereiten und möglichst viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen, und dann aus diesen gewisse Lessons Learned und Empfehlungen abzuleiten. Der Kompass verfügt jetzt über fünf Kapitel: Ein Kapitel zum Hintergrund, eins zum Kultursektor, eins zum Wie der Kooperation, ein weiteres mit Panoramen zu dem, was in acht verschiedenen Themenfeldern der Kooperation zwischen Europa und China passiert und ein Kapitel Ressourcen. Last but not least: Das Glossar, das eigentlich mal den Start gebildet hat. Es war ein kollektiver Prozess der Entstehung. Es gab zusammengerechnet etwa 400 inhaltliche Dialoge. Das zeichnet das Buch aus. Und noch etwas: Der Kompass ist nicht „ein“ Buch. Genau genommen sind es zwei. Es gibt das Buch auf Englisch und auf Chinesisch. Und die chinesische Version ist nicht nur eine Übersetzung des Englischen; Inhalte und Formate sind hier den chinesischen Zielgruppen angepasst.

Der Kulturkompass will vor allem die Frage beantworten, ob wir dasselbe meinen, wenn wir dasselbe sagen. Wo verstecken sich potenziell die größten Missverständnisse? Wo liegen die besten Chancen für ein gutes Verständnis zwischen Europa und China?

Die größten Missverständnisse liegen in der unterschiedlichen Konnotation von Begriffen begründet. Zum Beispiel versteht ein Europäer, der vom Konzept der chinesischen Regierung der „Harmonious Society“ noch nie gehört hat, unter Harmonious etwas anderes als ein Chinese. Der historische oder soziale Kontext, der zur Entstehung eines Begriffes geführt hat, kann sehr unterschiedlich sein. Oder nehmen Sie die Bezeichnung „Zeitgenössische Kunst“. Hier schwingt in der Nutzung in Europa unbewusst die ganze lineare Logik der Kunstgeschichte, der Moderne, der Entwicklung einer konzeptuellen Kunst im Westen mit. Chinesische zeitgenössische Künstler heute haben diesen Prozess so nicht mitgemacht. Wenn man also denkt, man hat sich auf eine gemeinsame Ausstellung zur modernen Kunst verständigt, dann kann die Interpretation und die Wahl der Kunstwerke am Ende doch ganz anders ausfallen. Die besten Chancen liegen ganz banal gesagt im „genauen Zuhören“, im „Perspektive wechseln“. Es erfordert aber, erst einmal von allen Urteilen, Images und Meinungen loszulassen und mit Neutralität auf den Partner zuzugehen. „Stepping into the Shoes of the other“ – das ist eine gute Visualisierung.

Der Kompass soll vor allem Praktikern helfen. Welche Ratschläge geben Sie ihnen?

Ich bin nicht so sehr für eine Zusammenfassung in Dos and Donts. Das suggeriert, dass man sich interkulturelle Kompetenz ganz einfach aneignen könne. Dennoch hier eine Empfehlung: Nicht mit fertigen Konzepten nach China kommen und vice versa. Ganz früh in der Kooperationsphase einen chinesischen oder europäischen Partner suchen. Am besten nur mit einer groben Richtung, einer groben Idee für ein Projekt oder eine Kooperation starten, und gemeinsam mit dem Partner in einen Prozess der „Co-Creation“ eintreten. In diesem Sinne den Prozess, die Kommunikation wesentlich wichtiger nehmen. Die meisten Projekte leiden unter Deadlines, die es vermeiden, einen wirklich tiefergehenden Dialog mit dem Partner zu führen, und verhindern Projekte und Partnerschaften wirklich gut vorzubereiten. Ein Projekt sollte nicht in einem ersten Schritt mit einer Partnerschaft starten. Vielmehr sollte eine Partnerschaft, wenn sie dann irgendwann einen Nährboden für vertrauensvolle Kooperation gefunden hat, ein gemeinsames Projekt generieren.

Der Kompass wurde von dem Zusammenschluss der europäischen Kulturinstitute EUNIC herausgegeben. Aber selbst zwischen den einzelnen europäischen Ländern gibt es noch ausreichend kulturelle Unterschiede...
Trotz aller Unterschiede wurzelt die Vielfalt europäischer kultureller Konzepte doch in einigen dominanten gemeinsamen Traditionen: in der klassischen Antike und der griechisch-römischen Zivilisation, im Christentum und Judentum, und in einer Vielzahl an Bewegungen der Reformation, der Renaissance, der Aufklärung, des Rationalismus. In der chinesischen Version des Kompass ist ein sehr schöner Artikel von Dr. Dagmar Lorenz, der die Europäische Geistesgeschichte erklärt und die gemeinsamen Werte herausarbeitet. Zum Beispiel die Art der Selbst-Reflektion und des skeptischen Hinterfragens, der das Denken im Allgemeinen in Europa stark prägt, führt zurück auf Sokrates, der seine Schüler lehrte: „I only know that I know nothing”. Diese Denktraditionen haben die europäische Lernkultur als Ganzes geprägt. Für die praktische Ebene lässt sich hieraus für Chinesen gut erklären: Es gibt eine generelle Tendenz, die in der europäischen Kultur verwurzelt ist, Konflikte und unterschiedliche Meinungen offen auszusprechen. Für Chinesen ist es daher wichtig zu verstehen, dass diese Art der Kritikäußerung nach europäischer Wertevorstellung nicht die Kritik einer Person bedeutet oder ihrer Rolle als Privatperson. Es muss nicht mit einem Gesichtsverlust einhergehen, jemandes Meinung offen zu kritisieren. ▪

Die Fragen stellte Martin Orth

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