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Freitag, 23. November 2012

Ist das Verhältnis?


Die Frauenquote kommt – in Frankreich. In Deutschland wird vorerst weiter darüber diskutiert. Beim Spitzentreffen der Regierungskoalition Ende Mai 2012 hat sich die Bundesregierung darauf verständigt, bis zum Ende der Legislaturperiode im Herbst 2013 alles beim Alten zu belassen: Die Diskussion, ob die Frauenquote nun starr oder flexibel geregelt werden soll, ist damit freilich nicht vom Tisch. Das Spektrum der Meinungen ist groß. Während der kleinere Koalitionspartner, die Freie Demokratische Partei (FDP), die Quote ablehnt, sind auf der Befürworterseite unterschiedliche Positionen in der Diskussion. Die christdemokratische Familienministerin Kristina Schröder möchte eine flexible Quote, die vor allem auf die Freiwilligkeit der Unternehmen setzt. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, ebenfalls CDU, tritt für eine verbindliche Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten und Vorständen ein. Die sozialdemokratische Opposition fordert eine feste Quote von 40 Prozent ab 2015.

Fest steht: Frauen in Chefetagen sind in deutschen Unternehmen heute noch immer Ausnahmeerscheinungen. Einer Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge stagniert der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Privatwirtschaft in den vergangenen Jahren bei 27 Prozent. 2010 waren in den 200 größten Unternehmen 10,6 Prozent der Aufsichtsratspositionen und lediglich 3,2 Prozent der Vorstandspositionen mit Frauen besetzt. In den Vorstandsetagen und Aufsichtsräten der Großkonzerne herrschte lange Zeit die Atmosphäre eines streng abgeriegelten Herrenclubs. Für Frauen hieß es: „Wir müssen draußen bleiben.“ Das ändert sich gerade langsam: In den vergangenen zwei Jahren sind zehn Frauen in die Vorstandsetagen von DAX-Unternehmen eingezogen: Regine Stachelhaus etwa ist seit Juni 2010 Vorstandsmitglied des Energieversorgers Eon. Bei Siemens sind mit Brigitte Ederer und Barbara Kux gleich zwei Frauen im Vorstand. Und die Telekom reserviert drei der sieben Vorstandspositionen für Frauen, Claudia Nemat verantwortet bereits die Europageschäfte.

Feste Quote für Aufsichtsgremien?

Dennoch – vielen Frauen geht das nicht weit genug. „Wir wollen eine feste Quote für Aufsichtsgremien“, fordert Stephanie Bschorr, die Präsidentin des Verbands deutscher Unternehmerinnen e.V. (VdU). 40 Prozent aller Chefposten sollen danach von Frauen besetzt werden. In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass notwendige Veränderungen in der Gleichberechtigung nie über freiwillige Selbstverpflichtungen, sondern nur per Gesetz durchzusetzen gewesen seien, argumentiert Stephanie Bschorr. DIW-Forscherin Elke Holst sagt es noch deutlicher: Veränderungen wird es nur geben, wenn „massiver Druck“ aufgebaut wird.

„Es wird Zeit, dass die Kompetenz der Frauen endlich in die Kontrollgremien der deutschen Wirtschaft einzieht“, fordert Bschorr. Das immer wiederkehrende Argument, es gebe nicht genug kompetente Frauen, lassen die Befürworter einer festen Quote nicht gelten. Allein in der Datenbank des VdU seien über 500 topqualifizierte Frauen zu finden. „In der bestausgebildeten Frauengeneration, die Deutschland jemals hatte, ist es überhaupt kein Problem, qualifizierte Frauen für diese Aufgaben zu finden“, sagt Bschorr. Zuletzt war jeder zweite Hochschulabsolvent eine Frau. Und auch DIW-Forscherin Holst sagt: „Das sogenannte Pipeline-Problem, sprich der Mangel an hochqualifizierten Frauen können den geringen Anteil von Frauen in Top-Führungspositionen nicht ausreichend erklären.“

Bei den Befürwortern einer flexiblen Quote stößt das Argument auf wenig Verständnis. „Ein starres Quotenmodell ist für eine ausdifferenzierte Gesellschaft wie die unsere zu unterkomplex“, sagt Marc-Philippe Weller, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Freiburg. Mit einer flexiblen Quote könne jedes Unternehmen entsprechend seiner Mitarbeiterstruktur eine auf seine Besonderheiten zugeschnittene Quote wählen. Familienministerin Schröder hält auch deswegen an der flexiblen Quote fest: „Die starre Einheitsquote ist tatsächlich viel erfolgloser, als manche wahrhaben wollen, denn sie ändert im Alltag des Großteils der Frauen überhaupt nichts.“ Schröder beruft sich auf eine Studie des Osloer Instituts für Unternehmensvielfalt aus dem Jahr 2011, wonach die Frauenquote dort keinen Einfluss auf das Einstellungsverhalten von Firmen gehabt habe. „Zu glauben, dass mehr Frauen im obersten Stockwerk automatisch dazu führen, dass auch in den Stockwerken darunter mehr Frauen auf die Chefsessel wechseln, ist naiv.“

Die Ministerin will Unternehmen daher gesetzlich dazu verpflichten, sich selbst konkrete Zielvorgaben für Vorstand und Aufsichtsrat zu setzen. Eine solche „Flexi-Quote“ wird auch von Kanzlerin Angela Merkel und dem einflussreichen „Wirtschaftsflügel“ der CDU favorisiert. Anders als bei der bisherigen Selbstverpflichtung können die Unternehmen die Flexi-Quote nicht ignorieren. Darüber hinaus will Kristina Schröder die Unternehmen gesetzlich verpflichten, ihre Zielvorgaben öffentlich zu machen. „Mit der Veröffentlichung des Frauenanteils könnten Frauen ihre Berufswahl entsprechend ausrichten und ,mit den Füßen‘ abstimmen“, sagt Hagen Lindstädt, Leiter des Instituts für Angewandte Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensführung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Der soziale Druck auf die Un­ternehmen würde erhöht und eine Selbstregulierung initiiert werden, so Lindstädt. Falls der soziale Druck nicht hilft, will die Ministerin „empfindliche“ Sanktionen verhängen.

Kulturwandel durch Druck?

Wie empfindlich diese ausfallen würden, ist unklar. Die Rede ist von Geldstrafen, aber auch  von der Anfechtbarkeit von Aufsichtsratswahlen. Kristina Schröder selbst gilt als Quotengewinnerin: Nur über die parteiinterne Quote bekam sie als 25-Jährige einen Platz im Bundestag. „Aber die Quote hat sich die CDU selbst gegeben, das ist doch der Unterschied“, weist sie Kritiker zurück. Schröder geht es um einen Kulturwandel, der nicht mit Druck zu erreichen sei. „Wir müssen weg von Arbeitsstrukturen, die nur diejenigen nach oben lassen, denen zu Hause jemand den Kühlschrank füllt, den Nachwuchs versorgt und den Nachschub an frisch gebügelter Kleidung sicherstellt“, sagt sie. Die Arbeitswelt müsse weiblicher werden. In Norwegen gehört diese Diskussion längst der Vergangenheit an. Das skandinavische Land führte 2003 die Frauenquote ein. Damals war der Aufschrei groß: Die Börse werde kollabieren. Ausländische Investoren würden das Weite suchen. Das Land werde in den Ruin stürzen. Doch die Quote kam. 40 Prozent Frauen müssen in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen sitzen. Fünf Jahre Zeit hatten die Firmen, die Vorgabe zu erfüllen. Wer nicht lieferte, musste mit Zwangsmaßnahmen rechnen bis hin zur Zwangsliquidierung des Unternehmens.

Zunächst fühlten sich die Skeptiker bestätigt. Die „Goldröcke“, eine Gruppe ebenso einflussreicher wie mächtiger Frauen, eroberten einen Aufsichtsrat nach dem anderen. Zum Teil hielten sie zehn oder mehr solcher Mandate inne. Auch heute noch sind Frauen vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen zu sehen, wo bereits jeder zweite Chef eine Frau ist. Im privaten Sektor sind sie dagegen nach wie vor unterrepräsentiert. Jüngsten Studien zufolge ändert sich das jedoch allmählich. 2010 waren 35 Prozent aller Topposten von Frauen besetzt, 2008 waren es noch 31 Prozent, so das Forschungsinstitut Sintef. Offenbar hinterlässt die Frauenquote mittlerweile auch Spuren in den unteren Managementetagen. In Norwegen wird daher derzeit über eine Ausweitung der Quote auf Firmen jenseits börsennotierter Unternehmen diskutiert.

Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten – Norwegen hat eine Vorreiterrolle in Sachen Frauenquote. Frankreich, Spanien, die Niederlande, Belgien und Italien haben inzwischen Quoten verabschiedet. EU-Kommissarin Viviane Reding will nun notfalls per Gesetz eine Quote durchdrücken. Alle Länder haben eins gemein: Bevor die Quote kam, wurde heftig diskutiert. Wie derzeit in Deutschland.

Christiane von Hardenberg arbeitet seit 2004 als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland, seit 2012 im Ressort Innenpolitik.

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