abs-ad

Sonntag, 25. November 2012

"Reiseland Deutschland"


Im Restaurant „China Garten“ in der Frankfurter Innenstadt herrscht hektische Betriebsamkeit. Es ist ein Uhr mittags, Essenszeit in Deutschland. Aber nicht die Geschäftsleute der Nachbarschaft geben sich die Klinke in die Hand. Chinesische Touristen beanspruchen jede Sitzgelegenheit. Denn Frankfurt ist ein Zentrum des neuen chinesischen Tourismus. Die Zahlen der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) belegen es: Von 64 Millionen Übernachtungen im Jahr 2011 wurden in Deutschland über 1.3 Millionen von chinesischen Touristen gebucht – eine Steigerung von 21 Prozent im Vergleich zu 2010. Chinesische Reisende lieben Deutschland, und in Deutschland lieben sie vor allem Frankfurt (rund 150000 Übernachtungen im Jahr 2011). Im europäischen Vergleich können da nur London und Paris mithalten.

Daher ist Frankfurt ein idealer Ausgangspunkt für die Recherchen der chinesischen Journalistin Xu Xu. Mit ihrem Buch „Auf nach Deutschland“ hat sie den ersten Teil einer Reiseführerserie für die neue Generation der nach Deutschland reisenden Chinesen vorgelegt. „Dieser Typus ist jung, gebildet und auslandserfahren“, beschreibt ihn die Redakteurin der Chinesischen Handelszeitung. „Er bevorzugt Individualreisen und ist kulturell sehr interessiert.“ Die für das Klischee vom asiatischen Massentourismus verantwortlichen Busreisen à la „Europa in sieben Tagen“ werden ihrer Einschätzung nach bald der Vergangenheit angehören. „Busreisen waren praktisch in einer Zeit, als es größere Schwierigkeiten gab, ein Visum zu erhalten.“ Der neue chinesische Tourist kommt, um zu bleiben. Zumindest für zwei oder drei Tage am Stück. Statt die Frankfurter Oper nur von außen zu fotografieren und wieder in den Bus nach Paris über Köln und Amsterdam zu steigen, besucht er nun eine Abendvorstellung inklusive Dinner.

Veränderte Reisegewohnheiten verlangen auch neue Informationsquellen. Die modernen Medien seien ein Weg für die neuen chinesischen Touristen, so Xu Xu, sich über die Reiseziele in Deutschland zu informieren. Doch wünschten sie sich auch eine eingehende Beschäftigung mit politischen Entwicklungen, gesellschaftlichen Traditionen und historischen Hintergründen. „Für einen chinesischen Touristen sieht jede deutsche Kirche gleich aus. Also verlangt er nach weiterführenden Informationen, um sich intensiver damit auseinandersetzen zu können“, sagt sie. Auf diese neuartigen Bedürfnisse ist ihr Reiseführer zugeschnitten. Der im August 2012 erschienene erste Band behandelt die westlichen Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Nach einem einleitenden Kapitel über die Reisevorbereitungen – „Bitte packen Sie unbedingt einen Schal ein!“ – werden die Städte der jeweiligen Regionen ausführlich vorgestellt. Bingen etwa, Frankfurt natürlich, Mainz, Heidelberg oder Baden-Baden. Es gibt einen Tourenvorschlag, der die bei Chinesen besonders beliebten deutschen Hotspots wie Cochem an der Mosel enthalten muss. Dabei findet keine Aufzählung von Hotel- und Restaurantadressen statt, sondern Xu Xu erzählt Geschichten über Land und Leute. Viel gibt es beispielsweise zu erfahren über den deutschen Wein oder Uhren aus dem Schwarzwald. Dem deutschesten aller Mittelgebirge wurde im ersten Band von „Auf nach Deutschland“ gleich ein besonders umfangreiches Kapitel gewidmet. Vielleicht auch, weil er zu den persönlichen Lieblingsregionen von Xu Xu zählt, die eigentlich vor zehn Jahren zum Germanistikstudium mit ihrem Freund nach Deutschland kam. Sie wurde stattdessen Mutter eines Sohnes und eine in China recht erfolgreiche Autorin. In ihrer Heimatstadt Hangzhou ist sie bekannt für ihre Romane, die von Liebesfreud und Liebesleid erzählen.

Mit „Auf nach Deutschland“ könnte sie nun eine Marktlücke getroffen haben. „Die Bücher sind eine Mischung aus anspruchsvollem Reisebericht und informativem Reiseführer“, beschreibt Haitao Xiu das Konzept. Der Chefredakteur der Chinesischen Handelszeitung, die in Deutschland lebende und nach Deutschland kommende Chinesen informiert, lebt schon seit 1987 in Deutschland und hat Xu Xu bei ihrer Arbeit zum Buch unterstützt. Er spricht ein weiteres Bedürfnis der neuen Touristengeneration aus China an: Shopping. Nach einer Statistik des Unternehmens Global Blue wird der größte Umsatz durch chinesischen Touristen in Deutschland ebenfalls in Frankfurt erzielt: 99 Millionen Euro haben chinesische Touristen von Januar bis November 2011 hier ausgegeben. Das mache rund 700 Euro pro Kopf, rechnet Haitao Xiu vor. „Die jungen Reisenden haben die Kulturrevolution in China nicht mehr miterlebt. Sie sind im Wohlstand aufgewachsen, und Konsum ist für sie kein Schimpfwort“. Gekauft wird, was der deutsche Markt hergibt. Gerne Luxusmarken, die in China oft doppelt so teuer sind. Aber auch praktische Gegenstände aus Edelstahl, vom Schnellkochtopf bis zum Küchenmesser, liegen auf der Beliebtheitsskala ganz weit oben. Nur eines könne man ihren reisefreudigen Landsleuten kaum verkaufen, sagt die Autorin: Strandurlaub. „14 Tage an einem Ort im Sand liegen und in der Sonne schmoren? Vielleicht in der übernächsten Generation“, sagt Xu Xu. Daher plant sie neben zwei weiteren Bänden über Süd- und Norddeutschland derzeit ein Buch über deutsche Kleinstädte.

Petra Schönhöfer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen