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Sonntag, 25. November 2012

Er lebt in Deutschland


Das Glück ist im Norden zu Hause. Und ganz im Süden. Jedenfalls in Deutschland und nach der Datenlage des im September 2012 veröffentlichten „Deutsche Post Glücksatlas“: In diesem Ranking von 19 deutschen Regionen stehen die Hamburger an der Spitze der Zufriedenen. Es folgen die Bewohner der Nordseeküste, dann die Bayern. Im Durchschnitt liegt die Lebenszufriedenheit der Deutschen bei rund sieben von zehn möglichen Punkten. Das entspricht im internationalen Vergleich einem Platz im oberen Drittel. Die Menschen im Westen und Osten Deutschlands empfinden in der Lebensqualität heute nur noch einen Unterschied von 0,2 Punkten – sie sind sich da so nah wie noch nie seit der deutschen Einheit. 1991 lag diese „Glückslücke“ noch bei 1,3 Punkten. Im europäischen Vergleich der Lebenszufriedenheit von 29 Ländern hat sich Deutschland seit 2006 (Platz 15) auf Platz neun deutlich nach vorn „gearbeitet“.

Aber wie misst man Glück, wie Lebensqualität? Ist das nicht etwas sehr Privates, Subjektives? Die Glücksforschung – eine Disziplin zwischen Soziologie und Volkswirtschaftslehre – untersucht jedenfalls viele Einzelfaktoren, die dann ein Gesamtbild ergeben, 
darunter Gesundheit, Partnerschaft, soziale Beziehungen, Beruf, Einkommen. Und auch das Gefühl von Sicherheit oder das Vertrauen in Politik und Rechtsstaatlichkeit spielen für die Lebensqualität eine wichtige Rolle. Der „Glücksatlas“, der unter Leitung des renommierten Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg entstand, gilt als die umfassendste und aktuellste Untersuchung zur Lebenszufriedenheit in Deutschland. Die Datenbasis beruht zum Großteil auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Diese Langzeitstudie bildet schon seit 1984 die Lebensumstände der Menschen in Deutschland jährlich repräsentativ anhand von Umfragen in 11 000 Haushalten ab. Außerdem haben die „Glücksatlas“-Autoren auch auf Umfragedaten des Instituts für Demoskopie Allensbach und weitere Datenquellen zurückgegriffen.

Nach dem „Glücksatlas“ sind die Hamburger auch mit ihrer Stadt besonders zufrieden. Sie stellen ihr mit 84 von 100 möglichen Punkten das beste Zeugnis unter 13 deutschen Großstädten aus. Beson­ders gern leben auch Düsseldorfer und Dresdner in ihren Städten – was zumeist neben harten Standortfaktoren wie wirtschaftlicher Attraktivität an einer Mischung aus großem Kulturangebot, guter Verkehrsinfrastruktur, Luft- und Wasserqualität und Naherholungsmöglichkeiten liegt. Als Schwächen der Großstädte gelten das geringere Zusammengehörigkeitsgefühl und mangelnde Angebote für Kinder und Familien. Es wundert nicht, dass die Beurteilung des Wirtschaftsstandorts eine Rolle für die Lebenszufriedenheit spielt: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die sich ebenfalls seit Längerem mit dem Thema Wohlstandsmessung befasst, konstatiert: Gesellschaften mit hoher Beschäftigungsrate sind auch politisch stabiler und gesünder. In einer Studie bringt sie es auf die Titel-Formel: „Better skills, better jobs, better lives“ (bessere Qualifikation, bessere Jobs, besseres Leben). Deutschland bescheinigte der jüngste OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2012“ eine deutliche Verbesserung gegenüber den Vorjahren: eine generell niedrige Arbeitslosigkeit und sogar die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, einen Höchststand in der Zahl der Studienanfänger und eine Steigerung der Quote der Hochschulabsolventen auf 30 Prozent – mehr als eine Verdopplung gegenüber 1995.

Der OECD-Bericht belegt auch: Je höher der Bildungsstand, desto höher das individuelle Einkommen und desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko. In Deutschland arbeiten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vier von zehn Erwerbstätigen in hochqualifizierten Berufen. Dieser Anteil ist stark gestiegen. 1992 waren nur drei von zehn Hochqualifizierte. Ein „guter Job“ sei für viele Menschen zudem eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit und Lebensqualität, stellt Destatis in seiner Untersuchung „Qualität der Arbeit – Geld verdienen und was sonst noch zählt, 2012“ fest. Schließlich werden am Arbeitsplatz oft mehr Stunden verbracht als mit Familie oder Freunden. 88 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind „im Allgemeinen zufrieden“ mit ihren Arbeitsbedingungen. Damit liegen sie über dem EU-Durchschnitt von 81 Prozent. Ein wesentlicher Faktor für Zufriedenheit und Lebensqualität ist die Balance zwischen Arbeit und Freizeit: In Deutschland hat die Wochenarbeitszeit seit 1991 um rund drei Stunden auf 35,4 Stunden abgenommen. Die Deutschen kommen damit auf einen der niedrigsten Werte aller OECD-Länder.

Arbeit gut, Einkommen gut, alles gut? Die internationale Glücksforschung hat festgestellt, dass es in den westlichen Industrieländern kaum eine Korrelation zwischen einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – das den Wert aller innerhalb eines Jahres produzierten Dienstleistungen und Waren eines Landes beziffert – 
und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben gibt. Der Volkswirtschaftler Karlheinz Ruckriegel aus Nürnberg stellt diesen Trend auch für Deutschland fest: „Die Zahlen des Sozio-oekonomischen Panels zeigen für die letzten 20 Jahre keinen Zusammenhang zwischen dem BIP pro Kopf und der Lebenszufriedenheit.“ Kurz: Geld macht nicht glücklicher. Jedenfalls nicht allein, jedenfalls nicht, wenn die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Wirtschaftswachstum als zentraler Maßstab für Lebensqualität hat wohl ausgedient, da sind sich viele Experten einig.

Eine Wissenschaftlerkommission unter Leitung des US-amerikanischen Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz hat im Auftrag der französischen Regierung untersucht, mit welchen Mitteln sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen ließen, ohne von Einkommensgrößen wie dem BIP auszugehen. Sie schlug vor, dass das wirtschaftspolitische Ziel nicht Wachstum sein sollte, sondern unter anderem die objektive Lebensqualität (Gesundheit, Bildung, Umwelt) und die ökologische Nachhaltigkeit. Ende Oktober 2011 hat die OECD die Studie „How’s life? Measuring well-being“ publiziert, in der sie elf Indikatoren zu Lebensqualität und Wohlbefinden vorlegt – im Mittelpunkt stehen auch hier die Menschen und nicht die wirtschaftliche Gesamtentwicklung. Deutschland liegt bei diesem Lebensqualitätsindex im oberen Mittelfeld.

Auch Deutschland diskutiert, was Lebensqualität wirklich ausmacht: Der Deutsche Bundestag hat eine Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt, die 2011 die Arbeit aufgenommen hat. Ihr gehören 34 Parlamentarier und Wissenschaftler an. Sie soll das rein ökonomisch und quantitativ orientierte BIP als Maßstab für gesellschaftliches Wohlergehen weiterentwickeln und um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien ergänzen. Dazu könnten zum Beispiel Indikatoren wie Einkommensverteilung, Schuldenstand, ökologischer Fußabdruck oder Bildungschancen und Innovationsfähigkeit gehören. Natürlich sind viele dieser Informationen veröffentlicht. „Was wir aber nicht haben“, sagt Beate Jochimsen, Kommissionsmitglied und Professorin für Finanzwirtschaft in Berlin, „ist ein Set, in dem die Indikatoren übersichtlich dargestellt werden.“ Gert C. Wagner, ebenfalls Enquetemitglied und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, unterstützt zudem die Einrichtung eines neuen Gremiums, eines „Sachverständigenrats für nachhaltige Lebensqualität“. Es könnte regelmäßig über Veränderungen in den Bereichen Wohlstand und Lebensqualität informieren und die Sicht der „Fünf Wirtschaftsweisen“ in ihrem jährlichen Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ergänzen.

Die – zum Teil sehr konträr geführten – Debatten in den vier Projektgruppen der Enquetekommission sind aber noch in vollem Gang. „Es gibt insbesondere zur Frage über die Rolle des Wirtschaftswachstums gravierende Unterschiede“, sagt die Kommissionsvorsitzende und SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe. Denn auch wenn dies nicht der einzige Maßstab für Lebensqualität ist: Als eines der größten Glückshemmnisse gilt die Arbeitslosigkeit.

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