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Montag, 5. November 2012

Grüne Seite von Berlin


Genau 438 740. Vielleicht der schönste Wert, in einer Stadt, die nicht immer positive Zahlen schreibt. So viele Bäume gibt es in Berlin, und weil die Verwaltung der deutschen Hauptstadt offenbar eifriger arbeitet, als es manch einer ihrer Bewohner glauben mag, sind sie akribisch erfasst und sorgfältig aufgeführt, in Listen, die jeder im Internet einsehen kann. Es gibt Linden in der Mehrzahl, gefolgt von Ahorn, Eichen und Platanen, Kastanien, Birken und Robinien. In Kreuzberg stehen an jeder Straße im Schnitt 89 Bäume, das macht alle elf Meter einen, in Charlottenburg sind es sogar nur neun Meter Abstand. Fast jeder Besucher, der Berlin zwischen April und Oktober erlebt, wird irgendwann aussprechen, was ihn insgeheim verwundern mag: „Wie grün es hier ist.“ Und wer in Berlin lebt, weiß, dass dieser Satz viel essenzieller für das Lebensgefühl in der Hauptstadt ist als Nachtleben, Kunst, Mode und all die anderen Dinge, für die man die Stadt rühmt.

Berliner Winter sind lang und häufig grau, sie enden, wenn der Baum vor dem Fenster, auf dem Hof oder an der nächsten Straßenecke Knospen treibt. Wer schon vor der Wiedervereinigung, also vor 1990, Berliner war, weiß das besonders zu schätzen. Die kalten Monate waren früher noch dunkler, geschwärzt vom Kohlestaub der Öfen. Und für die Menschen im Westteil der Stadt, die kein Umland hatten, zählte erst recht jedes Blatt. Das Grün Berlins erzählt dessen Geschichte und Gegenwart, ein wenig leiser vielleicht als die alten und neuen Bauten. Am Potsdamer Platz steht eine Platane, gepflanzt vor über 160 Jahren, als die Gegend noch ein Villenviertel war. Sie hat erlebt, wie der Platz nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung der Stadt zur Brache verkam und wie aus der größten Baustelle Europas in den 1990er-Jahren mit Sony Center, Bahntower, Kollhoff-Hochhaus und Daimler-Quartier eine hochglänzende neue Mitte erwuchs. Man sieht dem Baum die Strapazen etwas an.

Nicht ganz in der Mitte, aber doch gleichzeitig Herz und Lunge der Stadt ist der Tiergarten. Ein großartig undurchschaubares Baum- und Wiesenareal, durchzogen von Spazierwegen, auf denen man sich verlaufen kann und mit Glück doch immer wieder in einem der schönsten Biergärten Berlins am Neuen See landet. Zu verdanken haben die Berliner den Tiergarten Preußenkönig Friedrich dem Großen. Er ließ das ehemalige Wildrevier von dem Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné zum „Lustpark“ umwandeln. Mit 210 Hektar ist der Tiergarten die zweitgrößte der 3309 öffentlichen Grünanlagen Berlins, von der Fläche her übertroffen nur von dem stillgelegten Areal des Flughafens Tempelhof. Dort fliegen heute nur noch bunte Drachen. Über einer gigantischen Fläche mitten in der Stadt, die man den Menschen überlassen hat, um dort alles zu tun, was sie glücklich macht: Fußball spielen, skaten, grillen. Sich daran freuen, dass die Stadtentwickler mal eine gute Idee hatten: zuschauen und abwarten. 2017 soll auf dem Gelände die Internationale Gartenausstellung stattfinden, dafür gibt es Pläne, die das, was sich auf dem ehemaligen Flughafen von selbst entwickelt hat, mit einbeziehen. Das Projekt heißt hoffnungsfroh „Tempelhofer Freiheit“.

Die Freiheit, die die Berliner im Schatten der Bäume finden, ist nicht immer eine große Geschichte. Jedes Viertel hat sein kleines Grün, in dem sich die Besonderheiten der Umgebung auf dem Rasen wiederfinden. Im Görlitzer Park in Kreuzberg rauchen die Grills türkischer Familien mit den alternativen Sinnsuchern und Partygängern um die Wette, im Monbijoupark in Mitte üben die jungen Mütter im Designer-Outfit ihr neues Leben, im Mauerpark im Prenzlauer Berg hat die kreative Boheme die Geister der Vergangenheit vertrieben. Dort, wo früher die Grenze verlief, trifft man sich jeden Sonntag zu Flohmarkt und Open-Air-Karaoke. Und es ist durchaus symptomatisch für den lässig-ungestümen Charakter der Hauptstadt, dass ihre Bewohner die Erholung nicht auf gezirkelten Wegen und in ondulierten Gärten finden. Sondern am Ufer des Landwehrkanals, auf einem schmalen Streifen Grün zwischen Fahrradweg und Betonmauer, wo sich an Sonnentagen die Damen in Bikini räkeln, als seien sie am Strand von Rimini.

Improvisation ist seit jeher eine der Stärken Berlins, kein Wunder also, dass eine der schönsten neuen Grünflächen der Stadt gar keine ist. In Kreuzberg ist in drei Jahren in privater Initiative ein mobiler Garten entstanden, wo früher nur Müll und Staub war. Nun sprießen im „Prinzessinnengarten“ auf 6000 Quadratmetern wohl sortiert in Containern und Kisten, Reissäcken und Tetrapacks Salat und Gemüse in Bio-Qualität. Gehegt und gepflegt von allen, die mitmachen wollen. Für ihre Gartenarbeit werden sie mit Rabatt auf die Ernte belohnt. Und ganz nebenbei lernen sich dort Nachbarn kennen, die sich sonst nie begegnet wären.

Bis Ende 2013 ist die Fläche von der Stadt gemietet, im schlimmsten Fall müssen die engagierten Initiatoren mit ihren Pflanzen und ihrer Idee dann einen neuen Freiraum finden. Doch das kreative Nomadentum ist ebenso ein eigensinniges Merkmal Berlins und seiner Bewohner: Wer früher am Spreeufer tanzte, wo die Vision einer neuen Bürowelt die Anarchie vertrieben hat, zieht weiter zum spontanen Rave ins Grün der Rummelsburger Bucht. Seit im Tiergarten das Grillen verboten ist, steigen die Rauchschwaden über dem Tempelhofer Feld auf. Nur die Bäume sollen bitte dort bleiben, wo sie seit Jahrzehnten sind. Als 2010 am vornehmen Gendarmenmarkt 140 Ahornbäume verschwinden sollten, damit man Dom und Konzerthaus besser sieht, starteten die Berliner eine empörte Unterschriftenaktion. Die Bäume stehen bis heute und schreiben Geschichte mit ihrer Stadt.

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