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Freitag, 23. November 2012

Ein steiler Weg an die Spitze

Anshu Jain ist nicht nur der erste Inder an der Spitze eines führenden deutschen Unternehmens. Er ist wohl auch der erste bedeutende Unternehmenslenker in Deutschland, der lieber einen Rucksack als eine Aktentasche mit sich führt. Jains Ernennung zum Co-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank zusammen mit Jürgen Fitschen ist vielerorts als eine mutige Entscheidung empfunden worden; dies umso mehr, als Fitschen im Jahr 2015 aus Altersgründen den Vorstand verlassen dürfte und der heute 49 Jahre alte Jain dann die alleinige Macht erhalten könnte.

Der 1963 in Jaipur im nördlichen indischen Unionsstaat Rajasthan geborene Anshu Jain verfügt über eine solide Ausbildung, auf der er eine beeindruckende Karriere aufgebaut hat. Aus der indischen Mittelschicht stammend, sein Vater war Beamter, ging Jain mit 18 Jahren in die USA, um an der University of Massachusetts in Amherst Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Damals habe er erwogen, sich der Ökonomie zu verschreiben, sagt Jain, und zieht damit eine Parallele zu seinem Vorgänger Josef Ackermann. Die Erfahrungen mit der staatlich gelenkten Wirtschaft in Indien haben Jain zu einem überzeugten Anhänger der Marktwirtschaft gemacht.

Wie Ackermann zog es ihn dann aber in die Finanzwelt: Jain begann beim New Yorker Börsenmakler Kidder Peabody, wechselte anschließend zur New Yorker Investmentbank Merrill Lynch. Seit dem Jahr 1995 arbeitet er für die Deutsche Bank in London, wo er es über Führungspositionen in der Geschäftssparte Investmentbanking in den Vorstand der Bank brachte. Das Investmentbanking umfasst die Geschäfte der Bank an den Finanzmärkten. Für einen Investmentbanker, dem gewöhnlich eine Neigung zur Söldnermentalität nachgesagt wird, ist dies eine erstaunlich geradlinige Karriere. Jain eignet sich mit 17 Jahren Betriebszugehörigkeit als Verkörperung der Deutschen Bank ebenso sehr wie der traditionelle Filialleiter in Nürnberg. Dass zu einer solch steilen Karriere Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Selbstdisziplin und Durchsetzungsvermögen gehören, versteht sich von selbst.

Sein Privatleben kehrt der naturalisierte Brite nicht nach außen. Kollegen mit Einblick sprechen von einer „tadellosen Familie“. Jain ist mit Geetika verheiratet, einer Frau, die er seit früher Jugend kennt. Die Verbindung eines Inders, dessen Familie der Religion des Jainismus anhängt, mit einer Frau, deren Familie sich der Religion der Sikh verbunden fühlt, war seinerzeit höchst ungewöhnlich. Die beiden Kinder des Paares studieren an der renommierten Princeton-University in den Vereinigten Staaten. Jain spielt in seiner kargen Freizeit gerne Polo. Ein eigenes Auto besitzt er nicht; stattdessen fährt er lieber U-Bahn.

Jain spricht ein sehr präzises Englisch; er ist kein Mann der großen Worte oder des weiten Ausholens. Er bleibt eng am Thema, versucht allenfalls mit Wörtern wie „excellent“ oder „tremendous“ Atmosphäre zu schaffen. Jain vermittelt im Gespräch weder Nähe noch Distanz. Obgleich die Deutsche Bank ihm neben der hauseigenen Kommunikationsabteilung noch eine externe Medienberatung zur Verfügung gestellt hat, wirkt Jain bei öffentlichen Auftritten noch etwas fremdelnd. Wahrscheinlich wird er auch in den kommenden Jahren überwiegend in englischer Sprache kommunizieren. Nach eigenen Angaben lernt er zwar Deutsch, aber er räumt die nur geringen Fortschritte ein. Jain wirkt immer elegant; eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspieler George Clooney, die immer wieder behauptet wird, dürfte ihm nicht schaden.

Als die neue Doppelspitze der Deutschen Bank installiert wurde, gab es Vermutungen, der Deutsche Fitschen werde sich um die Beziehungen zu deutschen Entscheidungsträgern kümmern, Jain vor allem um das internationale Geschäft. Bereits die ersten Monate belegen, dass diese Aufgabenverteilung nicht im Interesse der neuen Führung liegt. Dies wurde im Juni deutlich, als Jain und nicht, wie von vielen Beschäftigten erwartet, Fitschen den Vorsitz der Alfred Herrhausen Gesellschaft, des wichtigsten politischen Gremiums der Bank, übernahm. Jain hat sich auch mit der politischen Elite Berlins bekannt gemacht. Ende August trat er beim Botschaftertreffen des Auswärtigen Amtes in der deutschen Hauptstadt auf. Die politische Vernetzung Jains befördert die Spekulationen, er solle in drei Jahren den alleinigen Vorstandsvorsitz übernehmen.

Bis dahin wird Jain (mit Fitschen) zeigen müssen, was er kann: eine große, international aufgestellte Bank in einer Zeit zu führen, die eher mit Kostenreduzierungen als mit Geschäftsausweitung verbunden sein dürfte. Anfang September stellten Jain und Fitschen ihre Strategie bis zum Jahr 2015 vor. Sie versucht, die Bank auch durch Personalabbau auf ein solideres Fundament zu stellen, ohne auf Wachstumschancen zu verzichten. Die Anforderungen an die Rentabilität wurden deutlich reduziert. Die kommenden Jahre werden der Aufgabe gleichen, ein Schiff durch schweres Gewässer zu steuern.

Die Präsentation der neuen Strategie wurde von Jain und Fitschen auch genutzt, um ein Bekenntnis zur Universalbank abzulegen; also zu jenem Modell einer Bank, in der Investmentbanking, Vermögensverwaltung sowie die Betreuung von Privat- und Unternehmenskunden unter einem Dach stattfindet. Dies ist das traditionelle deutsche Bankmodell, während in den Vereinigten Staaten das Investmentbanking über viele Jahrzehnte nur in spezialisierten Häusern betrieben werden durfte.

Hier sind denn auch die größten Vorbehalte gegenüber Jain: Wird dieser Investmentbanker reinen Wassers in der Lage sein, eine Universalbank zu führen? Jain gibt sich bescheiden, comme il faut. Wie viele andere Banker verkündet er das neue Mantra, wonach der Kunde wieder stärker in das Zentrum des Bankgeschäfts rücken werde. Gleichzeitig betont Jain die wichtige Rolle, die das Investmentbanking auch künftig für die Deutsche Bank spielen werde. Seine Ansprüche sind hoch: In den kommenden Jahren soll sich die Deutsche Bank als eine der fünf führenden globalen Universalbanken etablieren. Ein ambitioniertes Ziel. Am Ende wird ein Vorstandsvorsitzender an seinem geschäftlichen Erfolg gemessen. Gelingt es Jain, zusammen mit Fitschen die Deutsche Bank sicher durch die Stürme der kommenden Jahre zu führen, ist nicht einsehbar, warum der Mann aus Jaipur die Deutsche Bank nicht als alleiniger Vorstandsvorsitzender führen sollte.

Gerald Braunberger

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