Am Anfang stand eine Idee, simpel und gigantisch zugleich: Warum nicht Sonnenenergie, die es in der Wüstenregion im Überfluss gibt, zur Energieerzeugung nutzen? Eine kleine Gruppe internationaler Wissenschaftler, Politiker und Ökonomen gründete 2009 die Desertec-Stiftung, um diese Vision in die Welt zu tragen – und bis 2050 mit dem Desertec-Projekt rund ein Siebtel des europäischen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien aus den Wüsten Nordafrikas und des Mittleren Ostens zu decken.
Die Technik zur Realisierung des Konzeptes ist vorhanden. Solarthermische Kraftwerke haben sich seit 20 Jahren bewährt, und auch Photovoltaikkraftwerke gibt es heute in großem Umfang. „Von Solar-Kraftwerken und Windparks über die ‚Stromautobahnen‘ für eine verlustarme Energieübertragung über tausende von Kilometern bis zur Steuerung solch komplexer Anlagen – für alles gibt es schon Lösungen“, sagt Alfons Benzinger vom Technologiekonzern Siemens.
Siemens ist eines der mittlerweile 56 Unternehmen aus Deutschland und weiteren europäischen sowie nordafrikanischen Ländern, die sich zur Desertec Industrie Initiative (Dii) zusammengeschlossen haben, um einen technischen und wirtschaftlichen Umsetzungsplan für Solar- und Windstrom aus Nordafrika zu entwickeln. Neben Siemens engagieren sich weitere führende Unternehmen der Energiebranche wie der Energie- und Automationstechniker ABB und die Versorgungsunternehmen E.ON und RWE in der Desertec-Initiative.
Einen Markt für Strom aus erneuerbare Energien im Mittleren Osten und in Nordafrika (Mena) zu schaffen ist eine zentrale Mission des Desertec-Projektes. „Von einem verbesserten Energiemix profitieren Europa als auch der Mittlere Osten und Nordafrika“, sagt Paul van Son. Der Niederländer führt die Geschäfte der Wüstenstrom-Initiative von München aus – und wirbt seit drei Jahren unermüdlich bei Regierungsvertretern, Netzbetreibern, Unternehmen und Wissenschaftlern für die Idee. „Das fällt mir ganz leicht, es gibt ja nur Vorteile. Es entsteht eine klimafreundliche Energieversorgung, bei deren Bau und Instandhaltung Arbeitsplätze entstehen, lokale Industrien angekurbelt werden und sich insgesamt die Mena-Region durch die verbesserten Lebensumstände stabilisiert.“ Dass nicht alle diesen Optimismus teilen, dafür hat er Verständnis. Ohne Zweifel werde der Aufbau einer neuen Energieversorgungsstruktur sehr viel Geld kosten. Das wäre allerdings beim Bau neuer konventioneller Kraftwerke auch nicht anders, entgegnet van Son den Skeptikern.
So bestechend das Desertec-Projekt ist, so klar ist auch, dass die Umsetzung viele Herausforderungen birgt. Zum einen liegen die Erzeugungskosten von Strom aus erneuerbaren Energien über denen konventioneller Energieträger. Diese finanzielle Lücke muss überbrückt werden. Es wird also darum gehen, entsprechende Fördersysteme in Europa und Nordafrika zu etablieren, so dass ein positives Investitionsklima entsteht. „Wir werden zeigen, wie durch geeignete Regelungen und Gesetze länderübergreifende Märkte für erneuerbare Energien entstehen können“, sagt van Son.
Die Probleme gehen jedoch tiefer: In Nordafrika existieren länderübergreifende elektrische Verbundsysteme, wie man sie aus Europa kennt, bisher kaum. Bei der Stromversorgung sind die einzelnen Länder vorwiegend auf sich selbst angewiesen. Ein Handel ist auf diese Weise natürlich nicht möglich. Die Dii will daher versuchen, zwischen Ländervertretern und Netzbetreibern einen Austausch über die Infrastruktur anzustoßen und so auch neue Exportmöglichkeiten zu schaffen. Wie genau sich die Dii die Realisierung der Wüstenstrom-Idee vorstellt, wird die Öffentlichkeit bald erfahren. „Wir steuern auf den Abschluss der ersten Phase zu. In den letzten zwei Jahren haben wir eine klare Strategie erarbeitet – unseren sogenannten Roll-Out-Plan, den wir im Laufe des Jahres 2012 im Detail vorstellen werden“, gibt van Son die Marschroute vor. In diesem Plan werden konkrete Maßnahmen zur Entwicklung von integrierten Energiemärkten vorgeschlagen, ebenso wie geeignete Technologien für die Energiegewinnung und -übertragung.
Ab 2016 soll ein Solarwärmekraftwerk mit einer Leistung von 150 Megawatt als erstes Referenzprojekt Strom von Marokko nach Europa liefern. Die Dii strebt für das Projekt einen Finanzierungsmix aus öffentlichen und privaten Mitteln an. Gespräche mit der Bundesregierung bezüglich einer Förderung seien sehr weit fortgeschritten, heißt es. Wie viel Geld die Dii-Gesellschafter investieren, werde derzeit erörtert und bis Ende 2012 bekanntgegeben.
Das Projekt soll eine Vorbildfunktion übernehmen und zum Nachmachen anregen. Paul van Son sieht sich und seine Mitarbeiter als Wegbereiter: „Wir gehen davon aus, dass in all diesen Ländern, in denen wir aktiv sind, weitere Kraftwerke entstehen.“

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen