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Freitag, 30. November 2012

Mehr Rechte für Patienten


Patienten in Deutschland erhalten mehr Rechte. Der Bundestag beschloss am Donnerstagabend mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen das Patientenrechtegesetz. SPD und Linke stimmten dagegen, die Grünen enthielten sich. Zuvor hatte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller  noch einmal für das Vorhaben geworben. „Wir legen einen Grundstein für eine neue Kultur in den Praxen und den Gesundheitsversorgungshäusern, für eine Kultur der Partnerschaft, der Transparenz und der Rechtssicherheit", betonte er.

Das von der Bundesregierung vorgelegte und im Gesundheitsausschuss leicht veränderte Patientenrechtegesetz sieht unter anderem vor, die bislang im Standes-, im Zivil-, im Straf- und im Sicherheitsrecht verstreuten Regelungen zu bündeln und für die Bürger übersichtlicher zu machen. In einem Behandlungsvertrag sollen die Vertragsbeziehungen zwischen Patienten und Ärzten definiert werden. Gestärkt werden soll die Information der Patienten über Untersuchungen, Diagnosen und Therapien. Dabei soll auch eine besondere Informationspflicht für die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) gelten, da die Krankenkassen oftmals diese Kosten nicht übernehmen.

Patienten erhalten bei Streitigkeiten zudem das Recht, Einsicht in ihre vollständige Patientenakte zu nehmen. Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler haben Patienten außerdem Anspruch auf die Erstellung eines Gutachtens. Einen Härtefallfonds für Opfer von Behandlungsfehlern wird es jedoch nicht geben.

Gesundheitsminister Daniel Bahr unterstrich, das neue Gesetz stärke die Position der Patienten. So sollten die Bewilligungsverfahren durch die Krankenkassen schneller erfolgen. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verwies darauf, dass das Gesetz für mehr Transparenz sorge. „Erstmals werden Informations- und Aufklärungspflichten gesetzlich verankert. Jeder kann jetzt ins Gesetz schauen und weiß sofort, welche Rechte und Pflichten ihn treffen." Die Stärkung der Rechtsposition von Patienten sei nicht länger ein bloßes Versprechen, sondern werde endlich Realität.

Verbraucherschützer äußerten sich skeptisch über das Gesetz. Der Gesundheitsexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg, Christoph Kranich, sagte dem Deutschlandfunk, in dem Gesetz stehe „nicht mehr drin" als bisher auch schon geregelt gewesen sei. Er vermisse unter anderem den Härtefallfonds.

Der Vorsitzende der Deutschen Hospizstiftung, Eugen Brysch, kritisierte im Sender NDR Info, notwendig wäre eine generelle Beweislastumkehr gewesen. Bislang beschränke sich diese auf klare Fälle „also wenn ich anstatt des linken Beins das rechte Bein amputiert habe". Dass es keinen Härtefallfonds gebe, sei „eine Riesenenttäuschung".

Quellen: dapd; dpa/pa.

Weihnachtsmarkt öffnet

Mit dem traditionellen Prolog von der Empore der Frauenkirche wird das Christkind Franziska Handke am Freitagabend den berühmten Christkindlesmarkt im bayerischen  Nürnberg eröffnen. Wie in den Vorjahren rechnet die Stadt mit mehreren Tausend Zuschauern bei der Eröffnungszeremonie. Bis zum 24. Dezember werden rund zwei Millionen Besucher aus aller Welt erwartet.

Der Nürnberger Christkindlesmarkt zählt zu den ältesten Weihnachtsmärkten in Deutschland. Er wurde 1628 als "Kindles-Marck" in einer Inschrift auf dem Boden einer Holzschatulle erstmals schriftlich erwähnt. Durch seine Lage auf dem Hauptmarkt, zwischen Frauenkirche, Schönem Brunnen und der gotischen Kirche Sankt Sebald, zählt er zu den schönsten Weihnachtsmärkten in Deutschland.

Neben Lebkuchen, Glühwein und Früchtebrot können die Besucher an den rund 180 Buden auch Bratwürste, Süßwaren, Spielzeug, Christbaumschmuck und Kunstgegenstände kaufen. Dabei legen die Veranstalter großen Wert auf ein traditionelles Warenangebot. In diesem Jahr sollen die Buden zudem erstmals mit Ökostrom betrieben und beheizt werden.

Quellen: dapd; dpa/pa.

Mittwoch, 28. November 2012

Wasserkraftwerk in Chile

Deutschlands größter Baukonzern Hochtief errichtet in Südamerika ein weiteres Wasserkraftwerk. Das Auftragsvolumen des Projekts Alto Maipo nach Santiago in Chile betrage rund 215 Millionen Euro, erklärte das Unternehmen am Mittwoch. Etwa 150 Millionen Euro davon entfielen auf Hochtief selbst.
Die Bauarbeiten für das 531-Megawatt-Kraftwerk sollen bereits im kommenden Jahr beginnen und 2017 abgeschlossen werden. Für Hochtief ist es bereits das dritte Wasserkraftwerk, das das Unternehmen in Südamerika errichtet.
Quellen: dapd; dpa/pa.

Nachhaltigkeit

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Mit Rohstoffen haushalten: Zu Fragen der angewandten Geowissenschaften und zu geowissenschaftlichen Belangen des Umwelt- und Ressourcenschutzes werden die Ministerien durch das Personal der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) beraten. Im Auftrag der Bundesregierung führen BGR-Mitarbeiter Projekte insbesondere in Entwicklungsländern durch und übernehmen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben.

www.bgr.bund.de

Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.)

Unternehmer engagieren sich für die Natur: Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) e.V. kämpft für ökologisches Wirtschaften und berät Firmen in Fragen der nachhaltigen Entwicklung. Seit 1984 sensibilisiert die Initiative Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit für den Umweltschutz.

www.baumev.de

CSR Germany

Wie Firmen soziale Verantwortung übernehmen, zeigen die Akteure von CSR Germany. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) unterstützen Unternehmer, die sich freiwillig für Gesellschaft und Umwelt einsetzen. CSR Germany ist eine politische Interessenvertretung auf nationaler, europäischer und globaler Ebene.

www.csrgermany.de

Deutscher Naturschutzring

Umwelt- und Naturschutz geht jeden an. Für die Sicherung und Steigerung unserer Lebensqualität engagiert sich der 1950 gegründete Deutsche Naturschutzring (DNR), dem als Dachverband der Natur- und Umweltschutzorganisationen in Deutschland heute 94 Verbände angehören.

www.dnr.de

econsense – Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft

Konzerne tragen Verantwortung: Das Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft e.V. (econsense) ist ein branchenübergreifendes Netzwerk global agierender Unternehmen und Organisationen der deutschen Wirtschaft. Diese wollen bei Entscheidungen ökologische und soziale Fragen berücksichtigen – also nachhaltig wirtschaften. Seit 2000 initiiert econsense den Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

www.econsense.de

Forschung für Nachhaltigkeit

Armutsbekämpfung, Klimaschutz und Schutz der biologischen Vielfalt sind Schlüsselbereiche einer „nachhaltigen umweltgerechten Entwicklung“. Für uns und für zukünftige Generationen müssen neue Technologien entwickelt werden, die den Menschen dienen und dazu beitragen, die Lebensqualität zu sichern.

www.fona.de

Forum für Nachhaltigkeit (FONA)

Regenerierbare Ressourcen dürfen nur so weit genutzt werden, wie sie auch nachwachsen. Wer dieser Formel folgt, der strebt nach Nachhaltigkeit. Auf dem Forum der Initiative Forschung für Nachhaltigkeit (FONA) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung treffen sich alljährlich Politiker, Wissenschaftler und Experten, um neue Themenschwerpunkte für das Überleben kommender Generationen zu sondieren.

www.fona.de

Lexikon der Nachhaltigkeit

Unser Planet hat begrenzte Ressourcen – und der Mensch versucht „nachhaltig“ zu wirtschaften. „Nachhaltigkeit“ bezeichnet Entwicklungsstrategien, die Bedürfnisse von heutigen und zukünftigen Generationen berücksichtigen. Nicht nur in der Ökologie, auch in Ökonomie und sozialen Fragen findet das Konzept Anwendung. Hätten Sie’s gewusst? Das alles und mehr verrät das Lexikon der Nachhaltigkeit.

www.nachhaltigkeit.info

OEKO-FAIR.DE

Politik mit dem Einkaufskorb: Kaufen Sie fair gehandelte Schokolade und ökologisch erzeugte Textilien? Die Verbraucher Initiative e.V. macht sich für die Umwelt und soziale Gerechtigkeit stark. Ihr Informationsportal OEKO-FAIR.DE beleuchtet schonenden Landbau, der auch Kaffeebauern in Entwicklungsländern Mindesteinkommen sichert.

www.oeko-fair.de

Rat für Nachhaltige Entwicklung

Auch künftige Generationen sollen die Ressourcen unserer Erde nutzen können. Die Bundesregierung zielt deshalb auf eine nachhaltige Entwicklung in Umwelt, Wirtschaft und sozialen Fragen. Seit 2001 berät der Rat für Nachhaltige Entwicklung die Politik bei der nationalen Strategie und schlägt Projekte zur Umsetzung vor. Wissenschaftler, Unternehmer und Umweltschutzexperten bringen ihr Know-how ein.

www.nachhaltigkeitsrat.de

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie

Forschen für eine nachhaltige Entwicklung – seit 1991 untersucht das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie GmbH (WI) die Ökologie und deren Wechselbeziehungen mit Wirtschaft und Gesellschaft. Das WI ist Teil des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen, zu seinen Auftraggebern gehören Kommunen, Ministerien, Verbände und Unternehmen.

www.wupperinst.org

Sonntag, 25. November 2012

"Reiseland Deutschland"


Im Restaurant „China Garten“ in der Frankfurter Innenstadt herrscht hektische Betriebsamkeit. Es ist ein Uhr mittags, Essenszeit in Deutschland. Aber nicht die Geschäftsleute der Nachbarschaft geben sich die Klinke in die Hand. Chinesische Touristen beanspruchen jede Sitzgelegenheit. Denn Frankfurt ist ein Zentrum des neuen chinesischen Tourismus. Die Zahlen der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) belegen es: Von 64 Millionen Übernachtungen im Jahr 2011 wurden in Deutschland über 1.3 Millionen von chinesischen Touristen gebucht – eine Steigerung von 21 Prozent im Vergleich zu 2010. Chinesische Reisende lieben Deutschland, und in Deutschland lieben sie vor allem Frankfurt (rund 150000 Übernachtungen im Jahr 2011). Im europäischen Vergleich können da nur London und Paris mithalten.

Daher ist Frankfurt ein idealer Ausgangspunkt für die Recherchen der chinesischen Journalistin Xu Xu. Mit ihrem Buch „Auf nach Deutschland“ hat sie den ersten Teil einer Reiseführerserie für die neue Generation der nach Deutschland reisenden Chinesen vorgelegt. „Dieser Typus ist jung, gebildet und auslandserfahren“, beschreibt ihn die Redakteurin der Chinesischen Handelszeitung. „Er bevorzugt Individualreisen und ist kulturell sehr interessiert.“ Die für das Klischee vom asiatischen Massentourismus verantwortlichen Busreisen à la „Europa in sieben Tagen“ werden ihrer Einschätzung nach bald der Vergangenheit angehören. „Busreisen waren praktisch in einer Zeit, als es größere Schwierigkeiten gab, ein Visum zu erhalten.“ Der neue chinesische Tourist kommt, um zu bleiben. Zumindest für zwei oder drei Tage am Stück. Statt die Frankfurter Oper nur von außen zu fotografieren und wieder in den Bus nach Paris über Köln und Amsterdam zu steigen, besucht er nun eine Abendvorstellung inklusive Dinner.

Veränderte Reisegewohnheiten verlangen auch neue Informationsquellen. Die modernen Medien seien ein Weg für die neuen chinesischen Touristen, so Xu Xu, sich über die Reiseziele in Deutschland zu informieren. Doch wünschten sie sich auch eine eingehende Beschäftigung mit politischen Entwicklungen, gesellschaftlichen Traditionen und historischen Hintergründen. „Für einen chinesischen Touristen sieht jede deutsche Kirche gleich aus. Also verlangt er nach weiterführenden Informationen, um sich intensiver damit auseinandersetzen zu können“, sagt sie. Auf diese neuartigen Bedürfnisse ist ihr Reiseführer zugeschnitten. Der im August 2012 erschienene erste Band behandelt die westlichen Bundesländer Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Nach einem einleitenden Kapitel über die Reisevorbereitungen – „Bitte packen Sie unbedingt einen Schal ein!“ – werden die Städte der jeweiligen Regionen ausführlich vorgestellt. Bingen etwa, Frankfurt natürlich, Mainz, Heidelberg oder Baden-Baden. Es gibt einen Tourenvorschlag, der die bei Chinesen besonders beliebten deutschen Hotspots wie Cochem an der Mosel enthalten muss. Dabei findet keine Aufzählung von Hotel- und Restaurantadressen statt, sondern Xu Xu erzählt Geschichten über Land und Leute. Viel gibt es beispielsweise zu erfahren über den deutschen Wein oder Uhren aus dem Schwarzwald. Dem deutschesten aller Mittelgebirge wurde im ersten Band von „Auf nach Deutschland“ gleich ein besonders umfangreiches Kapitel gewidmet. Vielleicht auch, weil er zu den persönlichen Lieblingsregionen von Xu Xu zählt, die eigentlich vor zehn Jahren zum Germanistikstudium mit ihrem Freund nach Deutschland kam. Sie wurde stattdessen Mutter eines Sohnes und eine in China recht erfolgreiche Autorin. In ihrer Heimatstadt Hangzhou ist sie bekannt für ihre Romane, die von Liebesfreud und Liebesleid erzählen.

Mit „Auf nach Deutschland“ könnte sie nun eine Marktlücke getroffen haben. „Die Bücher sind eine Mischung aus anspruchsvollem Reisebericht und informativem Reiseführer“, beschreibt Haitao Xiu das Konzept. Der Chefredakteur der Chinesischen Handelszeitung, die in Deutschland lebende und nach Deutschland kommende Chinesen informiert, lebt schon seit 1987 in Deutschland und hat Xu Xu bei ihrer Arbeit zum Buch unterstützt. Er spricht ein weiteres Bedürfnis der neuen Touristengeneration aus China an: Shopping. Nach einer Statistik des Unternehmens Global Blue wird der größte Umsatz durch chinesischen Touristen in Deutschland ebenfalls in Frankfurt erzielt: 99 Millionen Euro haben chinesische Touristen von Januar bis November 2011 hier ausgegeben. Das mache rund 700 Euro pro Kopf, rechnet Haitao Xiu vor. „Die jungen Reisenden haben die Kulturrevolution in China nicht mehr miterlebt. Sie sind im Wohlstand aufgewachsen, und Konsum ist für sie kein Schimpfwort“. Gekauft wird, was der deutsche Markt hergibt. Gerne Luxusmarken, die in China oft doppelt so teuer sind. Aber auch praktische Gegenstände aus Edelstahl, vom Schnellkochtopf bis zum Küchenmesser, liegen auf der Beliebtheitsskala ganz weit oben. Nur eines könne man ihren reisefreudigen Landsleuten kaum verkaufen, sagt die Autorin: Strandurlaub. „14 Tage an einem Ort im Sand liegen und in der Sonne schmoren? Vielleicht in der übernächsten Generation“, sagt Xu Xu. Daher plant sie neben zwei weiteren Bänden über Süd- und Norddeutschland derzeit ein Buch über deutsche Kleinstädte.

Petra Schönhöfer

Er lebt in Deutschland


Das Glück ist im Norden zu Hause. Und ganz im Süden. Jedenfalls in Deutschland und nach der Datenlage des im September 2012 veröffentlichten „Deutsche Post Glücksatlas“: In diesem Ranking von 19 deutschen Regionen stehen die Hamburger an der Spitze der Zufriedenen. Es folgen die Bewohner der Nordseeküste, dann die Bayern. Im Durchschnitt liegt die Lebenszufriedenheit der Deutschen bei rund sieben von zehn möglichen Punkten. Das entspricht im internationalen Vergleich einem Platz im oberen Drittel. Die Menschen im Westen und Osten Deutschlands empfinden in der Lebensqualität heute nur noch einen Unterschied von 0,2 Punkten – sie sind sich da so nah wie noch nie seit der deutschen Einheit. 1991 lag diese „Glückslücke“ noch bei 1,3 Punkten. Im europäischen Vergleich der Lebenszufriedenheit von 29 Ländern hat sich Deutschland seit 2006 (Platz 15) auf Platz neun deutlich nach vorn „gearbeitet“.

Aber wie misst man Glück, wie Lebensqualität? Ist das nicht etwas sehr Privates, Subjektives? Die Glücksforschung – eine Disziplin zwischen Soziologie und Volkswirtschaftslehre – untersucht jedenfalls viele Einzelfaktoren, die dann ein Gesamtbild ergeben, 
darunter Gesundheit, Partnerschaft, soziale Beziehungen, Beruf, Einkommen. Und auch das Gefühl von Sicherheit oder das Vertrauen in Politik und Rechtsstaatlichkeit spielen für die Lebensqualität eine wichtige Rolle. Der „Glücksatlas“, der unter Leitung des renommierten Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg entstand, gilt als die umfassendste und aktuellste Untersuchung zur Lebenszufriedenheit in Deutschland. Die Datenbasis beruht zum Großteil auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Diese Langzeitstudie bildet schon seit 1984 die Lebensumstände der Menschen in Deutschland jährlich repräsentativ anhand von Umfragen in 11 000 Haushalten ab. Außerdem haben die „Glücksatlas“-Autoren auch auf Umfragedaten des Instituts für Demoskopie Allensbach und weitere Datenquellen zurückgegriffen.

Nach dem „Glücksatlas“ sind die Hamburger auch mit ihrer Stadt besonders zufrieden. Sie stellen ihr mit 84 von 100 möglichen Punkten das beste Zeugnis unter 13 deutschen Großstädten aus. Beson­ders gern leben auch Düsseldorfer und Dresdner in ihren Städten – was zumeist neben harten Standortfaktoren wie wirtschaftlicher Attraktivität an einer Mischung aus großem Kulturangebot, guter Verkehrsinfrastruktur, Luft- und Wasserqualität und Naherholungsmöglichkeiten liegt. Als Schwächen der Großstädte gelten das geringere Zusammengehörigkeitsgefühl und mangelnde Angebote für Kinder und Familien. Es wundert nicht, dass die Beurteilung des Wirtschaftsstandorts eine Rolle für die Lebenszufriedenheit spielt: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die sich ebenfalls seit Längerem mit dem Thema Wohlstandsmessung befasst, konstatiert: Gesellschaften mit hoher Beschäftigungsrate sind auch politisch stabiler und gesünder. In einer Studie bringt sie es auf die Titel-Formel: „Better skills, better jobs, better lives“ (bessere Qualifikation, bessere Jobs, besseres Leben). Deutschland bescheinigte der jüngste OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2012“ eine deutliche Verbesserung gegenüber den Vorjahren: eine generell niedrige Arbeitslosigkeit und sogar die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, einen Höchststand in der Zahl der Studienanfänger und eine Steigerung der Quote der Hochschulabsolventen auf 30 Prozent – mehr als eine Verdopplung gegenüber 1995.

Der OECD-Bericht belegt auch: Je höher der Bildungsstand, desto höher das individuelle Einkommen und desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko. In Deutschland arbeiten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vier von zehn Erwerbstätigen in hochqualifizierten Berufen. Dieser Anteil ist stark gestiegen. 1992 waren nur drei von zehn Hochqualifizierte. Ein „guter Job“ sei für viele Menschen zudem eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit und Lebensqualität, stellt Destatis in seiner Untersuchung „Qualität der Arbeit – Geld verdienen und was sonst noch zählt, 2012“ fest. Schließlich werden am Arbeitsplatz oft mehr Stunden verbracht als mit Familie oder Freunden. 88 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind „im Allgemeinen zufrieden“ mit ihren Arbeitsbedingungen. Damit liegen sie über dem EU-Durchschnitt von 81 Prozent. Ein wesentlicher Faktor für Zufriedenheit und Lebensqualität ist die Balance zwischen Arbeit und Freizeit: In Deutschland hat die Wochenarbeitszeit seit 1991 um rund drei Stunden auf 35,4 Stunden abgenommen. Die Deutschen kommen damit auf einen der niedrigsten Werte aller OECD-Länder.

Arbeit gut, Einkommen gut, alles gut? Die internationale Glücksforschung hat festgestellt, dass es in den westlichen Industrieländern kaum eine Korrelation zwischen einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – das den Wert aller innerhalb eines Jahres produzierten Dienstleistungen und Waren eines Landes beziffert – 
und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben gibt. Der Volkswirtschaftler Karlheinz Ruckriegel aus Nürnberg stellt diesen Trend auch für Deutschland fest: „Die Zahlen des Sozio-oekonomischen Panels zeigen für die letzten 20 Jahre keinen Zusammenhang zwischen dem BIP pro Kopf und der Lebenszufriedenheit.“ Kurz: Geld macht nicht glücklicher. Jedenfalls nicht allein, jedenfalls nicht, wenn die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Wirtschaftswachstum als zentraler Maßstab für Lebensqualität hat wohl ausgedient, da sind sich viele Experten einig.

Eine Wissenschaftlerkommission unter Leitung des US-amerikanischen Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz hat im Auftrag der französischen Regierung untersucht, mit welchen Mitteln sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen ließen, ohne von Einkommensgrößen wie dem BIP auszugehen. Sie schlug vor, dass das wirtschaftspolitische Ziel nicht Wachstum sein sollte, sondern unter anderem die objektive Lebensqualität (Gesundheit, Bildung, Umwelt) und die ökologische Nachhaltigkeit. Ende Oktober 2011 hat die OECD die Studie „How’s life? Measuring well-being“ publiziert, in der sie elf Indikatoren zu Lebensqualität und Wohlbefinden vorlegt – im Mittelpunkt stehen auch hier die Menschen und nicht die wirtschaftliche Gesamtentwicklung. Deutschland liegt bei diesem Lebensqualitätsindex im oberen Mittelfeld.

Auch Deutschland diskutiert, was Lebensqualität wirklich ausmacht: Der Deutsche Bundestag hat eine Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt, die 2011 die Arbeit aufgenommen hat. Ihr gehören 34 Parlamentarier und Wissenschaftler an. Sie soll das rein ökonomisch und quantitativ orientierte BIP als Maßstab für gesellschaftliches Wohlergehen weiterentwickeln und um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien ergänzen. Dazu könnten zum Beispiel Indikatoren wie Einkommensverteilung, Schuldenstand, ökologischer Fußabdruck oder Bildungschancen und Innovationsfähigkeit gehören. Natürlich sind viele dieser Informationen veröffentlicht. „Was wir aber nicht haben“, sagt Beate Jochimsen, Kommissionsmitglied und Professorin für Finanzwirtschaft in Berlin, „ist ein Set, in dem die Indikatoren übersichtlich dargestellt werden.“ Gert C. Wagner, ebenfalls Enquetemitglied und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, unterstützt zudem die Einrichtung eines neuen Gremiums, eines „Sachverständigenrats für nachhaltige Lebensqualität“. Es könnte regelmäßig über Veränderungen in den Bereichen Wohlstand und Lebensqualität informieren und die Sicht der „Fünf Wirtschaftsweisen“ in ihrem jährlichen Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ergänzen.

Die – zum Teil sehr konträr geführten – Debatten in den vier Projektgruppen der Enquetekommission sind aber noch in vollem Gang. „Es gibt insbesondere zur Frage über die Rolle des Wirtschaftswachstums gravierende Unterschiede“, sagt die Kommissionsvorsitzende und SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe. Denn auch wenn dies nicht der einzige Maßstab für Lebensqualität ist: Als eines der größten Glückshemmnisse gilt die Arbeitslosigkeit.

Er lebt in Deutschland


Das Glück ist im Norden zu Hause. Und ganz im Süden. Jedenfalls in Deutschland und nach der Datenlage des im September 2012 veröffentlichten „Deutsche Post Glücksatlas“: In diesem Ranking von 19 deutschen Regionen stehen die Hamburger an der Spitze der Zufriedenen. Es folgen die Bewohner der Nordseeküste, dann die Bayern. Im Durchschnitt liegt die Lebenszufriedenheit der Deutschen bei rund sieben von zehn möglichen Punkten. Das entspricht im internationalen Vergleich einem Platz im oberen Drittel. Die Menschen im Westen und Osten Deutschlands empfinden in der Lebensqualität heute nur noch einen Unterschied von 0,2 Punkten – sie sind sich da so nah wie noch nie seit der deutschen Einheit. 1991 lag diese „Glückslücke“ noch bei 1,3 Punkten. Im europäischen Vergleich der Lebenszufriedenheit von 29 Ländern hat sich Deutschland seit 2006 (Platz 15) auf Platz neun deutlich nach vorn „gearbeitet“.

Aber wie misst man Glück, wie Lebensqualität? Ist das nicht etwas sehr Privates, Subjektives? Die Glücksforschung – eine Disziplin zwischen Soziologie und Volkswirtschaftslehre – untersucht jedenfalls viele Einzelfaktoren, die dann ein Gesamtbild ergeben, 
darunter Gesundheit, Partnerschaft, soziale Beziehungen, Beruf, Einkommen. Und auch das Gefühl von Sicherheit oder das Vertrauen in Politik und Rechtsstaatlichkeit spielen für die Lebensqualität eine wichtige Rolle. Der „Glücksatlas“, der unter Leitung des renommierten Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg entstand, gilt als die umfassendste und aktuellste Untersuchung zur Lebenszufriedenheit in Deutschland. Die Datenbasis beruht zum Großteil auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Diese Langzeitstudie bildet schon seit 1984 die Lebensumstände der Menschen in Deutschland jährlich repräsentativ anhand von Umfragen in 11 000 Haushalten ab. Außerdem haben die „Glücksatlas“-Autoren auch auf Umfragedaten des Instituts für Demoskopie Allensbach und weitere Datenquellen zurückgegriffen.

Nach dem „Glücksatlas“ sind die Hamburger auch mit ihrer Stadt besonders zufrieden. Sie stellen ihr mit 84 von 100 möglichen Punkten das beste Zeugnis unter 13 deutschen Großstädten aus. Beson­ders gern leben auch Düsseldorfer und Dresdner in ihren Städten – was zumeist neben harten Standortfaktoren wie wirtschaftlicher Attraktivität an einer Mischung aus großem Kulturangebot, guter Verkehrsinfrastruktur, Luft- und Wasserqualität und Naherholungsmöglichkeiten liegt. Als Schwächen der Großstädte gelten das geringere Zusammengehörigkeitsgefühl und mangelnde Angebote für Kinder und Familien. Es wundert nicht, dass die Beurteilung des Wirtschaftsstandorts eine Rolle für die Lebenszufriedenheit spielt: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die sich ebenfalls seit Längerem mit dem Thema Wohlstandsmessung befasst, konstatiert: Gesellschaften mit hoher Beschäftigungsrate sind auch politisch stabiler und gesünder. In einer Studie bringt sie es auf die Titel-Formel: „Better skills, better jobs, better lives“ (bessere Qualifikation, bessere Jobs, besseres Leben). Deutschland bescheinigte der jüngste OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2012“ eine deutliche Verbesserung gegenüber den Vorjahren: eine generell niedrige Arbeitslosigkeit und sogar die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, einen Höchststand in der Zahl der Studienanfänger und eine Steigerung der Quote der Hochschulabsolventen auf 30 Prozent – mehr als eine Verdopplung gegenüber 1995.

Der OECD-Bericht belegt auch: Je höher der Bildungsstand, desto höher das individuelle Einkommen und desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko. In Deutschland arbeiten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vier von zehn Erwerbstätigen in hochqualifizierten Berufen. Dieser Anteil ist stark gestiegen. 1992 waren nur drei von zehn Hochqualifizierte. Ein „guter Job“ sei für viele Menschen zudem eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit und Lebensqualität, stellt Destatis in seiner Untersuchung „Qualität der Arbeit – Geld verdienen und was sonst noch zählt, 2012“ fest. Schließlich werden am Arbeitsplatz oft mehr Stunden verbracht als mit Familie oder Freunden. 88 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind „im Allgemeinen zufrieden“ mit ihren Arbeitsbedingungen. Damit liegen sie über dem EU-Durchschnitt von 81 Prozent. Ein wesentlicher Faktor für Zufriedenheit und Lebensqualität ist die Balance zwischen Arbeit und Freizeit: In Deutschland hat die Wochenarbeitszeit seit 1991 um rund drei Stunden auf 35,4 Stunden abgenommen. Die Deutschen kommen damit auf einen der niedrigsten Werte aller OECD-Länder.

Arbeit gut, Einkommen gut, alles gut? Die internationale Glücksforschung hat festgestellt, dass es in den westlichen Industrieländern kaum eine Korrelation zwischen einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – das den Wert aller innerhalb eines Jahres produzierten Dienstleistungen und Waren eines Landes beziffert – 
und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben gibt. Der Volkswirtschaftler Karlheinz Ruckriegel aus Nürnberg stellt diesen Trend auch für Deutschland fest: „Die Zahlen des Sozio-oekonomischen Panels zeigen für die letzten 20 Jahre keinen Zusammenhang zwischen dem BIP pro Kopf und der Lebenszufriedenheit.“ Kurz: Geld macht nicht glücklicher. Jedenfalls nicht allein, jedenfalls nicht, wenn die materiellen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Wirtschaftswachstum als zentraler Maßstab für Lebensqualität hat wohl ausgedient, da sind sich viele Experten einig.

Eine Wissenschaftlerkommission unter Leitung des US-amerikanischen Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz hat im Auftrag der französischen Regierung untersucht, mit welchen Mitteln sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen ließen, ohne von Einkommensgrößen wie dem BIP auszugehen. Sie schlug vor, dass das wirtschaftspolitische Ziel nicht Wachstum sein sollte, sondern unter anderem die objektive Lebensqualität (Gesundheit, Bildung, Umwelt) und die ökologische Nachhaltigkeit. Ende Oktober 2011 hat die OECD die Studie „How’s life? Measuring well-being“ publiziert, in der sie elf Indikatoren zu Lebensqualität und Wohlbefinden vorlegt – im Mittelpunkt stehen auch hier die Menschen und nicht die wirtschaftliche Gesamtentwicklung. Deutschland liegt bei diesem Lebensqualitätsindex im oberen Mittelfeld.

Auch Deutschland diskutiert, was Lebensqualität wirklich ausmacht: Der Deutsche Bundestag hat eine Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt, die 2011 die Arbeit aufgenommen hat. Ihr gehören 34 Parlamentarier und Wissenschaftler an. Sie soll das rein ökonomisch und quantitativ orientierte BIP als Maßstab für gesellschaftliches Wohlergehen weiterentwickeln und um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien ergänzen. Dazu könnten zum Beispiel Indikatoren wie Einkommensverteilung, Schuldenstand, ökologischer Fußabdruck oder Bildungschancen und Innovationsfähigkeit gehören. Natürlich sind viele dieser Informationen veröffentlicht. „Was wir aber nicht haben“, sagt Beate Jochimsen, Kommissionsmitglied und Professorin für Finanzwirtschaft in Berlin, „ist ein Set, in dem die Indikatoren übersichtlich dargestellt werden.“ Gert C. Wagner, ebenfalls Enquetemitglied und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, unterstützt zudem die Einrichtung eines neuen Gremiums, eines „Sachverständigenrats für nachhaltige Lebensqualität“. Es könnte regelmäßig über Veränderungen in den Bereichen Wohlstand und Lebensqualität informieren und die Sicht der „Fünf Wirtschaftsweisen“ in ihrem jährlichen Gutachten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ergänzen.

Die – zum Teil sehr konträr geführten – Debatten in den vier Projektgruppen der Enquetekommission sind aber noch in vollem Gang. „Es gibt insbesondere zur Frage über die Rolle des Wirtschaftswachstums gravierende Unterschiede“, sagt die Kommissionsvorsitzende und SPD-Abgeordnete Daniela Kolbe. Denn auch wenn dies nicht der einzige Maßstab für Lebensqualität ist: Als eines der größten Glückshemmnisse gilt die Arbeitslosigkeit.

Top Marken in Deutschland Destination

In einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Online-Reiseportals „AB-ROAD“ zur Auslandsreisetätigkeit in Japan hat das Reiseland Deutschland Bestnoten erhalten. In zwei von sechs Kategorien – Sicherheit und Sauberkeit sowie Gastfreundlichkeit – erhielt Deutschland die Note 1. In der Gesamtwertung landete Deutschland auf Rang sechs der Länder, die die Japaner in Zukunft besuchen wollen.

www.dzt.de

Samstag, 24. November 2012

Serie: Partner für Klima, Umwelt und Energie

Vorreiter im Klimaschutz

Deutschland ist eine treibende Kraft im Klimaschutzprozess. Es setzt sich für die Klimarahmenkonvention ein und gehört zu den Mit­begründern der ­Inter­nationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA). An der Spitze des VN-Umweltprogramms UNEP steht der Deutsche Achim Steiner. In der Pazifik-Region erar­beitet Deutschland gemeinsam mit Inselstaaten und dem Secretariat of the Pacific Community Klimaschutz­strategien. Schwerpunkte des Programms liegen in der Land- und Forstwirtschaft. „Wir glauben, dass die Vorreiter­rolle Deutschlands bei den erneuerbaren Energien nicht nur für den Technologietransfer in andere Teile der Welt gut ist, sondern dass beide Seiten gewinnen können“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

www.bmu.de

Engagement für erneuerbare Energien

In erneuerbaren Energien sieht Deutschland die Zukunft einer sicheren und nachhaltigen Energieversorgung. Die Bundesregierung hat beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen und bis 2022 alle Atomkraftwerke stillzulegen. Technologisch ist Deutschland bei Wind- und Solarenergie führend. Allein 40 Offshore-Windparks sollen in den nächsten Jahren vor der deutschen Nord- und Ostsee­küste entstehen. Deutschland ist Windenergie-Weltmeister und ein weltweit gefragter Kooperations­partner für diese nachhaltige Energie-Technologie.

www.erneuerbare-energien.de

Ausbildung für den Klimaschutz

Sein Know-how im Klimaschutz und bei erneuerbaren Energien gibt Deutschland gezielt an die nächste Generation weiter. An deutschen Hochschulen werden mittlerweile mehr als 250 Studiengänge zu erneuerbaren Energien angeboten, darunter viele englischsprachige Programme. Die Förderung von Nachwuchs­kräften aus Entwicklungsländern fördert Deutschland zum Beispiel mit dem Internationalen Klima­schutzstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung oder dem Postgraduate Programme Renew­able Energy in Oldenburg.

www.studium-erneuerbare-­energien.de

Die Ressource Wasser gerecht verteilen

Deutschland ist einer der größten Geber im Wassersektor und kooperiert eng mit 30 Ländern. Es setzt sich für eine gerechte Verteilung der Ressource ein. Die „German Water Partnership“-Initiative unterstützt die Entwicklungszusammenarbeit mit technischen Lösungen. In Afrika, Asien und im Nahen Osten setzt Deutschland Projekte für eine bessere Wasserversorgung um. Mit Zentral­asien hat Deutschland eine Initiative gestartet, die das Wassermanagement und die grenzüberschreitende Zusammen­arbeit verbessern soll. Deutschland setzt auf das Potenzial, das Wasser für regionale Kooperation bietet.

www.germanwaterpartnership.de

Deutsch Architekten erfolgreich

Sie gehören zu den Spezialisten für „grünes“ Bauen: die 100 Mitarbeiter des 1989 von Stefan Behnisch gegründeten Büros Behnisch Architekten. An den Standorten Stuttgart, München und Boston arbeiten sie an nachhaltigen Architekturprojekten. Dazu gehören ökologische Baustoffe, der Einsatz natürlicher Ressourcen wie Sonne, Wind, Außenluft und Erdreichkühle. Zudem wird das Tageslicht optimal ausgenutzt, um den Energieverbrauch weiter zu senken. Nach diesen Prinzipien entstanden unter anderem die Norddeutsche Landesbank in Hannover (2002), die Unilever-Zentrale in Hamburg (2009), ein gläsernes Seminar- und Laborgebäude für die Universität Toronto (2005) und der Sitz des Biotech-Unternehmen Genzyme in Cambridge, USA (2004). Für seinen Lösungsansatz zur Nachhaltigkeit wurde Stefan Behnisch 2007 mit dem „Global Award for Sustainable Architecture“ ausgezeichnet.

Zu den international erfolgreichsten deutschen Architekten gehören Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg mit ihrem Büro gmp. Ihre Karriere begann schon mit dem von 1969 bis 1971 errichteten Flughafen Tegel in Berlin. Den sechseckigen Bau entwarfen sie als „Drive-In-Airport“ – eine innovative Idee, die Schule machte. Inzwischen ist gmp mit 500 Mitarbeitern in zehn Büros im In- und Ausland aktiv und hat mehr als 300 Bauten realisiert. Dazu gehören die Neue Messe Leipzig und der Hauptbahnhof Berlin. In Südafrika, Brasilien, Indien und Polen hat gmp Sportstadien errichtet, die wegen ihres multifunktionalen Designs und innovativer Technologien weltweit Beachtung finden. Besonders erfolgreich läuft die Arbeit in China: Das Büro baute etwa Kongress- und Kulturzentren, das Nationalmuseum Peking und das Grand Theater in Tianjin. In Hangzhou entsteht zurzeit ein neuer Bahnhof.

Auch das Frankfurter Architektur- und Stadtplanungsbüro Albert Speer & Partner (AS&P) mit 120 Mitarbeitern ist international im Geschäft und in China besonders gefragt. Unter der Regie von AS&P entstanden dort High-Tech-Parks, Verwaltungsgebäude, neue Städte. Speer wird auch bei der Fußball-WM 2022 in Katar eine Rolle spielen: Das Büro hat das Bewerbungskonzept erarbeitet und deshalb gute Chancen, den Zuschlag für den Bau von Stadien zu erhalten. Geplant ist, die Arenen im Wüstenemirat mit Solarenergie zu kühlen.

6. World Urban Forum der Vereinten Nationen vom 01. bis 07. September 2012 in Neapel.

www.gmp-architekten.de

www.as-p.de

www.behnisch.com

Die neue Mode für Zoo

Tropische Hitze liegt in der Luft, exotische Pflanzen vermitteln ein Dschungelgefühl, geheimnisvolle Tierlaute sind zu vernehmen: In Leipzig wird der Zoobesuch zum Abenteuer im Regenwald. Gondwanaland, benannt nach dem ehemaligen Urkontinent der Südhalbkugel, heißt die jüngste Sehenswürdigkeit des Zoos. Die Mitte 2011 eröffnete Tropenhalle ist die größte in Europa. Unter einer gewaltigen Glaskuppel und auf einer Fläche von zweieinhalb Fußballplätzen hat der Zoo Leipzig für 300 Tiere aus 40 Arten und 17.000 Pflanzen ein neues Zuhause geschaffen. Für Zoobesucher eröffnet sich hier eine faszinierende Welt: In der Kiwara-Savanne zum Beispiel, der Nachbildung einer afrikanischen Steppe, lassen sich Zebras, Antilopen und Gazellen beobachten. Weitere Attraktionen sind eine Bootsfahrt auf dem Urwaldfluss und ein Spaziergang in luftiger Höhe entlang des Baumwipfelpfads.

Erlebnislandschaften wie Gondwanaland, für die der Zoo Leipzig für den deutschen Tourismuspreis 2012 nominiert ist, machen Zoos in Deutschland so populär nie. Rund 35 Millionen Menschen lösten im Jahr 2011 ein Ticket für einen Zoobesuch – ein neuer Besucherrekord. Besonders bekannte Zoos in Deutschland sind der Tierpark und der Zoologische Garten in Berlin, die Tierparks Hagenbeck in Hamburg und Hellabrunn in München, die Zoologischen Gärten in Köln und Frankfurt am Main sowie die Wilhelma in Stuttgart. Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als 200 größere Zoos, Tier- und Wildparks. Hinzu kommen 500 Kleinzoos, Tiergehege, Vogelparks, Reptilienzoos und Aquarien.

Artgerechte Tierhaltung ist vielen Zoos ein wichtiges Anliegen. Sie achten darauf, dass nicht allein der Unterhaltungswert für Besucher zählt. Einige Zoos und Tierparks engagieren sich auch bei internationalen Artenschutzprojekten. Der Zoo Leipzig etwa beteiligt sich gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin an einer Zuchtstation für Sabah-Nashörner auf Borneo. In Frankfurt am Main arbeitet der Zoo eng mit der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt zusammen. Die internationale Naturschutzorganisation unterstützt 70 Naturschutzprojekte in 30 Ländern und ist besonders bekannt für ihre Arbeit in der Serengeti in Ostafrika.

www.zoodirektoren.de

www.zoo-leipzig.de

Die Stabilität der empfindlichen Ökosysteme in Ostafrika

Seine Ausmaße sind riesig, seine Probleme ebenfalls: Der Victoriasee, das größte tropische Süßwasserreservoir der Welt, gilt unter Wissenschaftlern als Beispiel eines ökologisch destabilisierten Gewässers. Rund 30 Millionen Menschen leben in seinem Einzugsgebiet, Tendenz stetig steigend. Zahllose Kubikmeter industrielle und kommunale Abwässer werden ungeklärt in den See geleitet. Ein weiteres Problem ist die Überfischung. Bis zu einer Million Tonnen Fisch werden jährlich gefangen. Wichtigste Fischart für den Export ist der nicht heimische Nilbarsch, der mittlerweile große Teile der ursprünglichen Fischpopulation vernichtet hat.

Ein trilaterales Kooperationsprojekt kenianischer, deutscher und israelischer Experten wird sich nun der komplexen Problematik annehmen. Zunächst gilt es, die Überfischung durch eine Intensivierung der Aquakultur einzudämmen. Die verstärkte Zucht von Nil-Tilapias, schnellwüchsigen Buntbarschen, in Teichen soll Fischern und Bauern eine alternative Einkommensquelle bieten. Wichtig ist dabei, den gesamten Wertschöpfungsprozess vom Erzeuger bis zum Endverbraucher zu optimieren, betont die Projektleiterin Andrea Bahm von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). „Wir haben alle beteiligten Gruppen zusammengeführt und die gesamte Kette analysiert.“ Demnach sei es unter anderem essentiell, mehr Kühlkapazitäten zu schaffen, um die Preise zu stabilisieren und Verluste durch Verderb zu verhindern. Insgesamt stehen für die Umsetzung der Ziele in den Jahren 2012 bis 2014 2,5 Millionen Euro bereit, wovon Deutschland und Kenia jeweils 1,4 Millionen und 700000 Euro beisteuern. Die staatliche israelische Entwicklungshilfe-Organisation MASHAV stellt 400000 Euro und international anerkannte Fischzucht-Spezialisten zu Verfügung.

In einem weiteren Schritt wollen die Projektpartner nachhaltige Lösungen zur Bekämpfung der Wasserverschmutzung im Victoriasee entwickeln. Ein nicht geringer Teil der Abwässer entstammt der fischverarbeitenden Industrie und der Landwirtschaft. Eine Aufwertung der Wasserqualität dürfte die Stabilität des Ökosystems wesentlich verbessern und auch der Fischereiwirtschaft zu gute kommen.
Kurt de Swaaf

leben in Städten

Staatssekretär Rainer Bomba vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung kommt gerne nach Bogotá. Ende März 2012 nahm er bei einem von der deutsch-kolumbianischen Handelskammer organisierten Forum über die Lösung von Transportproblemen teil und schon ein halbes Jahr zuvor war er bei einer ähnlichen Veranstaltung in der Stadt. Bogotá gilt, was Stadtentwicklung angeht, weltweit als ein Beispiel. Deutsche Entwicklungszusammenarbeit bei der Lösung urbaner Probleme ist hier genau so, wie sie sein soll: eine Zusammenarbeit gleichberechtigter Partner.

Dabei ist die Acht-Millionen-Metropole eine der am schnellsten wachsenden Städte des Kontinents und Kolumbien ein Land, das seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten leidet. Diese Kombination führt in der Regel zu Verkehrchaos, Slums und Gewalt. Es ist noch keine 20 Jahre her, da war Bogotá genau dafür bekannt. Heute aber kann man im Zentrum in Fußgängerzonen an Geschäften vorbeiflanieren, sich gefahrlos in ein Straßencafé setzen und sogar mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Keine andere Großstadt Lateinamerikas hat ein so dichtes Radwegenetz.

Einer derjenigen, die das zu verantworten haben, ist Antanas Mockus, Bürgermeister von Bogotá in den Jahren 1995 bis 1997 und 2000 bis 2003. Der heute 60-Jährige gilt als extravagant, weil er spektakuläre Aktionen liebt. So hat er Clowns auf die Straße geschickt, um undisziplinierten Autofahrern auf nette Art nahe zu bringen, dass man Fußgänger zu respektieren hat. Er selbst hat sich bei dieser Kampagne in ein Superman-Kostüm gezwängt. „Natürlich riskiert man, nicht ernst genommen zu werden“, sagt er. „Aber man wird verstanden.“

Mockus und der zwischen seinen beiden Amtszeiten regierende Bürgermeister Enrique Peñalosa haben mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen aus der aus den Fugen geratenen Stadt ein Gemeinwesen gemacht. Sie haben Parks gebaut und in den Außenvierteln kleine Stadtteilzentren gebaut, damit die Menschen zusammenkommen können. Und sie haben ein Transportsystem geschaffen, das diese Stadtteile verbindet.

Das Transmilenio genannte System ist sehr viel billiger als eine U-Bahn und doch genauso effektiv: Große rote Busse mit Platz für bis zu 150 Passagiere mit eigenen überdachten Haltestellen und eigenen Fahrspuren. Sie verkehren im Takt von wenigen Minuten – vorbei an allen Staus. Elf Linien gibt es, dazu Zubringerdienste mit kleineren Bussen auf nahezu 90 Routen. InWEnt, die in der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aufgegangene Agentur für Internationale Weiterbildung und Entwicklung, hat Transmilenio von Anfang an begleitet und schon im Jahr 2000, als der erste Bus auf die Straße ging, das Projekt in anderen Ländern vorgestellt. Mit Erfolg: Ähnliche Busnetze gibt es heute in Lima, Quito, Santiago de Chile und Guatemala-Stadt.

Auch in anderer Hinsicht können lateinamerikanische Städte von Bogotá lernen. Die kolumbianische Hauptstadt war eine der ersten Metropolen, die vor dem Zustrom armer Landbevölkerung die Augen nicht verschloss, sondern ihnen Siedlungsfläche mit der nötigen Infrastruktur aus Wegen, Wasser, Abwasser und Strom zur Verfügung stellte. Ohne diese Steuerung wären Slums entstanden wie La Chacra in El Salvadors Hauptstadt San Salvador: Hütten aus Holz, Wellblech und Karton in einer Schlucht, ohne Abwasser und ohne Müllabfuhr.

Immer wieder werden solche Slums einfach platt gewalzt – nur um an anderer Stelle neu zu entstehen. In San Salvador ging die staatsunabhängige Organisation Fundasal mit der finanziellen Hilfe der deutschen KfW-Bank einen anderen Weg: La Chacra wurde saniert. Die Besitzverhältnisse wurden geklärt, über Jahrzehnte gewachsene Müllberge beseitigt, Wasser- und Abwasserleitungen gezogen, Straßen und Wege angelegt, Parks und kleine Gemeindehäuser gebaut. Fundasal stellte Architekten, Baumeister, schweres Gerät und Material, den Rest erledigten die Bewohner eigenständig. In wenigen Jahren wurde der Ort von einem Müllplatz zu einer zwar bescheidenen, aber doch lebenswerten Heimat für fast 2000 Familien. Und das zu einem günstigen Preis: Die Sanierung kostete knapp fünf Millionen Euro.

La Chacra war einst entstanden, weil es auf dem Gelände vier Quellen gibt. Eines der wesentlichen Probleme lateinamerikanischer Großstädte war damit gelöst: Es gab Wasser. Obwohl dies meist ein knappes Gut ist, wird oft verschwenderisch damit umgegangen. Im Leitungssystem der peruanischen Hauptstadt Lima etwa gehen fast 40 Prozent des Wassers verloren. Der Grund ist einfach: Die Leitungen sind auf das Maximum der Nachfrage ausgelegt. Wird weniger verbraucht, etwa in der Nacht, dann steigt der Druck. Das erhöht das Risiko von Rohrbrüchen. Ist schon ein Leck vorhanden, schießt bei hohem Druck sehr viel mehr Wasser ins Erdreich. Ganz lässt sich der Wasserverlust nie vermeiden, aber er muss nicht so drastisch sein. Das zeigt ein Projekt der GIZ in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Wasserversorger von Lima und der Mannheimer VAG-Amaturen GmbH. In zwei Mustersektoren wurden die Leitungssysteme mit Regelungsventilen ausgestattet, die den Wasserdruck bedarfsgerecht regulieren. Das Ergebnis: Der Wasserverlust wurde dauerhaft um elf Prozent reduziert.

Auch Mockus kennt das Problem aus seiner Zeit als Bürgermeister von Bogotá. Er ging den Wassermangel auf seine Art an: Um zu zeigen, wie man Wasser spart, ließ er sich bei einem schnellen Duschbad filmen. Das wollte jeder sehen. Die Erziehungskampagne hatte Erfolg: Der Wasserverbrauch in Bogotá sank um zehn Prozent.

Toni Keppeler

Finden Sie die Umwelt

Greift der Mensch in die Natur ein, kann das fatale Auswirkungen haben. Das zeigt beispielhaft die Abholzung der tropischen Regenwälder, die sich durch eine unvergleichliche Artenvielfalt auszeichnen und zur Stabilisierung des weltweiten Klimas beitragen. Doch geht es um die Nutzung der Waldflächen, scheinen ökologische Notwendigkeiten und ökonomische Interessen oft unvereinbar. Die Robert Bosch-Stiftung hat daher den promovierten Agrarwissenschaftler Jan Börner beauftragt, Strategien für eine bioökonomische Nutzung von südamerikanischen Regenwaldflächen aufzuzeigen. Der 37 Jahre alte „Robert Bosch-Juniorprofessor“ wird dazu an der Universität Bonn eine Nachwuchsforschungsgruppe aufbauen und untersuchen, wie Regierungen umweltpolitische Instrumente entwickeln können, um den Regenwald nachhaltig zu bewirtschaften. Das kann etwa mit Hilfe so genannter Agroforst-Systeme erfolgen, die einer einseitigen Nutzung des Bodens entgegenwirken. In einigen Amazonas-Gemeinden werden sie bereits erfolgreich umgesetzt und stellen eine gute Alternative zur bisherigen Brandrodung dar.
www.bosch-stiftung.de

Freitag, 23. November 2012

Siemens bietet nachhaltige Energie

Weiterer Erfolg für den deutschen Technologiekonzern Siemens: Das Unternehmen liefert 300 riesige Windturbinen für eine Offshoreanlage, die von 2014 bis 2017 vor der Küste Großbritanniens installiert wird. Mit einer Länge von 75 Metern kommen bei den Turbinen die weltweit größten Rotorblätter zum Einsatz. Die Leistung reicht aus, um rund 6000 Haushalte mit Strom zu versorgen.
www.siemens.de

Ideen für Water Management


Auf dem zweiten Wasserforum der deutsch-arabischen Zusammenarbeit in Hamburg erarbeiten Experten Lösungen für eine bessere Wasserversorgung im arabischen Raum.
Die Euro-Mediterranean Association for Cooperation and Development (EMA) erwartet in dieser Woche gut 250 Wasserexperten und hochrangige Politiker aus Deutschland und der arabischen Welt zu einer dreitägigen Konferenz in Hamburg. Ziel ist es, die bei der ersten Konferenz vor zwei Jahren begonnene Zusammenarbeit weiter zu intensivieren. „Wasser ist eine Lebensgrundlage und nur durch eine enge Kooperation lassen sich nachhaltige Lösungen für die Wasserknappheit in EMA-Region erarbeiten“, beschreibt der Gründer und Generalsekretär der EMA, Abdelmajid Layadi, den Ansatz der Konferenz, die unter der Schirmherrschaft des jordanischen Prinzen Hassan bin Talal und des deutschen Bundesumweltministers Peter Altmaier steht.

Der arabische Raum ist die wasserärmste Region der Welt, die aufgrund geringer und unregelmäßiger Niederschläge, hoher Verdunstungsraten und einem stetig sinkenden Grundwasserspiegel einen Großteil des benötigten Wassers für Haushalte und Wirtschaft aus den Anrainerstaaten beziehen muss. Die Versorgungssicherheit droht in Zukunft noch stärker abzunehmen. Deutschland wiederum zählt weltweit zu den führenden Nationen in Sachen Wasserwirtschaft mit zahlreichen Unternehmen, die ihr Know-how weltweit exportieren – ob in der Aufbereitung von Trinkwasser, der Entsalzungstechnik, der Effizienzsteigerung oder der Abwasserentsorgung. Außerdem unterstützt die Bundesregierung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit zahlreiche Länder in der arabischen Welt bei der Modernisierung ihrer Wasserversorgung.

Neben Themen wie urbanes und rurales Wassermanagement, Wasseraufbereitung, Verlustreduzierung und Einsparpotenzialen steht auch die Wechselbeziehung zwischen Wasser und erneuerbaren Energien im Fokus der Konferenz: „Eine bessere Wasserversorgung benötigt mehr und mehr Energie, während eine effizientere Energieversorgung immer mehr Wasser benötigt“, sagt Bundesumweltminister Peter Altmaier in seinem Grußwort.

DE Magazin Deutschland und www.deutschland.de sind Medienpartner des zweiten Hamburger Wasserforums für die EMA-Region.

2. Hamburger Wasserforum für die EMA-Region vom 10. bis 12. September 2012

www.ema-germany.org/go/wasserforum2012

Masdar City - die Stadt der Zukunft

Am Persischen Golf entsteht mit deutscher Beteiligung das Modell einer Ökostadt. Ein Blick in die Zukunft der Metropolen anlässlich des 6. World Urban Forum der Vereinten Nationen.


Das Labor für die Stadt von morgen liegt mitten in der arabischen Wüste. Mit Masdar-City entsteht ganz in der Nähe von Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Ökostadt des 21. Jahrhunderts. Die grüne Experimentierstätte am Golf ist ein ambitioniertes Projekt: Die für 50.000 Einwohner ausgelegte Stadt, für die der britische Star-Architekt Norman Foster den Masterplan entworfen hat, soll die erste kohlendioxidfreie, abfallfreie und autofreie Stadt der Welt werden. Daran arbeiten auch deutsche Experten und Unternehmen mit.

Zum Beispiel bei der zentralen Frage der Energieversorgung: In Masdar-City soll diese komplett durch erneuerbare Energien erfolgen. Das Konzept hierfür hat das Ingenieurbüro Transsolar Engineering aus Stuttgart mitentwickelt. Die Grundidee dabei: Die Energie, die verbraucht wird, soll direkt in der Stadt erzeugt werden – auf regenerativem Weg. In der Wüstenstadt ist die Solarenergie die wichtigste Quelle. Rund 85 Prozent der Energie wird daraus erzeugt. Ein modernes Solarkraftwerk soll auch dann Energie liefern, wenn die Sonne gerade einmal nicht scheint und so den Strombedarf weitgehend decken. Für den Masdar Plaza, den Mittelpunkt des städtischen Lebens, hat das Stuttgarter Architektenbüro LAVA die Gestaltung übernommen. Blickfang sind überdimensionale Sonnenschirme, die wie gewaltige Sonnenblumen aus dem Boden sprießen. Sie richten sich nach der Sonne aus und spenden am Tag Schatten. Nachts klappen sie sich ein und lassen so die tagsüber aufgestaute Wärme entweichen.

Mit dem Masdar Institute of Science and Technology verfügt Masdar-City auch über ein wissenschaftliches Institut, das sich als ökologische Denkwerkstatt versteht. Im Bereich Forschung und Entwicklung kooperiert das Institut mit der RWTH Aachen und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Deutsche Großunternehmen wie Siemens sind ebenfalls Partner des Instituts und engagieren sich beim derzeit größten Stadtbauprojekt im Mittleren Osten. Der Technologiekonzern ist bei der Installation eines intelligenten Stromnetzes beteiligt und will seine Kompetenzen bei moderner Gebäudetechnik einbringen. Dass Siemens an die Zukunft der Ökostadt glaubt, zeigt auch eine andere Entscheidung des Konzerns: In Masdar-City soll die neue Unternehmenszentrale für den Nahen und Mittleren Osten entstehen – gebaut nach neuesten Standards der Klima- und Energieeffizienz.

http://masdarcity.ae/en/

Deutsch Architekten erfolgreich

Auf dem 6. World Urban Forum der Vereinten Nationen rückt die Zukunft der Städte in den Blick. Ideen deutscher Architekten sind international gefragt – drei Beispiele.
Sie gehören zu den Spezialisten für „grünes“ Bauen: die 100 Mitarbeiter des 1989 von Stefan Behnisch gegründeten Büros Behnisch Architekten. An den Standorten Stuttgart, München und Boston arbeiten sie an nachhaltigen Architekturprojekten. Dazu gehören ökologische Baustoffe, der Einsatz natürlicher Ressourcen wie Sonne, Wind, Außenluft und Erdreichkühle. Zudem wird das Tageslicht optimal ausgenutzt, um den Energieverbrauch weiter zu senken. Nach diesen Prinzipien entstanden unter anderem die Norddeutsche Landesbank in Hannover (2002), die Unilever-Zentrale in Hamburg (2009), ein gläsernes Seminar- und Laborgebäude für die Universität Toronto (2005) und der Sitz des Biotech-Unternehmen Genzyme in Cambridge, USA (2004). Für seinen Lösungsansatz zur Nachhaltigkeit wurde Stefan Behnisch 2007 mit dem „Global Award for Sustainable Architecture“ ausgezeichnet.

Zu den international erfolgreichsten deutschen Architekten gehören Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg mit ihrem Büro gmp. Ihre Karriere begann schon mit dem von 1969 bis 1971 errichteten Flughafen Tegel in Berlin. Den sechseckigen Bau entwarfen sie als „Drive-In-Airport“ – eine innovative Idee, die Schule machte. Inzwischen ist gmp mit 500 Mitarbeitern in zehn Büros im In- und Ausland aktiv und hat mehr als 300 Bauten realisiert. Dazu gehören die Neue Messe Leipzig und der Hauptbahnhof Berlin. In Südafrika, Brasilien, Indien und Polen hat gmp Sportstadien errichtet, die wegen ihres multifunktionalen Designs und innovativer Technologien weltweit Beachtung finden. Besonders erfolgreich läuft die Arbeit in China: Das Büro baute etwa Kongress- und Kulturzentren, das Nationalmuseum Peking und das Grand Theater in Tianjin. In Hangzhou entsteht zurzeit ein neuer Bahnhof.

Auch das Frankfurter Architektur- und Stadtplanungsbüro Albert Speer & Partner (AS&P) mit 120 Mitarbeitern ist international im Geschäft und in China besonders gefragt. Unter der Regie von AS&P entstanden dort High-Tech-Parks, Verwaltungsgebäude, neue Städte. Speer wird auch bei der Fußball-WM 2022 in Katar eine Rolle spielen: Das Büro hat das Bewerbungskonzept erarbeitet und deshalb gute Chancen, den Zuschlag für den Bau von Stadien zu erhalten. Geplant ist, die Arenen im Wüstenemirat mit Solarenergie zu kühlen.

6. World Urban Forum der Vereinten Nationen vom 01. bis 07. September 2012 in Neapel.

www.gmp-architekten.de

www.as-p.de

www.behnisch.com

Moderne Strategien zu navigieren



Metropolen weltweit suchen nach dem richtigen Rezept gegen das Verkehrschaos. Für viele Menschen scheitert der Zugang zu Arbeitsplätzen, Schulen und Krankenhäusern schon am Weg dorthin. Hier sind moderne Mobilitätskonzepte gefragt, an denen vielfach auch deutsche Experten beteiligt sind.

Zum Beispiel in Vietnam: Für den Bau der U-Bahnlinie 2 in Ho-Chi-Minh-Stadt stellt die Bundesregierung günstige Finanzierungsmittel bereit. Das deutsche Know-how im Bereich U-Bahnbau und -betrieb wird zudem an den Projektträger weitergegeben. Ab 2016 soll die energiesparende und klimafreundlichere U-Bahn dann auch dafür sorgen, dass die Luftverschmutzung in der südostasiatischen Metropole abnimmt und weniger Menschen bei Verkehrsunfällen getötet oder verletzt werden. Zudem entwickeln Fachleute aus beiden Ländern im „Vietnamese-German Transport Research Center“ weitere Projekte. Das Forschungsinstitut wird gemeinsam von der TU Darmstadt und der University of Transport and Communication (UTC) in Hanoi unter dem Dach der Vietnamese-German University (VGU) in Ho-Chi-Minh-Stadt betrieben.

Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt Partnerländer dabei, klimafreundliche Verkehrsstrategien zu entwickeln. Als besonders vorbildlich für moderne Stadtentwicklung gilt Bogotá in Kolumbien. Die Stadt hat ein metroartiges Bussystem mit eigenen Spuren für schnelle Verbindungen und Zubringer-Bussen für die Vernetzung mit den Außenbezirken. Andere lateinamerikanische Millionenstädte wie Lima oder León de Guanajuato lernen dank der Vermittlung der GIZ aus den Erfahrungen in Bogotá.

Das mit deutscher Unterstützung geplante Schnellbussystem „Rea Vaya“ („Wir bewegen uns“) im südafrikanischen Johannesburg orientiert sich ebenfalls am Beispiel Kolumbiens. Die Busse bringen seit August 2009 täglich 50.000 Passagiere schnell, bequem und preisgünstig zur Arbeit in die Stadt. Bis 2013 soll die Kapazität auf 500.000 Passagiere wachsen. Die GIZ unterstützte Johannesburg mit technischer Expertise bei der Planung, dem Bau sowie der Entwicklung von Finanzierungs- und Betriebsmodellen.

InnoTrans, internationale Fachmesse für Verkehrstechnik, 18. bis 21. September 2012, Messegelände Berlin

www.giz.de

Deutsch Export Bildung

In der Metallwerkstatt sprühen die Funken, die Tischlerei riecht nach frisch gehobelten Spänen, im Garten knattern die Heckenscheren. Das Berufsbildungszentrum EFPO am Stadtrand von Santiago de Chile hat werktags Hochbetrieb. Jedes Jahr lernen hier 650 Jugendliche aus den Armenvierteln ein Handwerk. Außerdem bietet der Träger „Cristo Vive“ 950 weiteren jungen Menschen die Möglichkeit, etwa den Beruf des Kochs oder der Rechtsanwaltsgehilfin zu erlernen. Vier Monate dauert ein Kurs, darauf folgt ein zweimonatiges Betriebspraktikum. Neben Praxiseinheiten und Theorie erhalten die Azubis psychosoziale Unterstützung und ein staatliches Stipendium von etwa vier Euro am Tag. Das ist besonders wichtig, denn die Zielgruppe gehört zur benachteiligten Bevölkerung in Chile.
Duale Berufsbildung nach deutschem Vorbild ist das Motto von Cristo Vive. Damit setzt die ökumenische Stiftung Maßstäbe im chilenischen Bildungssystem, das wie fast überall in Lateinamerika von privaten Anbietern dominiert wird. Bildung ist in der Regel teuer, nur wenige Angebote überzeugen durch Qualität. Das Ergebnis ist eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit. In Chile verlassen rund 80000 junge Männer und Frauen die Schule ohne Abschluss. Hinzu kommen viele junge Menschen, die sich keine Ausbildung leisten können und damit keine Chance auf Integration in den Arbeitsmarkt haben.

Der Mangel an erfolgreichen Angeboten der beruflichen Aus- und Weiterbildung bietet deutschen Unternehmen gute Eintrittsmöglichkeiten auf dem lateinamerikanischen Markt. „Wegen der nachfrage-orientierten und praktischen Ausrichtung seiner Qualifizierungsprogramme genießt Deutschland einen hervorragenden Ruf“, sagt Markus Milwa, Direktor von „iMOVE“. Die Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unterstützt Bildungsdienstleister bei der Erschließung internationaler Märkte. Nach einer Studie von „iMOVE“ umfasste der deutsche Bildungsexport 2009 rund 9,4 Milliarden Euro. Davon nehmen die Aus- und Weiterbilungsangebote mit mehr als 0,7 Prozent einen besonderen Stellenwert ein, da dieses Branchensegment die größten direkten Exporteinnahmen aufweist. „Mit diesem Volumen gehört die Bildung zu den bedeutenden und bisher unterschätzten Dienstleistungsbranchen in Deutschland“, so Milwa. „Ihre Exporte übertreffen diejenigen von Versicherungsdienstleistungen (2,9 Milliarden Euro), Werbe- und Messeleistungen (3,8 Milliarden Euro) und Finanzdienstleistungen (neun Milliarden Euro).“ In einer aktuellen Broschüre stellt 
„iMOVE“ acht Erfolgsgeschichten in Lateinamerika vor – die Stiftung Cristo Vive ist eine von ihnen. Gute Chancen haben auch mittelständische Unternehmen.
Ein anerkanntes Beispiel ist das baden-württembergische Steuerungs- und Automatisierungsunternehmen Festo. Bereits 1965 gründete die Firma die Tochtergesellschaft Festo Didactic, um der steigenden Nachfrage an qualifizierten Mitarbeitern in der verarbeitenden Industrie nachzukommen. Inzwischen arbeiten 500 Angestellte in 176 Ländern in der Aus- und Weiterbildung. Vor zwei Jahren baute Festo Didactic ein Berufsbildungszentrum an der Don Bosco Universität in El Salvador auf. Hier lernen benachteiligte Menschen Mechatronik und andere Berufe der Automatisierungstechnik. Das Fortbildungsprogramm für Fachlehrer und Angestellte nahmen 2011 insgesamt 132 Interessenten aus El Salvador, Guatemala, Nicaragua und Honduras wahr, Tendenz steigend.
Constanze Bandowski

Es lebe die Provinz


Ich sag’s lieber gleich: Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. An einem Ort also, in dem meine Mutter bereits wusste, dass ich meine erste Zigarette rauchte, noch bevor ich sie am anderen Ende der Hauptstraße ausgedrückt hatte. Damals dachte ich: Provinz ist definitiv ein Handicap. Nicht bloß wegen des Hausarrestes, der dem Nikotin-Selbstversuch folgte. Auch weil immer galt, dass man jenseits der Großstädte in einem anderen Universum lebt, äonenweit entfernt von den sicher unschlagbaren Vorzügen der Metropolen, ihrer kulturellen Vielfalt, ihrer Kreativität, ihrem Glamour, ihrem Hochgeschwindigkeitsleben, ihrer Vitalität. Während man also immer annahm, dass in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln unentwegt der Bär steppte, galt, dass man in der Provinz nicht nur geografisch, sondern auch mental auswärts lebt.

Dort, wo der Hund begraben ist und ein Carport im Vorgarten schon ein architektonisches Highlight darstellt, die wöchentliche Chorprobe den Tatbestand eines ausschweifenden Nachtlebens erfüllt und es nur einen guten Grund gibt, den Fernseher am Samstagabend einmal aus zu lassen. Nein, nicht die neueste Inszenierung eines coolen, jungen Theatermachers, sondern Stromausfall oder allenfalls noch ein Auftritt von Howard Carpendale in der örtlichen Stadthalle. Kurz: Provinz, so dachte man lange, muss das Epizentrum der Spießigkeit sein, ein Deutschland, wie es sich selbst nicht leiden mag. Mit Sprühsahne auf dem Cappuccino und Joghurtdressing auf dem Salat. Und natürlich bekommt man wirklich nirgends einen vernünftigen Aperol Spritz oder Hugo – die Insignien des trendbewussten Citoyen weltweit.

So das Gerücht. Verbreitet von Menschen, die von den Kleinstädten und Dörfern kaum mehr kennen als die Klischees, die sie darüber verbreiten. In Wahrheit ist die Provinz nämlich ganz anders, der Nabel und Hauptdarsteller dieses Landes – das eigentliche Deutschland. Immerhin leben zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Land, in Dörfern wie Ohrdorf oder Waldernbach und Kleinstädten wie Rennerod, Oberkümmering oder in mittelgroßen Städten wie Kassel, Bielefeld, Cottbus oder Heilbronn. Und nicht etwa in der intellektuellen und kulturellen Diaspora. Im Gegenteil. Von den über 80 festen Opernensembles, die es in Deutschland gibt, stehen nicht alle nur in München oder in Berlin. Und oft sind es gerade die kleineren, im Provinzschatten blühenden Häuser, die sich etwas Experimentelles zutrauen, ohne dafür mit Zuschauerverlusten bestraft zu werden. Wie sehr das Kleine zu Großem inspiriert, zeigt auch die Herkunft gerade der großen deutschen Geister. So stammt etwa Mörike aus Cleversulzbach, Hölderlin aus Lauffen am Neckar, Thomas Mann aus Lübeck und Oskar Maria Graf aus Berg am Starnberger See.

Von dem bayerischen Urgestein stammt übrigens eine weitere Empfehlung der Peripherie: „Provinziell muss die Welt werden, dann wird sie menschlich.“ Schon weil die Provinz noch ein unverwechselbares Gesicht hat. Während die Metropolen hart an ihrer Uniformität arbeiten, daran, zu einer einzigen großen Fußgängerzone zu verschmelzen, auf der man gar nicht mehr weiß, ob man sich jetzt in Frankfurt, in Köln oder in Stuttgart befindet, hat sich die Provinz ihren Eigensinn, ihr markantes Profil und ihre Besonderheiten bewahrt. Sie ist Deutschlands eigentliche Stärke, sein kultureller und sozialer Fingerprint. Wer dem Land näherkommen will, der tut deshalb gut daran, das in Wüstensachsen, Ohrdorf oder Waldernbach, Münster oder Augsburg zu tun. Deutschlands Provinz ist nämlich längst alles andere als ein Handicap – mindestens eine Reise und immer öfter auch einen festen Wohnsitz wert. Außer natürlich, man ist minderjährig und will in aller Heimlichkeit eine Zigarette rauchen.

Constanze Kleis, in der Kleinstadt groß geworden, ist Journalistin, Kolumnistin und erfolgreiche Buchautorin. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

"Der Islam ist Teil von Deutschland"

In Deutschland ist Religionsfreiheit ein hohes Gut. Sie ist im Grundgesetz verankert. Und sie hat im Land der Dichter und Denker Tradition: Berühmt geworden ist die „Ringparabel“ aus dem Drama „Nathan der Weise“ des Dichters Gotthold Ephraim Lessing, entstanden am Ende des 18. Jahrhunderts zur Zeit der Aufklärung. In dem Theaterstück lässt der über Jerusalem herrschende Sultan Saladin einen weisen Juden zu sich rufen. Der soll ihm erklären, welche der drei monotheistischen Religionen die wahre sei. Nathan ersinnt eine Geschichte: Ein Vater will seinen goldenen Ring vererben. Da er aber drei Söhne hat und alle gleich liebt, lässt er von dem Ring zwei Duplikate fertigen. Er vererbt jedem Sohn einen Ring. Nach dem Tod des Vaters streiten sie, wer wohl den echten bekommen hat. Der Richter erinnert die Söhne an die Eigenschaft des Rings: Er macht den Träger bei Gott und den Menschen beliebt. Wem von ihnen das gelinge, der trage den echten Ring.
Die Idee der religiösen Toleranz, die in dem Gleichnis enthalten ist, ist bis heute aktuell. In vielen deutschen Schulen wird das Theaterstück gelesen und dient den Jugendlichen zu erkennen, dass keine Religion sich über die andere erheben sollte. Heute ist die Aufforderung zu religiöser Toleranz aktueller denn je. Denn die religiöse Vielfalt in Deutschland wächst, nicht zuletzt durch die Einwanderung von Muslimen. Sie stellen mit etwa vier Millionen Gläubigen bereits etwa fünf Prozent der Bevölkerung und sind nach den Protestanten (ca. 27 Millionen) und Katholiken (ca. 26 Millionen) mittlerweile die drittgrößte Religionsgemeinschaft. Zwei Drittel der Muslime in Deutschland (etwa 2,7 Millionen) hat türkische Wurzeln. Sie oder ihre Vorfahren kamen infolge der Gastarbeiteranwerbung zwischen 1961 und 1973. Etwa 600.000 Muslime stammen aus Südosteuropa, 300.000 aus dem Nahen Osten, 280.000 aus Nordafrika. 55 Prozent der Muslime in Deutschland haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Dies setzt jedoch voraus, die alte Nationalität abzulegen. Mittlerweile konvertieren sogar einzelne deutsche Christen oder Konfessionslose zum Islam – ihre genaue Zahl ist nicht bekannt.
Das deutsche Grundgesetz sichert in Artikel 4 jedem Einwohner Religionsfreiheit zu. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Muslime in Deutschland Moscheen selbstverständlich errichten dürfen – mehr als 2000 gibt es bereits. Das Grundgesetz bestimmt auch, dass niemand wegen seiner Religion oder seiner Herkunft benachteiligt werden darf. Auch muss jeder gleichermaßen Zugang zu öffentlichen Ämtern – wie Lehrer, Polizist oder Finanzbeamter – haben. Seit etwa 20 Jahren gibt es muslimische Bundestagsabgeordnete. In dieser Legislaturperiode, die noch bis September 2013 dauert, sind es drei: Zwei türkischstämmige (Ekin Deligöz bei den Grünen und Serkan Tören bei der FDP) sowie einer mit iranischen Wurzeln (Omid Nouripour, ebenfalls bei den Grünen).

Das Grundgesetz regelt sogar den Religionsunterricht an Schulen: Er ist in Deutschland ein ordentliches Lehrfach – das heißt, dass er in den Schulen stattfindet und dass die Lehrer vom Staat ausgebildet und bezahlt werden. Die Eltern entscheiden selbst, ob ihr Kind teilnehmen soll; die Religionsgemeinschaften legen die Inhalte fest. Seit Mitte 2012 gibt es in Nordrhein-Westfalen als erstem der 16 Bundesländer auch islamischen Religionsunterricht, der den muslimischen Kindern ihren Glauben nahebringen soll – so, wie es Religionsunterricht auch für katholische, evangelische, jüdische oder orthodoxe Kinder gibt. Die meisten anderen Bundesländer planen Ähnliches. 20 Jahre lang hatte es vorher „Islamkunde“ gegeben, die Wissen über den Glauben vermittelte. Sie war ursprünglich Teil des Arabisch- oder Türkischunterrichts, der an vielen Schulen erteilt wird, damit Kinder von Einwanderern ihre Muttersprache nicht nur sprechen, sondern auch lesen und schreiben lernen.
Auch an den Universitäten ist der Islam präsent: In den Jahren 2011 und 2012 haben vier Zentren für Islamische Studien ihre Arbeit aufgenommen: in Erlangen-Nürnberg, in Münster-Osnabrück, in Tübingen sowie in Frankfurt/Gießen. Mit 20 Millionen Euro bezuschusst Deutschland diese Lehrstühle in den nächsten fünf Jahren. Dort kann man nun islamische Theologie und Religionspädagogik studieren, um Lehrer oder Imam zu werden. Dafür wurden auch arabische Wissenschaftler engagiert: So lehrt in Tübingen der 47 Jahre alte palästinensische Koranwissenschaftler Omar Hamdan, ein Sunnit. Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die katholische Theologin ist, hat sich stark für die Errichtung der Islamischen Zentren eingesetzt. Das gleiche gilt für Finanzminister Wolfgang Schäuble, einen bekennenden Protestanten.

Als Schäuble noch Innenminister war, gründete er die „Deutsche Islamkonferenz“. Erstmals lud er im Jahr 2006 ranghohe Vertreter des deutschen Staates zusammen mit Repräsentanten der muslimischen Religionsgemeinschaften ins Berliner Schloss Charlottenburg. Seither treffen sich die Mitglieder regelmäßig in Arbeitsgruppen und Plenarsitzungen. Ziel dieses Dialogs ist es, zum einen die Lebensbedingungen für Muslime in Deutschland weiter zu verbessern, zugleich aber auch die Entstehung extremistischer Strömungen, die zu Terrorismus führen könnten, zu verhindern. Zur Eröffnung der Islamkonferenz sagte Schäuble den seither vielzitierten Satz: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft. Muslime sind in Deutschland willkommen.“
www.deutsche-islam-konferenz.de

Uta Rasche

Von Berlin bis Tokio

27.000 Kilometer. Erstmals durchquert ein Filmteam auf einer Fahrt von Berlin aus die Hochebenen Irans, die Sümpfe Bangladeschs, die Regenwälder Myanmars und die Wüsten Chinas bis zur Millionenmetropolen Japans. Sechs Monate dauert die Fahrt. Sie begann am 1. September 2012. Die zehnteilige Dokumentation soll 2013 ausgestrahlt werden. Anhand des Reisetagebuchs kann man die Fahrt beim Rundfunk Berlin-Brandenburg jetzt schon online verfolgen.

www.rbb-online.de/fernost/index.html

Kulturstiftung fördert den künstlerischen Austausch

Die Kulturstiftung des Bundes widmet sich in ihrem neuen internationalen Themenschwerpunkt Afrika: Sie fördert in den kommenden Jahren den Austausch und die Kooperation zwischen deutschen und afrikanischen Künstlern und Institutionen. Gut zwei Millionen Euro fließen dazu zunächst in den Fonds für deutsch-afrikanische Kooperationen („Turn“). Ab sofort laufen in mehreren Etappen die Ausschreibungen für Recherchen und künstlerische Projekte. Die Vorhaben sollen in Deutschland die Kenntnisse über afrikanische Kunstszenen erweitern. Mit dem Themenschwerpunkt reagiert die Stiftung auf die künstlerische Entwicklung in Afrika in den Bereichen zeitgenössische Kunst, Fotografie, Tanz, Performance und Film.
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Sie sieht den Sternenhimmel: Anna Frebel hat ihre Leidenschaft für die Astronomie zum Beruf gemacht. Die deutsche Astrophysikerin am Massachusetts Institute of Technology zählt zu den Stars ihrer Zunft. Bereits 2005 entdeckte die heute 32-Jährige Frebel den metallärmsten Stern des Universums, zwei Jahre später folgte ein weiterer sensationeller Fund: HE 1523-0901, der älteste aller bekannten Sterne – in Fachkreisen auch gerne „Annas Stern“ genannt. Er entstand vor rund 13,2 Milliarden Jahren; der Urknall soll vor 13,7 Milliarden Jahren erfolgt sein. Anna Frebel und ihre Kollegen arbeiten in einem „kosmischen Labor“: Erkenntnisse über Sterne geben ihnen Aufschluss über den Ursprung der Elemente und den Aufbau des Periodensystems. Unter anderem dem Urknall-Phänomen geht Anna Frebel in ihrem neuen Buch „Auf der Suche nach den ältesten Sternen“ mit plastischen Vergleichen („Urknall-Limonade“) auf den Grund. Demnächst soll es auch auf Englisch erscheinen. Sie steckt voller Energie: „Es gibt so viele spannende Sachen im Universum zu erforschen. Also, für mich geht‘s immer noch weiter!“

space.mit.edu/home/afrebel

Argumentieren über Ideen


Engagiert als Bürger

Ruhe ist schön, macht aber viel Arbeit – der Schutz vor Lärm will immer auch erkämpft sein. Besonders plastisch wird das an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main. Seit dort im Herbst 2011 eine neue Landebahn in Betrieb genommen wurde, reißen die Proteste nicht mehr ab. Menschen, die in den Einflugschneisen leben, fühlen sich nicht nur massiv gestört und belästigt, sondern sagen auch: Der Lärm macht uns krank. Selbst das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, das im April 2012 ein absolutes Nachtflugverbot zwischen 23 Uhr nachts und 5 Uhr morgens für Europas drittgrößten Flughafen erließ, kann die Anwohner nicht beruhigen. Die Bürgerproteste am Frankfurter Flughafen sind nur ein Beleg dafür, dass Menschen für ihre Lebensqualität streiten. Schon die Demonstrationen Tausender „Wutbürger“ gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs („Stuttgart 21“) ließen dies medienträchtig erkennen. „Die Proteste gegen den Fluglärm in Frankfurt und gegen ‚Stuttgart 21‘ machen deutlich, dass die Menschen stärker mitbestimmen wollen“, sagt die Rechtsanwältin Joy Hensel. Lärmminderung als ein Hauptmotiv für den Wunsch nach mehr Lebensqualität und direkter Demokratie? „Abstrakte Planungsprozesse werden für die Menschen erst durch den Lärm oftmals ganz konkret“, sagt Joy Hensel. In der lärmbelasteten Stadt Hattersheim am Main unweit des Frankfurter Flughafens ist Hensel seit 2001 als deutschlandweit erste Ruhebeauftragte tätig. Sie vermittelt bei so unterschiedlichen Dingen wie Ruhestörung durch private Renovierungsarbeiten oder Lärmbelästigung durch Gewerbebetriebe. Und sie möchte grundsätzlich sensibilisieren, ob es nun um die nächtliche Party oder um die Expansion eines Großflughafens geht. „Bei meiner Arbeit geht es weniger um das reine Vermeiden von Lärm, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein für die Qualität von Ruhe zu schaffen.“

Motiviert als Väter

Lars Gerold ist bereit, neue Wege zu gehen. Für seinen Job in der internationalen Zusammenarbeit ist das essenziell: Gerold hat unter anderem Erfahrungen im Hochschulaufbau in Afghanistan und im Irak gesammelt. Als Referatsleiter in einer Wissenschaftsorganisation in Bonn hat er sich vor Kurzem auf ganz anderes Neuland begeben. Während zwei „Vätermonaten“ klinkte er sich auf der Arbeit aus und kümmerte sich intensiv um seine Töchter Carla (7 Jahre alt) und Martha (6 Monate). „Das war eine schöne Zeit“, sagt er über die Elternzeit, die 2010/2011 jeder vierte Vater in Deutschland nahm. Gerne hätte Gerold noch mehr Vätermonate genommen, „aber das war finanziell nicht darstellbar“. Gerolds Frau promoviert derzeit; auf sein volles Gehalt kann die Familie auf Dauer nicht verzichten.

„Die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu erleichtern“ – das ist laut dem „Familienmonitor 2011“ des Instituts für Demoskopie Allensbach die zentrale familienpolitische Forderung von Eltern in Deutschland, deren Kinder jünger als 18 Jahre sind. Dass Väter in ihrem Job kürzertreten, fördert das 2007 eingeführte Elterngeld für die „Vätermonate“. 78 Prozent der Deutschen halten das Elterngeld laut Familienmonitor für eine gute Lösung; 67 Prozent sind der Meinung, dass sich Väter „heute ganz allgemein mehr an der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder als vor fünf bis zehn Jahren“ beteiligen. Und viele Männer ziehen wie Lars Gerold einen ganz persönlichen Gewinn aus ihrer Rolle als „neue Väter“. Doch Gerold sagt auch: „Wer sich für Kinder entscheidet, hat in Deutschland oft mit einem unzureichenden Angebot an Betreuungsplätzen zu kämpfen.“

Nicht zuletzt in Bonn-Dottendorf, wo die Familie Gerold lebt. Der kinderreiche Stadtteil an der Rheinaue wirkt mit seinen vielen Grünflächen ein wenig wie ein Idyll; die Suche nach Betreuungsplätzen lässt die meisten Eltern jedoch nicht zur Ruhe kommen. An der Montessorischule, die auch Carla Gerold besucht, hat sich vor einigen Jahren ein Trägerverein gegründet, um den Übergang von der Betreuung in Hortgruppen zur offenen Ganztagsschule zu gestalten. Lars Gerold engagiert sich im ehrenamtlichen Vorstand des Vereins, der ausschließlich aus Eltern der Schulkinder besteht. Über die Sommerferien konnte der Verein zuletzt 100 neue Übermittagsbetreuungsplätze organisieren. „Man muss sich solche Strukturen oft selbst schaffen“, sagt Gerold. Er hofft auf ein Umdenken in der Gesellschaft und konkretes Handeln der Politik. „Wir brauchen nicht nur viel mehr Betreuungsplätze, sondern eine Betreuung, die dem Wohl der Kinder gerecht wird.“

Aktiv als Senioren

„Wir müssen aktiv bleiben, selber etwas tun.“ Für Henning Scherf steht das außer Frage. Und der langjährige Bremer Bürgermeister (1995–2005) lebt überzeugend vor, was er propagiert: als passionierter Radfahrer, als Buchautor, als Kommunarde in der Alten-WG und als stimmgewaltiger Präsident des Deutschen Chorverbandes. Scherf zählt zu den prominentesten Unterstützern des Bundesverbandes „Initiative 50Plus“, der sich „allen Themen einer älter werdenden Gesellschaft“ stellen will, auch der Frage, wie ältere Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt bleiben.

Der demografische Wandel in Deutschland macht die wachsende Zahl der „neuen Alten“ zu entscheidenden Zukunftsakteuren. Schon im Jahr 2020 werden 30 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Weil viele der sogenannten „Best Ager“ noch körperlich und geistig fit sind, sehen sie sich auch nicht als „altes Eisen“, sondern wollen weiter aktiv mitmischen. Laut einer Umfrage des Forsa-In­stituts hätte sich mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Ruheständler 
in Deutschland vorstellen können, länger zu arbeiten. „Intelligente Übergänge zwischen Berufstätigkeit und Rentnerdasein erleichtern den Menschen 50Plus das Leben“, weiß Henning Scherf. Doch selbst im Ruhestand entdecken die „neuen Alten“ mittlerweile neue Wege zu gesteigerter Lebensqualität. Etwa in Wohngemeinschaften, bislang eine Domäne der unter 30-Jährigen. So beobachtet der Altersforscher Roland Rupprecht von der Universität Erlangen-Nürnberg interessiert, „dass Ältere aktiv mit dem Thema Wohnen im Alter 
umgehen, Wohnformen wie Senioren-Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenwohnen beliebt sind“.

Auch beim zunehmenden zivilgesellschaftlichen Engagement älterer Menschen spielen soziale Kontakte eine Rolle. Eine 2011 veröffentlichte Untersuchung des Bundesfamilienministeriums beispielsweise sieht in den heute 65- bis 74-Jährigen „eine Gruppe, die in ihrer körperlichen und geistigen Fitness deutlich bessergestellt ist als die gleiche Altersgruppe vor 25 Jahren. Einen hohen Anteil ihrer durch den Austritt aus dem Erwerbsleben gewonnenen freien Zeit investieren sie in Engagement.“ Henning Scherf, der selbst in Bremen in einer WG wohnt, prophezeit: „Wir sind wirklich die klassische ehrenamtliche Basis dieser Gesellschaft. Mit uns kann man eine Zivilgesellschaft entwickeln, die sich viele erträumen.“

Orientiert als „Generation Y“

Wenn Elisabeth Hahnke über Lebensqualität redet, dann spricht sie viel von anderen Menschen. Von den Mitarbeitern ihres Bildungsunternehmens „Rock your Life!“, die sie mit „flachen Hierarchien“ führen will. Von den sozial benachteiligten Schülern, denen „Rock your Life!“ in mittlerweile 800 „Coaching-Beziehungen“ Mentoren für den Weg ins Berufsleben zur Seite stellt. Oder von ihrer vierjährigen Tochter, die Elisabeth Hahnkes Lebensentwurf entscheidend mitprägt. „Ich habe mich gefragt: Was will ich ihr vorleben? Dass sie um 7 Uhr wach sein muss, weil ich keine Zeit für sie habe und sie zur Betreuung abgeben muss?“ Elisabeth Hahnke wollte möglichst frei über ihre Zeit und die Zeit ihrer Tochter verfügen. Durch die Unternehmensgründung gemeinsam mit zwei Kommilitonen hat sie diese Chance. Ein Promotionsangebot eines großen Unternehmens, verbunden mit hervorragenden Karriereperspektiven, lehnte die 28-Jährige noch vor ihrem Masterabschluss an der Zeppelin Universität Friedrichshafen ab.

Karriere nicht um jeden Preis. Und Geld ist nicht alles. Das scheint das Neue, das zeitgeistige Elixier der „Generation Y“ genannten Geburtsjahrgänge zwischen 1980 und 1995. Dass sich Lebensstil und Werteorientierungen wandeln, stellen auch die Personalchefs der großen Unternehmen fest. „Dieser Generation sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie flexibles Arbeiten wichtiger als Aufstiegsmöglichkeiten“, berichtet beispielsweise Christoph Kübel, Personalgeschäftsführer bei Bosch. Und Thomas Sigi, Personalvorstand bei Audi, betont: „Die Jungen sind sehr pragmatisch und kooperativ. Sie denken in Netzwerken. Jemand, der oben sitzt und Befehle erteilt, passt da nicht ins Bild. Sie suchen Lösungen lieber in einer Community, nicht bei den Autoritäten.“ Selbst Chef sein möchten viele aus der „Generation Y“ nicht. Und wenn doch, dann wollen sie „anders führen“. „Ich möchte meine Mitarbeiter über ihre Stärken führen, nicht über Rollen, die sie in einem hierarchischen System spielen müssen“, sagt Elisabeth Hahnke. „Wenn jemand seine Stärken in der Kalkulation hat, bin ich dankbar, das abgeben zu können.“ Flache Hierarchien können Zeit kosten. Doch sie sagt: „Lebensqualität heißt für mich nicht, dass mir alles leichtfällt. Rückschläge und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, gehören zu einer tatsächlichen Lebenszufriedenheit dazu.“

Das Leben in Zahlen und Fakten - Gesundheit

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Lebenserwartung in den meisten OECD-Ländern stark gestiegen. Im Durchschnitt liegt sie bei ­etwa 80 Jahren, die Deutschen werden ­sogar etwas älter. Bei den Gesundheitsausgaben liegen sie mit 11,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der Spitzengruppe und knapp 2 Prozent über dem OECD-Schnitt. Andererseits: Nur 65 Prozent der Deutschen bezeichnen ihren Gesundheitszustand selbst als „gut bis sehr gut“. Amerikaner und Neuseeländer beantworten dieselbe Frage zu 90 Prozent positiv. Alles eine Frage des Blickwinkels?

Das Leben in Zahlen und Fakten - community


Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehören vor allem Industrieländer an. Mit dem Better Life Index analysiert die OECD die Lebensbedingungen in 36 Ländern. Zum Stichwort Gemeinschaft hält der Index fest, dass 95 Prozent der Deutschen angeben, Verwandte oder Freunde zu haben, auf die sie sich in Notlagen verlassen können. Ein Wert im oberen Drittel. Der Schnitt liegt bei 91 Prozent. An der Spitze stehen die Isländer und Iren mit 98 Prozent. Auf Inseln scheint der Gemeinschaftssinn besonders stark ausgeprägt zu sein.

Das Leben in Zahlen und Fakten - Zufriedenheit mit dem Leben

Nicht den aktuellen Zustand, sondern wie Menschen ihr Leben als Ganzes bewerten, misst die OECD bei der „Lebenszufriedenheit“. Hier geben die Deutschen auf einer Skala von 0 bis 10 im Schnitt die Bewertung 6,7 an – womit sie in einer Reihe mit den meisten OECD-Ländern liegen. Bei Frauen und Männern gibt es da im Übrigen so gut wie keine Unterschiede. Den höchsten Wert mit 7,8 erreichen die Dänen, gefolgt von Norwegern und Schweizern. Am wenigsten zufrieden sind Ungarn, Portugiesen und Russen mit Werten von etwas weniger und etwas mehr als 5 Punkten.

Das Leben in Zahlen und Fakten

Wie der OECD Better Life Index Lebensqualität bewertet.

Einkommen, soziale Einbindung, Selbstvertrauen – Erwerbsarbeit hat viele Aspekte, die sich auf die Lebensqualität und ein positives Lebensgefühl auswirken. In Deutschland haben 71 Prozent der 15- bis 64-Jährigen einen bezahlten Job. Die Zahl ist um einiges höher als der OECD-Schnitt von 66 Prozent. Das Gehalt ist ein wichtiger Aspekt der Jobqualität: In Deutschland liegt der jährliche Durchschnittsverdienst bei umgerechnet 38251 US-Dollar, ein Wert im guten OECD-Mittelfeld. 20 Prozent der Deutschen verdienen mit 15926 US-Dollar jedoch weit weniger.