Es war ein schlicht und mutig „Körper“ betiteltes Stück, das Sasha Waltz und ihre Compagnie „Sasha Waltz & Guests“ im Jahr 2000 bekannt machte. „Körper“ war ein doppeltes Ausrufezeichen. Denn Sasha Waltz war die erste Tanzschöpferin, deren Arbeit gleichberechtigt neben der eines Schauspielhauses stehen sollte: An der Berliner Schaubühne sollten sie und Schauspielchef Thomas Ostermeier sich bei Finanzen und Spielplan auf Augenhöhe begegnen. Und „Körper“ füllte die nackte, raue Weite der Schaubühne mit einer Entschlossenheit, wie man sie auf Tanzbühnen schon länger nicht mehr gesehen hatte. Zu bestaunen war, wie radikal und bildmächtig Sasha Waltz mit ihrem titelgebenden Arbeitsmaterial umging. Und wie sie doch das Intrikate, Feinziselierte nicht opferte, sondern ins große Ganze viele i-Tüpfelchen fügte. Im Gedächtnis bleibt jedem, der die Choreografie gesehen hat, wie die bleichen Körper der Tänzerinnen und Tänzer sich in einem senkrechten, schmalen Glaskasten schichten wie unter einem Mikroskop. In Zeitlupe kriechen sie über- und untereinander, aneinander vorbei. Körperteile sind plattgedrückt. Der eine will nach rechts und muss an einem fremden Bein vorbei, die andere will nach oben, quält und windet sich. Als wären diese Lebewesen im Glas eine fremde Spezies, so kann man es als Zuschauer empfinden.
Angefangen hat Sasha Waltz Anfang der 1990er-Jahre mit ganz anderen Stücken. „Travelogue“ heißt eine Trilogie, in der sie den modernen Menschen in der Küche einer Wohngemeinschaft, in einer Bar, einem Hotel zeigt. Lustig, grotesk, aber auch ein bisschen melancholisch sind diese frühen Tanztheaterstücke von ihr. Die Akteure zappeln wie im Stummfilm, nur weit artistischer, und haben ihre liebe Not mit den Gegenständen des Alltags. Über und mit Tisch, Theke, Kühlschrank, Bett tanzen sie, ein Schlafloser wälzt sich zum rhythmischen Rattern einer Nähmaschine hin und her. Detailreich sind diese Choreografien und präzise getimt. Slapstick, der doch von aktuellen Befindlichkeiten erzählt, von Zeit- und Liebesnot, von zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen, den Absurditäten, die sich in jeder Normalität verbergen. „Es gibt nichts Genialeres als das tägliche Leben“, hat Sasha Waltz damals gesagt.
Die Choreografin wurde 1963 in Karlsruhe geboren. Schon mit fünf bekam sie Tanzunterricht. Und die Faszination für die bewegte Kunst war von Dauer: Gleich nach dem Abitur studierte sie Tanz in Amsterdam und New York, ehe sie in den USA für diverse Companys tanzte. Wie die meisten ihrer choreografierenden Kolleginnen und Kollegen begann sie in dieser anstrengenden Zeit doch auch schon, eigene Stücke zu entwickeln. Die Arbeit mit dem Körper war immer eine Notwendigkeit für sie, eine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu befragen, in die Tiefe zu gehen, Emotionen zu finden und ihnen Ausdruck zu geben. Tanz ist ihr ein Medium, „wo Sprache nicht mehr hinkommt, höchstens die Poesie“, wie sie es in einem Interview formulierte. Die Nettigkeiten der „Travelogue“-Trilogie schien Sasha Waltz dann 1996 mit „Allee der Kosmonauten“ abstreifen zu wollen. In einer Plattenbausiedlung hatte sie recherchiert, mit den Menschen dort ausführlich gesprochen. Doch die realistischen Einsprengsel eines Arbeitermilieus blieben Zwischenspiel. Es folgte, mit dem Einzug in die Schaubühne, die große „Körper“-Trilogie. Und damit die radikale Erforschung des Fleisches: In den drei großformatigen Arbeiten „Körper“, „S“ und „noBody“ wird die menschliche Hülle zum Knetgummi, wird sie gedehnt, gequetscht, eingeschnürt, beschriftet. Aber auch zu Fabeltieren macht Sasha Waltz ihre Tänzer, geheimnisvoll, scheu, streng.
Das Publikum in Berlin und anderswo – das Ensemble tourte fleißig – war entzückt. Doch in der Schaubühne lief es nicht gut mit der Gleichberechtigung. Und Sasha Waltz, der unruhige Geist, die Kompromisslose, packte ihre Koffer. Das Abschiedsstück, „Gezeiten“, ist eine Endzeitvision, dunkel, hektisch – und zuletzt wird das Bühnenbild zerlegt, als brauche man Material für ein wärmendes Feuer.
In Luxemburg macht Sasha Waltz dann eine furiose „Medea“, in Paris mit dem Opernballett ein eher dezent-zartes „Roméo et Juliette“. Mehr als 100 Mitwirkende stehen zuletzt auf der Bühne, die Arbeiten der Choreografin scheinen immer größer, immer gewaltiger zu werden. Doch dann hat Sasha Waltz einen Zusammenbruch, ist linksseitig wie gelähmt, muss sich über zwei Jahre ihre Beweglichkeit mühsam zurückerobern. Sie nimmt es als Mahnung. Und erzählt später selbstkritisch von ihrem Drang, immer alles perfekt machen zu wollen. Sie habe lernen müssen, nein zu sagen.
Es bleibt noch genug zwischen den Neins, zum Glück. Sasha Waltz hat weitere Opern inszeniert und mit ihrem Ensemble das Neue Museum in Berlin bespielt, so dass man seine Räume wahrhaftig mit anderen Augen wahrnahm. Sie ist geradezu eine Meisterin des Dialogs von Körper und Raum geworden, besonders, wenn es gar keine Theaterräume sind. Und ihr Pariser „Roméo et Juliette“ wurde in diesem Frühjahr in weltweit 230 Kinos übertragen. Es ist ein verdienter Triumph, denn Sasha Waltz hat der Sprache des Körpers in zwei Jahrzehnten nicht wenige neue Vokabeln hinzugefügt. Und mit diesen Vokabeln so manche harte und klare, aber auch immer wieder berührende Körper-Geschichte erzählt.

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