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Montag, 24. Dezember 2012

Europameister 
 in der Forschung

Deutsche Unternehmen sind im internationalen Vergleich sehr forschungsfreudig. 2011 steigerten sie ihre Ausgaben deutlich.

Die Ziele von Volkswagen sind ambitioniert. Bis 2018 will der Wolfsburger Autohersteller an den Rivalen GM und Toyota vorbeiziehen und zum größten Autohersteller der Welt aufsteigen. Der Aufsichtsrat genehmigte zu diesem Zweck ein mehr als 
50 Milliarden Euro schweres Investitionspaket. Das Geld soll in den kommenden Jahren in die Erforschung neuer Techniken und den Ausbau der Werke fließen – und aus der heutigen Nummer drei im weltweiten Automarkt die Nummer eins machen.

Die Liste der Vorhaben und Projekte reicht von Lateinamerika bis nach Asien. Eine neue Audi-Fabrik in Mexiko zählt ebenso dazu wie der Ausbau der Produktionskapazitäten in China und die Erweiterung des Porsche-Werks in Leipzig. Mehr als die Hälfte der Investitionen sollen allerdings in Deutschland erfolgen. „Wir bei Volkswagen stehen zum Industriestandort Deutschland“, versichert VW-Chef Martin Winterkorn.

Schon heute ist Volkswagen das forschungsfreudigste deutsche Unternehmen. In der Rangliste der 1000 Unternehmen auf der Welt mit den höchsten Forschungsausgaben, die jedes Jahr von der Unternehmensberatung Booz & Company erstellt wird, landeten die Wolfsburger zuletzt mit einem Budget von umgerechnet 7,7 Milliarden Dollar auf Rang 11. An der Spitze der Liste steht der japanische Wettbewerber Toyota mit 9,9 Milliarden Dollar, auf den Plätzen zwei und drei folgen die Pharmahersteller Novartis und Roche.

Besonders die deutschen Unternehmen haben der Studie zufolge im Jahr 2011 ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) stark erhöht und damit ihre Bereitschaft unterstrichen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in neue Produkte und Technologien investieren zu wollen. Umgerechnet 44,3 Milliarden Dollar gaben sie 2011 für Forschung und Entwicklung aus, gegenüber dem Jahr 2010 entspricht dies einer Steigerung von 14,8 Prozent. Im internationalen Durchschnitt erhöhten die Unternehmen ihre Forschungsbudgets dagegen „nur“ um 9,6 Prozent, im von der Schuldenkrise geplagten Europa nur um 5,4 Prozent.
Nach dem Volkswagen-Konzern, der seine Ausgaben 2011 um rund ein Viertel steigerte, schob sich der Stuttgarter Konkurrent Daimler mit einem Forschungsvolumen von 5,8 Milliarden Dollar auf Rang 19 der Liste. Zusammengenommen stünden die beiden Autohersteller für ein Drittel der Ausgaben der erfassten deutschen Unternehmen, heißt es in der Studie von Booz. Aber unter den inzwischen 50 deutschen Unternehmen auf der Liste befinden sich auch etliche, deren Namen in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind.

Aixtron ist so ein Beispiel, ein Unternehmen aus Herzogenrath nahe Aachen, das Anlagen für die Halbleiterindustrie baut. Oder Elring Klinger, ein Mittelständler aus dem schwäbischen Dettingen, der Antriebskomponenten für die Autoindustrie entwickelt. Und auch das vor zwanzig Jahren gegründete Biotechnologieunternehmen Morphosys aus der Nähe von München findet sich auf der Liste der forschungsstärksten Unternehmen auf der Welt.
Bei Morphosys betrugen die Forschungsausgaben im Jahr 2011 der Erhebung zufolge umgerechnet 80 Millionen Dollar, ein ungewöhnlich hoher Betrag gemessen am Jahresumsatz von 140 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Beim deutschen Forschungsprimus Volkswagen machen die Forschungsausgaben gemessen am Umsatz nur 3,5 Prozent aus. Zur Strategie des Biotechunternehmens Morphosys gehört eine Kooperation mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis. Aus der gemeinsamen Entwicklung von Medikamenten sind bislang sechs Wirkstoffe entstanden, die nun klinisch erprobt werden. In Zukunft wollen die beiden Unternehmen mittels einer neuen Technik sogenannte therapeutische Antikörper entwickeln.
Noch stärker als deutsche Unternehmen erhöhten 2011 die Unternehmen aus Asien ihre Forschungsausgaben. In China und Indien stiegen die entsprechenden Budgets um 27,2 Prozent, wenn auch von einer geringen Basis aus. Der Zuwachs spiegelt das neue Selbstverständnis der dort ansässigen Unternehmen wider: Längst verstehen sie sich nicht mehr nur als verlängerte Werkbank westlicher Unternehmen, sondern entwickeln eigene Produkte für die wachsende konsumfreudige Mittelschicht. Waren vor vier Jahren in der Erhebung von Booz unter den 1000 Unternehmen erst 15 aus China, sind es inzwischen 47. Die neuen Wettbewerber erhöhen den Druck auf amerikanische und europäische Unternehmen, im Ringen um Marktanteile ihrerseits das Innovationstempo deutlich hochzuhalten. „Wir sehen in einigen forschungsintensiven Industrien seit Jahren eine drastisch ­verkürzte Halbwertszeit vieler Produkte“, sagt Klaus-Peter Gushurst, Deutschland-Geschäftsführer von Booz. „Wer in der Gunst der Kunden nicht zurückfallen will, muss seine Innovationsstrategie entsprechend anpassen.“
Interessant sind die Unterschiede zwischen dem Ansehen eines Unternehmens und seinen Forschungsausgaben. Fragt man Manager danach, welche Unternehmen auf der Welt am innovativsten sind, nennen die meisten weder einen Auto- noch einen Pharmahersteller. Stattdessen wird – seit Jahren übrigens – am häufigsten jene Marke genannt, deren Anziehungskraft so groß ist, dass vor dem Verkaufsstart neuer Produkte regelmäßig Kunden vor den Läden campen: Apple. Dabei weist der Elektronikhersteller eine vergleichsweise geringe Forschungsintensität auf. Der Konzern aus Cupertino/Kalifornien investierte 2011 rund 2,4 Milliarden Dollar in Forschungszwecke. Gemessen am Umsatz sind das lediglich 
2,2 Prozent, durchaus deutlich weniger als in vielen anderen Unternehmen. Dies sei 
ein eindrucksvoller Beweis, dass Apple 
mit vergleichsweise niedrigen Investitionen eine maximale Außenwirkung erziele, schreibt Booz als Resümee. Ein deutsches Unternehmen taucht in der Liste der angesehensten Unternehmen übrigens bislang nicht auf. Noch nicht, könnte man sagen. Wenn es nach dem Willen von Volkswagen geht, sollte sich das spätestens im Jahr 2018 geändert haben. ▪

Julia Löhr

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