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Montag, 10. Dezember 2012

Es droht der Schock Suhrkamp

Der erbittert geführte Streit zwischen Hans Barlach und Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz eskaliert: Mit ihrer Abberufung als Geschäftsführerin durch das Landgericht Berlin steht der ganze Verlag in Frage - und damit ein wichtiger Teil der intellektuellen Kultur Deutschlands.
"Ebenso schockiert wie überrascht" sei man, sagte die Suhrkamp-Pressesprecherin nach dem Urteil des Berliner Landgerichts, demzufolge Ulla Berkéwicz von der Geschäftsführung des Verlags abberufen wird. Man muss kein Mitarbeiter des Verlags sein, kein Autor, ja nicht einmal Leser von Suhrkamp-Büchern, um ihr zumindest in einem zuzustimmen: Das Urteil ist überraschend, sogar sensationell.
Dem Streit zwischen Berkéwicz, die über eine Familienstiftung 61 Prozent an Suhrkamp hält, und dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, der den Rest der Anteile in seinem Besitz hat, gibt es eine dramatische Wendung. Spannungen zwischen Berkéwicz und Barlach waren fast der Normalzustand, seit der Erbe des Bildhauers Ernst Barlach sich 2006 in das Unternehmen eingekauft hatte. Jetzt ist der Konflikt eskaliert.
Barlach wird durch das Urteil stark aufgewertet. Er, der bislang im Literaturbetrieb fast gar keine Erfahrung hat und sich verlegerisch mit Projekten wie dem zwischenzeitlichen Kauf des Lokalblättchens "Hamburger Rundschau", der gleichfalls in der Hansestadt erscheinenden Boulevardzeitung "Morgenpost" oder der Fernsehzeitschrift "TV Today" nicht gerade den Ruf eines publizistischen Visionärs erworben hat, steht plötzlich da als ernstzunehmender Gegner von Ulla Berkéwicz. Der Frau, die den Verlag seit dem Tod ihres Mannes Siegfried Unseld im Jahr 2002 verkörpert hat, wie in Deutschland sonst nur Michael Krüger bei Hanser.
 Pralienenschachtel zum Umblättern
Von Siegfried Unseld erzählt man sich, er habe sich regelmäßig, bevor er mit Autoren essen ging, von seiner Assistentin einen druckfrischen 500-Mark-Schein in die Brieftasche legen lassen - eine Anekdote aus einer Zeit, als sich ein Literaturverlag noch wie das Reich eines Sonnenkönigs führen ließ: Suhrkamp bin ich. Und, tatsächlich, Unseld war am Erfolg des Verlags entscheidend beteiligt.
Das gleiche lässt sich heute über Ulla Berkéwicz sagen. Der Umzug von Frankfurt am Main nach Berlin, die Suche nach neuen Lektoren und Autoren, die Verjüngung des Suhrkamp-Programms werden ihr angerechnet. Allein auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis waren 2012 drei von fünf Romanen Suhrkamp-Bücher: Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes", "Indigo" von Clemens J. Setz und
"Fliehkräfte" von Stephan Thome. Zu den stärksten Romanen im Frühjahr gehörte Anna Katharina Hahns "Am schwarzen Berg", zu den interessantesten Sachbüchern des Jahres David Reybroucks "Kongo" und J. J. Sullivans "Pulphead" - allesamt bei Suhrkamp erschienen. Sie alle tragen zu einem Profil bei, das einmalig ist in der deutschen Verlagslandschaft.
Die vielbeschworene Suhrkamp-Kultur in ihrer alten Form mag Geschichte sein. Suhrkamp-Autoren wie Rainald Goetz mit "Johann Holtrop"oder, zuletzt, Tuvia Tenenboms "Allein unter Deutschen" stehen noch immer im Zentrum der Debatten.

Nun droht dem Verlag eine Rechnung mit einer Unzahl von Unbekannten: Was, wenn Berkéwicz tatsächlich, wie es im Urteil des Berliner Landgerichts heißt, "bei der Anmietung, Ausstattung und Nutzung einer Berliner Immobilie Privates und Geschäftliches verquickt" hat und somit Firmenvermögen veruntreut? Was, wenn auch die von Suhrkamp-Anwalt Peter Raue angekündigte Berufungsinstanz an Berkéwicz' Abberufung als Geschäftsführerin festhält? Was, wenn gar das Frankfurter Landgericht in einem anderen, ebenfalls von Barlach betriebenen Verfahren im Februar die Auflösung von Suhrkamp verfügt?
Es könnte, so steht zu befürchten, schlecht ausgehen. Mit Suhrkamp ginge der wichtigste konzernunabhängige Verlag Deutschlands verloren, der letzte größere Verlag, der sich konsequent, mit Brillanz und Hartnäckigkeit, gegen Marktschnittigkeit und Inhaltsleere sperrt, ein Verlag, für den Bücher mehr sind als Pralinenschachteln zum Umblättern.
Überraschend wäre das Ende von Suhrkamp nun nicht mehr. Aber schockierend.

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