abs-ad

Samstag, 29. Dezember 2012

Deutsch Digitale Bibliothek

Online in Sammlungen von Museen stöbern, Filme anschauen oder wissenschaftliche Beiträge lesen: Seit Ende 2012 macht das Internetportal der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) das möglich. Die DDB möchte mehr sein als nur ein virtueller Raum für Literatur und Sachbücher. Sie will das gesamte kulturelle Erbe Deutschlands präsentieren – alles, was Bibliotheken, Museen, Archive und Sammlungen in ihren Mauern bergen. „Die DDB kann mit ihren attraktiven Inhalten zum virtuellen ‚kulturellen Schaufenster‘ Deutschlands werden“, betonte Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, in einem Interview.

Mit rund 5,6 Millionen digitale Objekten aus 90 Einrichtungen ist die DDB jetzt online gestartet. Insgesamt rund 1900 Bibliotheken, Archive, Museen, Mediatheken, wissenschaftlichen Institute sind bislang registriert. Sie und noch Tausende weitere sollen in der DDB schrittweise ihre digitalisierten Quellen vernetzen. Ein Prozess, der auf Jahre angelegt ist. Die Deutsche Digitale Bibliothek ist zudem Deutschlands Beitrag zur Europäischen Digitalen Bibliothek „Europeana“.

Ganz gleich, ob man in die Suchmaske mit dem Pusteblumenlogo „A wie Adorno“ oder „Z wie Zeppelin“ eingibt, die DDB bietet einer breiten Zielgruppe Informationen. Wissenschaftler, Hobby-Historiker, Familienforscher, Journalisten, Studierende, Schüler, Lehrer können über eine deutsch- und englischsprachige Suchfunktion recherchieren. Der große Vorteil Nutzerinnen und Nutzer des DDB-Portals können gezielt filtern und darauf vertrauen, dass „die auffindbaren Informationen das Gütesiegel deutscher Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen tragen “, betont die DDB.

Die Resonanz ist groß. Allein in den ersten Tagen, nachdem das DDB-Portal freigeschaltet worden war, verzeichnete das FIZ Karlsruhe bereits 3,6 Millionen Zugriffe und rund 25,6 Millionen Dateien-Downloads. Das FIZ Karlsruhe, das Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur, ist technischer Betreiber der DDB.

www.deutsche-digitale-bibliothek.de

www.europeana.eu

Greenwich - Weltmarktführer mit innovativen Ideen

Wenn international über grüne Technologien gesprochen wird, fällt der Name Deutschland fast automatisch. Denn in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren wichtige Kapitel der Erfolgsgeschichte geschrieben. Nirgendwo sonst werden mehr Windräder gebaut und Geothermieanlagen produziert. Schon heute arbeiten knapp zwei Millionen Beschäftigte in der Umweltwirtschaft – ein Beleg, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. Grüne Technologien ziehen sich mittlerweile durch fast alle Bereiche der Wirtschaft: vom Recycling über stromsparende Geräte und Anlagen bis hin zur Green IT. Der Klimawandel trägt ein Übriges dazu bei, dass Greentech gefragt ist. Vor allem im Energiesektor boomen nachhaltige und energieeffiziente Technologien. Versorger wie RWE und 
Eon entwickeln mit Industriepartnern wie Voith alternative Kraftwerke, mit denen Meeresenergie nutzbar gemacht wird; Konzerne wie Siemens wandeln sich zu führenden Greentech-Anbietern. Das Unternehmen baut mittlerweile mehr Wind- als Kohlekraftwerke.

Die Unternehmensberatung Roland Berger erwartet, dass der Anteil grüner Technologien am deutschen Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 bei 14 Prozent liegen wird. Die Anzahl der Beschäftigten in der Umwelttechnik soll sich bis dahin fast verdoppeln. Es besteht kein Zweifel an der Zugkraft dieser Zukunftsbranche für den Wirtschaftsstandort, der wiederum selber in der Welt wie ein Schaufenster für den ökologischen Wandel dienen soll: Die Bundesregierung fördert die Wende hin zu umweltgerechtem und effizientem Wirtschaften, die auch von zahllosen mittelständischen Unternehmen vorangetrieben wird. Ein Ziel dabei: Bis zum Jahr 2020 sollen 35 Prozent des gesamten Stroms aus „grünen“ Quellen stammen. Ein anderes ist schon längst erreicht: Bei vielen Technologien wie der Windkraft sind deutsche Unternehmen heute Marktführer in einem global stark wachsenden Markt. ▪

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Essen wie ein König in Deutschland

Spitzenküche in Deutschland – das klang noch vor ein paar Jahren so unwahrscheinlich wie Haute Couture aus Castrop-Rauxel. Doch mit dem aktuellen Guide Michelin ist es nun amtlich: Deutschland ist ein Gourmetparadies. Noch nie funkelten so viele Sterne über deutschen Restaurants, gleich 37 neue hat der weltbekannte Gastronomieführer spendiert, insgesamt gibt es jetzt 255 ausgezeichnete Adressen zwischen Flensburg und Bodensee. In Europa hat nur noch Frankreich mehr zu bieten. Was ist passiert?

Lang ist’s her, dass Eckart Witzigmann, Begründer des ersten deutschen Küchenwunders, in den 1970er-Jahren für Crème fraîche nach Paris fahren musste. Mittlerweile sind seine „Enkel“ am Ruder, ganz vorn, ganz oben: Kevin Fehling, 35, aus dem „La Belle Epoque“ in Travemünde, jüngster Nachwuchs im Club der Drei-Sterne-Köche – und typischer Vertreter der neuen kreativen Generation am Herd. Einer, der souverän zarten Kaisergranat mit erdigem Möhrenpüree, Mandarinengel, Rosenperlen und asiatischen Gewürzen kombiniert. Wie seine Kollegen, steht er dabei sicher auf dem Fundament der französischen Küche, setzt an zu fernöstlichen Höhenflügen und lässt sich auch von der Molekularküche des Spaniers Ferran Adrià inspirieren, indem er mit Texturen und Temperaturen spielt. Selbstverständlich ist er auch noch ein perfekter Handwerker und weitgereist. Ja, die junge Garde kocht frei von Zwängen – außer dem, ungemein innovativ zu sein, eigenes Profil zu entwickeln, um sich abzuheben von den vielen anderen ebenso guten Kollegen.

In der Tat, noch nie war die deutsche Küche so interessant und vielfältig. Wer durchs Land reist, kann Tim Raues einzigartige chinesisch inspirierte Kreationen in Berlin-Kreuzberg genießen, mit denen er aromatische Trommelwirbel veranstaltet und sich traut, komplett auf Nudeln, Reis und Kartoffeln zu verzichten. Dann geht’s weiter ins „La Vie“ nach Osnabrück zu Thomas Bühner, den das Genuss-Magazin „Feinschmecker“ zum „Koch des Jahres 2012“ gekürt hat: Wie kaum ein anderer verbindet er eine schwindelerregende Fülle bester Produkte zu einem Gesamterlebnis. Ein Muss ist ein Abstecher nach Wolfsburg zu Sven Elverfeld im „Aqua“, der Traditionelles wie Pizza, Borschtsch und Frankfurter Grüne Sauce atemberaubend dekonstruieren kann. Reservieren sollte man dann bei Joachim Wissler im „Vendôme“ in Bergisch Gladbach, dem wohl intellektuellsten, experimentellsten Kopf an einem deutschen Herd – um sich schließlich im ruhigen Baiersbronn niederzulassen.

Ein unscheinbarer Ort im Schwarzwald, eine Kultstätte für Genießer. Hier vereinigen Harald Wohlfahrt (3), Claus-Peter Lumpp (3) und Jörg Sackmann (1) die höchste Sternedichte in Deutschland. Primus des Dreigestirns ist ein besonnener Mann mit Seitenscheitel, scheuem Lächeln und langer Pinzette: Harald Wohlfahrt, unangefochten Deutschlands bester Koch, hält seit 20 Jahren drei Sterne, seine französisch-elegante Küche ist immer noch das Maß aller Dinge. Unzählige junge deutsche Köche haben bei ihm gelernt, seine Perfektion aufgesogen.

Und warum gerade Baiersbronn? Weil Baden-Württemberg Deutschlands Genießerregion ist, mit der Nähe zu Frankreich, den Spitzenweinen, dem lieblichen Klima und einer Gasthauskultur, die mit Liebe zur regionalen Küche punktet. Dabei ist Frankreich allein längst nicht mehr das einzig seligmachende Vorbild. Deutsche Köche holen sich ihre Inspirationen aus der modernen baskischen Küche mit ihren experimentellen Techniken, den Schäumchen und Sphären. Sie schauen neugierig nach Skandinavien, wo der Kopenhagener René Redzepi als Vorbild einer modernen Naturküche verehrt wird, die ihre Schätze direkt vor der Haustür hebt. Da werden auch in Deutschland plötzlich Tellerlandschaften entworfen, die sich Wald- und Strandspaziergänge nennen – während schon mal Südamerika als nächster Trend an die Tür klopft.

So ist in Deutschland eine weltoffene Avantgardeküche entstanden, die sich gleichzeitig selbstbewusst der eigenen Wurzeln besinnt. Galt es früher noch als Qualitätsmerkmal, wenn der Rungis-Laster, vollgepackt mit Delikatessen, vor der Tür hielt, suchen die Köche heute bewusst Produkte in der Nähe. Sie ziehen Havelzander dem Thunfisch vor und kommen ohne Trüffel gut über den Winter. Man entdeckt den Luxus des Einfachen, „Bio“ ist ein großes Thema. Historische Gemüsesorten wie die Haferwurzel werden ebenso salonfähig wie alte Schweinerassen. Klar, dass hier nicht nur das Filet in die Pfanne kommt, sondern auch die „unedlen“ Teile wie Kinn und Bauch.

„Gute Produkte sind die Basis der Küche“, sagt der Berliner Spitzenkoch Daniel Achilles und beneidet seine Mitstreiter, die sogar eigene Gärten kultivieren, aus denen sie schöpfen, wie Johannes King auf Sylt oder Michael Hoffmann vor den Toren Berlins. Apropos Berlin! Die Hauptstadt lockt mit der aufregendsten Restaurantszene des Landes, internationalen Gästen und spannenden Lokalitäten. Oft weiß man nicht, was gerade das neueste Stadtgespräch ist: das Lokal in der alten Brauerei, in 
der ehemaligen Mädchenschule oder im schummrigen Hinterhof. Und wen wundert es da noch, dass sich auch die Köche selbst verändert haben. Passé ist der Typ „Alleinherrscher am Herd“ mit ausgeprägtem Bauchgefühl. Die jungen Meister sind smarte Kopfarbeiter, begehrt als Fernsehköche und Werbepartner, die sich bei Marathonläufen und Ayurveda erholen. Viele 
haben Promistatus erlangt, beschäftigen fleißig PR-Agenturen.

Alles paletti also in Deutschland? Nicht ganz! Es gibt immer noch mehr Menschen, denen das Motoröl lieb und teuer ist, die aber beim Olivenöl knausern, die – anders als etwa in Frankreich – wenig Wertschätzung haben für den vergänglichen Genuss eines großen Menüs. Und auch im Ausland sind unsere deutschen Stars noch Nobodys. Die Sterne, sie sind da, es fehlt nur noch ein wenig der Glanz, der über die Landesgrenzen hinaus strahlt. ▪

Neues Leitungen zur Stromerzeugung und nicht in 2015/2014

Der Ausbau der neuen Energietrassen von Nord- nach Süddeutschland wird nicht vor 2014/2015 beginnen. Zunächst müsste das Parlament das Ausbaugesetz beschließen, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann am Donnerstag (27. Dezember) dem öffentlich-rechtlichen Radiosender „Deutschlandfunk“. Dann folgten die Bauanträge der Betreiber sowie die Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren. Vor 2014/2015 werde der Netzausbau nicht beginnen.

Der Verlauf der Trassen ist noch offen. Festgelegt wird er von der Bundesnetzagentur. Homann sagte hierfür eine enge Beteiligung von Bund und Ländern zu. Wo immer es geht, gebe zudem die Vorgabe, entlang von Eisenbahnlinien, Autobahnen und Wasserstraßen zu bauen. Von den Betreibern seien für 2.800 Leitungen rund 20 Milliarden Euro an Investitionen genannt worden. Die Investitionssumme werde aber darunter liegen, sagte Homann.

Billig werde die Energiewende nicht, sagte Homann. Er gehe aber davon aus, dass die Kosten später auch wieder gesenkt werden können, weil bei Sonne und Wind keine Betriebskosten anfallen. Der Ausbau der Netze sei daher eine „kluge Investition“.

Quellen: dapd; dpa.

In Rekordzeit für Herbstmeister

Die 1. Fußball-Bundesliga geht in Winterpause. Als „Herbstmeister 2012“ ist für den FC Bayern München der erste Titel schon perfekt. Eine Halbzeitbilanz der Saison 2012/13.

Titel zu gewinnen ist für Bundesliga-Rekordmeister FC Bayern München eigentlich nichts Ungewöhnliches. Bereits 22 Mal standen die Münchner am Ende der Saison auf Platz eins der Tabelle. In der 50. Saison der Bundesliga ist dem Klub jedoch eine weitere sportliche Glanzleistung gelungen: die früheste Herbstmeisterschaft aller Zeiten. Bereits am 14. Spieltag (27./28. November 2012) – und damit drei Spieltage vor Beginn der Winterpause der Spielzeit 2012/13 – sicherte sich Bayern München durch einen 2:0-Erfolg gegen den SC Freiburg zum 18. Mal den Titel „Herbstmeister“.

Einen Pokal gibt es für diesen symbolischen „Titel“ zwar nicht. Allerdings hat das Team von Trainer Jupp Heynckes damit in der Vorrunde eine eindrucksvolle Bilanz vor allem bei Auswärtsspielen vorzuweisen und gilt als Favorit für den Titel. Vor dem Start in Rückrunde am 18. Spieltag (18. bis 20. Januar 2013) zählen vor allem Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund zu den Bayern-Jägern. Dortmund, Meister der Jahre 2012 und 2011, trennte sich beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Rivalen aus München am 15. Spieltag 1:1 unentschieden.

Als Überraschungsteam der Vorrunde präsentierte sich Eintracht Frankfurt. Nach seinem Aufstieg aus der 2. Bundesliga gelang dem Verein von Trainer Armin Veh ein grandioser Start in die Saison. Mit einem spektakulären Transfer sorgte der SV Werder Bremen für Aussehen: Nach 13 Jahren als Manager verließ Klaus Allofs den Verein und wechselte zum Liga-Konkurrenten VfL Wolfsburg. Unter Allofs, der in Bremen einen exzellenten Ruf genoss, gewann der Verein den Meistertitel 2004 sowie zwei Pokalsiege (2004, 2009).

Bleibt ein bemerkenswerte Randnotiz zum bisherigen Abschneiden der Bundesligaclubs im europäischen Wettbewerb: In der Champions-League (CL) haben mit München, Schalke und Dortmund zum ersten Mal in der Geschichte der Königsklasse drei deutsche Teams ihre Gruppe gewonnen und damit souverän den Einzug ins CL-Achtelfinale geschafft.

www.bundesliga.de

Gute Ideen aus Deutschland: Automotive Bobby

Kein anderes Fahrzeug ist für so viele das erste Auto des Lebens. Jungs wie Mädchen sausen mit den Rutschautos los, kaum dass sie sich aufrecht bewegen können. 98 Prozent der Deutschen wissen, was ein Bobby-Car ist.

Ein deutsches Erfolgsprodukt, bis heute in Franken im Bundesland Bayern gefertigt. Täglich rollen 2000 der Gefährte aus dem Werk in Burghaslach. Mehr als 17 Millionen davon hat der Hersteller BIG ausgeliefert, seit der Rutschrenner aus Polyethylen 1972 auf der Nürnberger Spielwarenmesse zum ersten Mal vorgestellt wurde. Erschaffen hatte ihn der Fürther Fabrikant und Ingenieur Ernst A. Bettag.

Das Bobby-Car ist längst rund um den Globus ein Renner, nach Herstellerangaben ist es das weltweit das meistverkaufte Kinderrutsch-Auto. Exportiert wird es unter anderem auch nach Japan, Skandinavien, Neuseeland, Dubai und in die USA.

Der Klassiker ist knapp 60 Zentimeter lang, etwa 40 Zentimeter hoch, hat vier Räder und ist auf jeden Fall Ferrari-rot. Das Bobby-Car gibt es mittlerweile auch in Pink und Blau, in Leopardensonderlackierung und in Schwarz. Es gibt sogar ein Modell Lightning McQueen oder den Baby-Porsche. Doch am meisten ist bis heute die rote Oldtimer-Variante gefragt, mit Scheinwerferattrappen, die wie Augen listig nach vorn blicken. Zum 40. Jubiläum wurde eigens eine Sonderedition herausgegeben.

Nicht alle Bobby-Cars gehen übrigens an Kinder. Eine erwachsene Fan-Gemeinde fährt längst Rennen mit getunten Gefährten. Ähnlich wie Seifenkistenrennen werden auf abgesperrten Straßen mit Gefälle Meisterschaften ausgetragen. Mit Helm versteht sich und einer mit Beton ausgegossenen Karosserie. Es gibt in Deutschland einen Bobby-Car-Sport-Verband, der Familien zu Fun-Rennen einlädt, aber auch Weltranglisten führt. Der Geschwindigkeitsrekord bei den Profis liegt übrigens bei 115 Stundenkilometern.

www.big.de

www.land-der-ideen.de

Montag, 24. Dezember 2012

Angemeldet Without Borders

Mit dem Kaza-Projekt im südlichen Afrika unterstützt Deutschland den Aufbau des weltgrößten Naturschutzgebietes.

Die Männer aus Deutschland knien auf dem staubigen Lehmboden, klatschen in die Hände und neigen demütig ihr Haupt – so verlangt es das Protokoll. Es ist bereits ihr zweiter Besuch bei Seiner Majestät Inyambo Yeta, dem Stammesoberhaupt der Lozi in Sambia. Sie erhoffen sich etwas Zeit für ihr Anliegen, wenigstens ein paar Minuten.

Philipp Göltenboth und Ralph Kadel sind mit einer Vision nach Afrika gereist, für die es sich zu knien lohnt: Es geht um nichts Geringeres als das größte Naturschutzgebiet der Erde. Über die Grenzen von fünf Staaten im südlichen Afrika hinweg soll es entstehen – auf einer Fläche von mehr als 440000 Quadratkilometern. Bezahlt wird das Projekt vor allem von der deutschen Regierung. Anfang 2012 ging es los. Hilfsgelder mussten koordiniert, Behörden und Stammesfürsten gewonnen werden – dafür sind Göltenboth und Kadel als Projektleiter für den World Wide Fund for Nature (WWF) und die deutsche KfW-Entwicklungsbank ins südliche Afrika gereist.

Zwei Millionen Euro bezahlt der WWF jedes Jahr für das Naturschutzprojekt, weitere 20 Millionen Euro hat das Bundesministerium für wirtschafliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Berlin bisher zugesagt. Seit Februar 2011 fließt das Geld über die KfW an das Zentralbüro des Parks in Botsuana. Kavango Zambezi Transfrontier Conservation Area (Kaza), so heißt das Schutzgebiet. Natürlich geht es dabei um Artenschutz, aber auch um mehr Wohlstand für die Menschen, die in der Region leben. Der Park würde die Grenzen zwischen Sambia, Botsuana und Namibia überwinden. Weite Teile des Schutzgebiets liegen außerdem im vom Bürgerkrieg gezeichneten Angola sowie in Simbabwe. Es gibt einfachere Weltregionen, um ein Naturschutzprojekt dieser Größe aufzuziehen.
„Das funktioniert nur, wenn wir uns die Menschen vor Ort ins Boot holen“, sagt Kadel und klopft sich im Zeremonienraum vor Yetas Palast den Staub von der Hose. Er denkt dabei an die Stammesführer, aber auch an die Bauern der Region. Die Bevölkerung am Naturschutz zu beteiligen – in Afrika ist das noch nicht sehr weit verbreitet. Nach altem Kolonialgesetz gehören Grund und Boden dem Staat, der Landbevölkerung bleibt die Pacht. Profit machen die örtlichen Behörden und Investoren aus dem Ausland. Safarigeschäfte und Bergbau bringen Geld. Von den Gewinnen sehen die Menschen auf dem Land kaum etwas: Oft müssen sie wildern, um zu überleben. Mit dem neuen Park soll sich dies in Zukunft ändern.

Um für dieses Ziel zu werben, sind Göltenboth und Kadel zu Yetas Palast gekommen, einem Backsteinhaus inmitten eines tropischen Gartens. Hinter der Tür öffnet sich ein gewölbeartiger Raum – der Konferenzsaal des Königs, mit Porträts sambischer Stammesführer an den hellblau getünchten Wänden. Bevor der König eintritt, verteilen sich die Männer um den Konferenztisch, die Frauen quetschen sich in die letzten Reihen. So will es die Tradition. Und so will es Yeta, der Platz nimmt, aus seinem Ohrensessel heraus mit gedämpfter Stimme feierlich das Wort an seine Gäste richtet und beginnt, von den Problemen der Region zu sprechen: „Viel zu oft tritt der Sambesi über die Ufer, Landwirtschaft ist kaum möglich. Die Felder können mein Volk nicht ernähren. Wir brauchen einen Ausweg aus der Armut.“ Er will sein Stammesgebiet daher zur ersten Schutzgemeinde Sambias erklären. Erleichterung auf den Gesichtern der Gäste.

Was der König eine Schutzgemeinde nennt, ist eine kleine politische Revolution, die vor allem der WWF seit Jahren vorantreibt. In sogenannten Conservancies sollen sich Dörfer in Selbstverwaltung zusammenschließen. König Yeta kann mit der Conservancy seinen Machtbereich vergrößern. Und es bringt Geld. Profitieren würden aber auch die kleinen Leute: Sie bekämen in den Conservancies das Recht, Land zu erwerben. Bauern könnten dann ganz legal nutzen, was auf ihrem Land lebt oder wächst, nach einer durch die Regierung festgelegten Jagd- und Einschlagsquote. Die Gemeinden dürften ihr Land sogar an Tourismusunternehmen verpachten oder Lizenzen an ausländische Safaribetreiber verkaufen. Wie so etwas funktionieren kann, sieht man in Namibia, wo es bereits Conservancies gibt. Dort führen Unternehmen fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes an die Gemeinden ab. Für die Conservancies in Namibia bedeutet das wirtschaftlichen Fortschritt: Während sie 1998 insgesamt nur 60000 Euro einnahmen, waren es 2009 bereits 3,5 Millionen Euro.
Eines der größten Probleme im Kaza-Projekt jedoch ist, wie Menschen und Wildtiere miteinander auskommen. Bestehende Schutzgebiete – 36 Nationalparks und viele Reservate – sind voneinander isoliert, getrennt durch dicht besiedelte Landstriche. Die Kaza-Landkarte ähnelt einem Flickenteppich, auf dem verarmte Bauern Vieh züchten und die karge Ernte ihrer Felder oft mühsam gegen Elefantenherden verteidigen.
„Gerade die haben sich mancherorts so stark vermehrt, dass sie gewaltige Flurschäden anrichten“, sagt der Elefantenforscher Michael Chase, der die beiden deutschen Naturschützer unterstützt. „Im Okavango-Delta in Botsuana gab es in den 70er-Jahren noch keinen Elefanten. Heute leben dort 60000.“ Weit mehr, als die Menschen und die Vegetation verkraften. Nachbarländer wie Angola dagegen haben viele Elefanten durch Landminen und Wilderei im Bürgerkrieg verloren – sie würden gern welche aufnehmen. Durch die Umverteilung würden Regionen im Kaza-Gebiet entlastet. Der Park wäre eine Schneise für die Tiere über die Landesgrenzen hinweg.

Bis es soweit ist, werden die Kaza-Gründer noch viel überwinden müssen: Die Rechtssysteme in den Staaten sind grundverschieden. Sambia etwa orientiert sich am Stammesrecht traditioneller Könige. Angola kämpft noch mit den Folgen des Bürgerkriegs, auch deshalb hat Naturschutz dort noch wenig Gewicht. Und dann ist da noch Simbabwe, wo die politische Situation schwierig und die Wilderei weit verbreitet ist. Die Mehrzahl der Projekte, die KfW und WWF unterstützen, beschränkt sich daher auf Sambia, Namibia und Botsuana. Doch auch dort gab es in der Anfangszeit Schwierigkeiten. In Botsuana sei in Gemeindeschutzgebiete zu schnell zu viel Geld geflossen, sagt Kadel. Die Zahlungen seien häufig in die falschen Taschen gewandert. „Lehrgeld“, sagt er. Es habe eben wenig Sinn, eine Rangerstation in den Busch zu bauen, ohne den Leuten zu zeigen, wie man sie instand hält.

Trotz aller Widrigkeiten scheint Kaza auf einem guten Weg zu sein: Im März 2012 wurde der Park eröffnet. Für Göltenboth und Kadel ist das ein gewaltiger Schritt. Das öde Savannenland der Lozi, dessen Felder heute der Sambesi überspült, könnte sich wieder mit Tieren füllen und Touristen anlocken. Und vielleicht, so hoffen die beiden Naturschützer, zählt eines Tages Yetas Stammesgebiet zu den schönsten und dabei am wenigsten entdeckten Reisezielen Sambias. ▪

Kirsten Milhahn

Als Goethe tanzt Samba in Rio

Es ist ein Besuch bei guten Freunden. Wenn Bundespräsident Joachim Gauck am 13. Mai 2013 im „Teatro Municipal“ von São Paulo das Deutschlandjahr in Brasilien eröffnen wird, dann wird er gewiss auf die enge Partnerschaft verweisen, die zwischen den beiden Staaten, Menschen und Wirtschaften seit langem besteht. Und er wird den Blick in die Zukunft richten, jener gemeinsamen Zukunft, der das Motto von „Deutschland + Brasilien 2013-2014“ gilt: „Wo Ideen sich verbinden“.

Deutschland möchte sich dem aufstrebenden Brasilien als Impulsgeber für kommende Jahre und Jahrzehnte empfehlen. Und gestaltet dafür ein Programm, das alle wichtigen Bereiche internationalen Ideentransfers abdecken wird: „Das Deutschlandjahr soll ein umfassendes, aktuelles und authentisches Bild Deutschlands präsentieren und so in Brasilien noch stärkeres Interesse an Deutschland wecken“, sagt Bundesaußenminister Guido Westerwelle. „Neben wirtschaftlicher Kooperation geht es bei dem Deutschlandjahr um die ganze Vielfalt unserer Beziehungen: Kultur, Bildung, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Technologie, Lifestyle und Sport werden Thema sein bei den Veranstaltungen in allen Teilen des Landes.“

Die Koordination des vom Auswärtigen Amt initiierten Großprojektes, das von Mai 2013 bis zum Beginn der Fußball-WM im Juni 2014 dauert, hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) übernommen. Das Goethe-Institut bereitet ein anspruchsvolles Kulturprogramm vor. Eng eingebunden sind auch die Deutsch-Brasilianische Handelskammer, mit über 1800 Mitgliedern die größte deutsche Außenhandelskammer der Welt, und das deutsche Wissenschafts- und Innovationszentrum in São Paulo. Dass sich auch die Botschaft in Brasilia und die Generalkonsulate in Porto Alegre, Recife, Rio de Janeiro und São Paulo für das Jahr engagieren, versteht sich von selbst. Denn das Deutschlandjahr ist eine einmalige Chance, Deutschland als modernes, innovatives und kreatives Land und Partner Brasiliens zu präsentieren. Ein Großteil der Projekte soll von Sponsoren finanziert werden, vor allem von den mehr als 900 deutschen Unternehmen, die sich in Brasilien niedergelassen haben. Dazu gehören Großkonzerne wie Siemens und Volkswagen, aber auch Mittelständler, von denen einige erst durch den Boom der letzten Jahre nach Brasilien gelockt wurden. Die bedeutendsten Projekte der unterschiedlichen Sektoren standen zuerst fest – als „Leuchttürme“ gewissermaßen. So wird die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer für fünf Tage im Februar 2014 in den Biennale-Pavillon in den Ibirapuera-Park von São Paulo laden. Dort sollen gleichzeitig die Ausstellung „Ecogerma-Future Visions“ und der Kongress „Ecogerma Future Visions – Driven by the Future“ versuchen, die Welt von morgen erlebbar zu machen. Unter den Leitthemen Innovation, Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung möchte sich die deutsche Industrie als Partner für Brasilien empfehlen. Danach geht die Ausstellung auf Wanderschaft nach Porto Alegre, Curitiba, Rio de Janeiro, Belo Horizonte und Recife.

In Rio de Janeiro wird die Vertretung der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer im Oktober 2013 ein Seminar veranstalten, das innovative Gewinnung von und sparsamen Umgang mit Energie thematisieren soll, ein besonders wichtiges Thema in der Metropolregion. 200 internationale Teilnehmer werden erfolgreiche Projekte vorstellen und Vorschläge entwickeln, dieses in anderen Metropolen erarbeitete Fachwissen auch in der Bucht von Rio anzuwenden. Ebenfalls in Rio de Janeiro wird die Max-Planck-Gesellschaft auf eine Entdeckungsreise durch den „Science-Tunnel“ einladen. Während sie einen weitgehend abgedunkelten Ausstellungsraum durchschreiten, können die Besucher bahnbrechende Entdeckungen deutscher Wissenschaftler betrachten und mehr über aktuelle Forschungsergebnisse erfahren Der „Science Tunnel“ wird danach auch noch in Belo Horizonte und São Paulo zu Gast sein – und jungen brasilianischen Wissenschaftlern Deutschland als attraktiven Forschungsstandort näher bringen.

Die Begeisterung möglichst vieler Brasilianer für Deutschland zu wecken, das ist das größte Ziel dieses Deutschlandjahres. Und deshalb freut es die Organisatoren, dass die populäre Sambaschule „Unidos da Tijuca“ schon drei Monate vor der offiziellen Eröffnung, das Land zu ihrem Leitthema für den Karneval 2013 bestimmt hat. Ihre Karnevals-Interpretation wird im Februar auf acht Wagen durchs von der kürzlich verstorbenen Architektur-Legende Oscar Niemeyer gestaltete Sambadrom von Rio rollen. Es treten unter anderem auf: Märchengestalten aus dem Schatz der Gebrüder Grimm, Goethe und Marlene Dietrich. TV Globo, Lateinamerikas größter Fernsehsender, wird einige Folgen seiner wichtigsten Telenovela in Berlin und Potsdam drehen lassen. Gedreht wird in den hippen Hauptstadtvierteln, aber auch in den Schlössern und Parks von Berlin und Brandenburg. Aus Sachsens Schatzkammern werden die wichtigsten Exponate der Großausstellung „Weltneugier – 500 Jahre Kunst aus Deutschland“ bereitgestellt. Zwischen Oktober 2013 und Mai 2014 werden in Rio de Janeiro, Brasilia und São Paulo Werke von Dürer und Cranach bis Baselitz ausgestellt.

Ein Kontrastprogramm dazu bietet die Veranstaltung „Lebensgefühl Berlin – ein Festival“. Künstler, Bands, Cineasten und DJs sollen eine Woche lang den musikalischen Zeitgeist Berlins in São Paulos Häuserschluchten loslassen. Ehe jedoch Clubsounds durch die Megacity wabern, werden sich junge Philharmoniker aus Köln mit brasilianischen Kollegen zusammentun, um gemeinsam das musikalische Rahmenprogramm der Eröffnungszeremonie am 13. Mai 2013 im „Teatro Municipal“ zu bestreiten. Im Beisein von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff und Bundespräsident Joachim Gauck werden Werke von deutschen und brasilianischen Komponisten aufgeführt. Eine musikalische Synthese – unter guten Freunden. ▪

Andreas Fink

Europameister 
 in der Forschung

Deutsche Unternehmen sind im internationalen Vergleich sehr forschungsfreudig. 2011 steigerten sie ihre Ausgaben deutlich.

Die Ziele von Volkswagen sind ambitioniert. Bis 2018 will der Wolfsburger Autohersteller an den Rivalen GM und Toyota vorbeiziehen und zum größten Autohersteller der Welt aufsteigen. Der Aufsichtsrat genehmigte zu diesem Zweck ein mehr als 
50 Milliarden Euro schweres Investitionspaket. Das Geld soll in den kommenden Jahren in die Erforschung neuer Techniken und den Ausbau der Werke fließen – und aus der heutigen Nummer drei im weltweiten Automarkt die Nummer eins machen.

Die Liste der Vorhaben und Projekte reicht von Lateinamerika bis nach Asien. Eine neue Audi-Fabrik in Mexiko zählt ebenso dazu wie der Ausbau der Produktionskapazitäten in China und die Erweiterung des Porsche-Werks in Leipzig. Mehr als die Hälfte der Investitionen sollen allerdings in Deutschland erfolgen. „Wir bei Volkswagen stehen zum Industriestandort Deutschland“, versichert VW-Chef Martin Winterkorn.

Schon heute ist Volkswagen das forschungsfreudigste deutsche Unternehmen. In der Rangliste der 1000 Unternehmen auf der Welt mit den höchsten Forschungsausgaben, die jedes Jahr von der Unternehmensberatung Booz & Company erstellt wird, landeten die Wolfsburger zuletzt mit einem Budget von umgerechnet 7,7 Milliarden Dollar auf Rang 11. An der Spitze der Liste steht der japanische Wettbewerber Toyota mit 9,9 Milliarden Dollar, auf den Plätzen zwei und drei folgen die Pharmahersteller Novartis und Roche.

Besonders die deutschen Unternehmen haben der Studie zufolge im Jahr 2011 ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) stark erhöht und damit ihre Bereitschaft unterstrichen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in neue Produkte und Technologien investieren zu wollen. Umgerechnet 44,3 Milliarden Dollar gaben sie 2011 für Forschung und Entwicklung aus, gegenüber dem Jahr 2010 entspricht dies einer Steigerung von 14,8 Prozent. Im internationalen Durchschnitt erhöhten die Unternehmen ihre Forschungsbudgets dagegen „nur“ um 9,6 Prozent, im von der Schuldenkrise geplagten Europa nur um 5,4 Prozent.
Nach dem Volkswagen-Konzern, der seine Ausgaben 2011 um rund ein Viertel steigerte, schob sich der Stuttgarter Konkurrent Daimler mit einem Forschungsvolumen von 5,8 Milliarden Dollar auf Rang 19 der Liste. Zusammengenommen stünden die beiden Autohersteller für ein Drittel der Ausgaben der erfassten deutschen Unternehmen, heißt es in der Studie von Booz. Aber unter den inzwischen 50 deutschen Unternehmen auf der Liste befinden sich auch etliche, deren Namen in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind.

Aixtron ist so ein Beispiel, ein Unternehmen aus Herzogenrath nahe Aachen, das Anlagen für die Halbleiterindustrie baut. Oder Elring Klinger, ein Mittelständler aus dem schwäbischen Dettingen, der Antriebskomponenten für die Autoindustrie entwickelt. Und auch das vor zwanzig Jahren gegründete Biotechnologieunternehmen Morphosys aus der Nähe von München findet sich auf der Liste der forschungsstärksten Unternehmen auf der Welt.
Bei Morphosys betrugen die Forschungsausgaben im Jahr 2011 der Erhebung zufolge umgerechnet 80 Millionen Dollar, ein ungewöhnlich hoher Betrag gemessen am Jahresumsatz von 140 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Beim deutschen Forschungsprimus Volkswagen machen die Forschungsausgaben gemessen am Umsatz nur 3,5 Prozent aus. Zur Strategie des Biotechunternehmens Morphosys gehört eine Kooperation mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis. Aus der gemeinsamen Entwicklung von Medikamenten sind bislang sechs Wirkstoffe entstanden, die nun klinisch erprobt werden. In Zukunft wollen die beiden Unternehmen mittels einer neuen Technik sogenannte therapeutische Antikörper entwickeln.
Noch stärker als deutsche Unternehmen erhöhten 2011 die Unternehmen aus Asien ihre Forschungsausgaben. In China und Indien stiegen die entsprechenden Budgets um 27,2 Prozent, wenn auch von einer geringen Basis aus. Der Zuwachs spiegelt das neue Selbstverständnis der dort ansässigen Unternehmen wider: Längst verstehen sie sich nicht mehr nur als verlängerte Werkbank westlicher Unternehmen, sondern entwickeln eigene Produkte für die wachsende konsumfreudige Mittelschicht. Waren vor vier Jahren in der Erhebung von Booz unter den 1000 Unternehmen erst 15 aus China, sind es inzwischen 47. Die neuen Wettbewerber erhöhen den Druck auf amerikanische und europäische Unternehmen, im Ringen um Marktanteile ihrerseits das Innovationstempo deutlich hochzuhalten. „Wir sehen in einigen forschungsintensiven Industrien seit Jahren eine drastisch ­verkürzte Halbwertszeit vieler Produkte“, sagt Klaus-Peter Gushurst, Deutschland-Geschäftsführer von Booz. „Wer in der Gunst der Kunden nicht zurückfallen will, muss seine Innovationsstrategie entsprechend anpassen.“
Interessant sind die Unterschiede zwischen dem Ansehen eines Unternehmens und seinen Forschungsausgaben. Fragt man Manager danach, welche Unternehmen auf der Welt am innovativsten sind, nennen die meisten weder einen Auto- noch einen Pharmahersteller. Stattdessen wird – seit Jahren übrigens – am häufigsten jene Marke genannt, deren Anziehungskraft so groß ist, dass vor dem Verkaufsstart neuer Produkte regelmäßig Kunden vor den Läden campen: Apple. Dabei weist der Elektronikhersteller eine vergleichsweise geringe Forschungsintensität auf. Der Konzern aus Cupertino/Kalifornien investierte 2011 rund 2,4 Milliarden Dollar in Forschungszwecke. Gemessen am Umsatz sind das lediglich 
2,2 Prozent, durchaus deutlich weniger als in vielen anderen Unternehmen. Dies sei 
ein eindrucksvoller Beweis, dass Apple 
mit vergleichsweise niedrigen Investitionen eine maximale Außenwirkung erziele, schreibt Booz als Resümee. Ein deutsches Unternehmen taucht in der Liste der angesehensten Unternehmen übrigens bislang nicht auf. Noch nicht, könnte man sagen. Wenn es nach dem Willen von Volkswagen geht, sollte sich das spätestens im Jahr 2018 geändert haben. ▪

Julia Löhr

Sonntag, 23. Dezember 2012

CSU angry political preachers Minister


"Ich bin nicht immer glücklich mit den Botschaften von der Kanzel": Innenminister Friedrich rügt die Kirchen für politische Themen im Gottesdienst. Manch ein Prediger mache es sich zu einfach, sagte der CSU-Politiker - etwa "bei Fragen um Krieg und Frieden".
Berlin - Kurz vor Weihnachten fordert Innenminister Hans-Peter Friedrich die Kirchen zu mehr Zurückhaltung in politischen Fragen auf. Er sei "nicht immer glücklich damit", wenn Kirchenvertreter "einseitige und als letztgültige Wahrheit proklamierte politische Botschaften" von der Kanzel verkündeten, sagte der CSU-Politiker der "Berliner Morgenpost".
Die Politik müsse mit einer Vielzahl von immer neuen Konflikten umgehen, deren Lösungen nicht immer klar seien. In den Kirchen machten es sich "manche zu einfach, zum Beispiel bei Fragen um Krieg und Frieden", bemängelte der Innenminister. So seien etwa die Forderungen aus der Kirche, sich aus dem Afghanistan-Krieg herauszuhalten, "völlig falsch" gewesen.
Stattdessen wünsche er sich für die Zukunft von der Kirche, dass sie "die Botschaft Gottes in die Herzen der jungen Leute bringt, weil das sie davon abhält, extremistisch und fanatisch zu werden". Grundsätzlich halte er es aber für hilfreich, wenn die Kirche politische Entscheidungsprozesse begleite und dabei Wertmaßstäbe formuliere.
Seinen eigenen Glauben beschrieb der fränkische Protestant Friedrich in dem Interview so: "Ich habe ein grundsätzliches Gottvertrauen. Ich glaube, dass am Ende alles so sein wird, wie Gott es vorsieht."

cte/AFP

40 Prozent der Frauen

Der Düsseldorfer Waschmittelkonzern Henkel will bis 2018 den Anteil von Frauen im Management von derzeit 30 Prozent kontinuierlich ausbauen. „Diesen Anteil wollen wir jährlich um ein bis zwei Prozentpunkte steigern", sagte die Aufsichtsratsvorsitzende Simone Bagel-Trah dem Magazin „Wirtschaftswoche". Damit würde der Frauenanteil im Henkel-Management in den kommenden fünf Jahren auf 40 Prozent steigen.

Eine vorgeschriebene Frauenquote lehnte Bagel-Trah, die seit September 2009 an der Spitze des Henkel-Aufsichtsrats steht, jedoch ab. „Ein Unternehmen kann durch die Gestaltung der Rahmenbedingungen und durch Vorbilder die Ziele auch ohne starre Vorgaben erreichen", erklärte sie.

Auch das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kindertagesstätte geben, hält Bagel-Trah für falsch. „Das ist nicht meine favorisierte Lösung", sagte sie. Es sei in Deutschland immer noch schwer, Karriere und Kind unter einen Hut zu bekommen. Die Mittel für das Betreuungsgeld sollten besser in ein größeres Angebot von Kita-Plätzen fließen. „Stattdessen werden finanzielle Anreize geschaffen, damit gut ausgebildete Frauen daheim bleiben", erklärte Bagel-Trah.

Quellen: dapd; dpa/pa.

Das ändert sich in 2013.01.01

Die Praxisgebühr entfällt, der Rentenbeitrag sinkt, Minijobber dürfen mehr verdienen: Zum 1. Januar 2013 gibt es eine ganze Palette von Neuregelungen. Einige Neuerungen wie das Betreuungsgeld oder die EU-Führerscheinrichtlinie kommen dagegen erst im Laufe des Jahres. Eine alphabetische Übersicht:

- BEITRAGSBEMESSUNGSGRENZEN: Für die Renten- und Arbeitslosenversicherung klettert der beitragspflichtige Höchstbetrag im Westen um 200 auf 5800 Euro pro Monat. In Ostdeutschland steigt die Grenze um 100 Euro auf 4900 Euro monatlich. Die bundeseinheitliche Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung wird von derzeit 3825 auf 3937,50 Euro im Monat angehoben. Die Einkommensgrenze, bis zu der Arbeitnehmer der gesetzlichen Krankenversicherungspflicht unterliegen, steigt ebenfalls: von 4237,50 auf 4350 Euro.

- BENZINPREISE: Beim Kartellamt wird eine Meldestelle eingerichtet. Die Tankstellen in Deutschland sollen dieser Transparenzstelle ihre Preise für Benzin und Diesel melden. In einer Datenbank erfasst, werden sie privaten Anbietern fürs Erstellen von Vergleichsportalen zur Verfügung gestellt. Via Internet, Smartphone-Apps oder Navigationssystemen können Autofahrer - wahrscheinlich ab Sommer 2013 - die aktuellen Preise abfragen.

- BUNDESSCHATZBRIEFE: Die Bundesfinanzagentur bietet keine Bundesschatzbriefe, Finanzierungsschätze und Tagesanleihen mehr an. Bei Anlegern waren die Wertpapiere wegen ihres geringen Risikos besonders beliebt, auch wenn die Verzinsung zuletzt mager ausfiel. Andere Produkte, wie Bundesanleihen und -obligationen, können weiterhin gebührenpflichtig bei Banken und Sparkassen erworben werden.

- DEMENZKRANKE: Erstmals gibt es auch für Demenzkranke und andere Personen mit „Einschränkungen der Alltagskompetenz" ohne Pflegestufe Leistungen aus der Pflegeversicherung. Sie haben Anspruch auf ein Pflegegeld von 120 Euro pro Monat oder auf Pflegesachleistungen. Wenn die Pflegeperson ausfällt, können auch Demenzkranke bis zu 1550 Euro pro Jahr für Verhinderungspflege erhalten. Außerdem wird ab dem Jahreswechsel auch Demenzkranken ein Zuschuss von 2557 Euro für Maßnahmen zur Wohnungsanpassung gewährt.

- DIESELFAHRZEUGE: Der Fördersatz für die Nachrüstung von Partikelfiltern bei Dieselfahrzeugen wird zum Jahreswechsel von 330 auf 260 Euro gesenkt. Für Nachrüstungen, die noch in diesem Jahr erfolgen, kann der Antrag auf Förderung bis zum 15. Februar 2013 beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle gestellt werden. Nach diesem Stichtag gilt der niedrigere Fördersatz.

- ELTERNGELD: Für ab Januar geborene Kinder gibt es wegen einer Änderung der Berechnungsweise weniger Elterngeld. Denn künftig zählen nämlich nicht mehr die konkreten Abzüge für die Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Einheitlich zieht die Behörde für die Sozialversicherungsbeiträge 21 Prozent ab. Dadurch kann für Eltern mit monatlich 2000 bis 3000 Euro Bruttolohn das künftige Elterngeld um sieben bis zehn Euro im Monat sinken.

- ELEKTROFAHRZEUGE: Als Kaufanreiz werden die Steuervergünstigungen ausgeweitet. Elektroautos fahren künftig zehn statt fünf Jahre Kfz-steuerfrei. Die Neuregelung gilt für Autos mit reinem Elektroantrieb oder mit Brennstoffzelle für Zulassungen zwischen 18. Mai 2011 und 31. Dezember 2015. Wagen mit Zulassung von 2016 bis 2020 sollen wie bisher fünf Jahre steuerfrei sein. Die Bundesregierung hat das Ziel von einer Million E-Autos bis 2020.

- FERNBUSSE: Zum Jahreswechsel können Busse auf wichtigen Routen erstmals mit der Deutschen Bahn konkurrieren. Denn auch auf allen Strecken, die länger als 50 Kilometer sind, dürfen Busgesellschaften jetzt parallel zu bestehenden Zugverbindungen regelmäßigen Linienverkehr anbieten.

- FINANZBERATER: Die Berater müssen jetzt einen Sachkundenachweis erbringen. Die Sachkundeprüfung muss bei den Industrie- und Handelskammern abgelegt werden. Auch muss der Berater eine Versicherung abschließen, die bei Vermögensschäden haftet.

- HARTZ IV: Die Grundsicherung für Langzeitarbeitslose steigt um acht Euro auf 382 Euro. Auch die Regelbedarfe für Kinder und Jugendliche erhöhen sich - je nach Alter - auf 224 bis 289 Euro monatlich.

- LOHNSTEUERKARTE: Die elektronische Lohnsteuerkarte: Das neue elektronische Verfahren wird 2013 zum 1. Januar an den Start gehen. Da die Einführung schrittweise erfolgt und die Arbeitgeber dafür das ganze Jahr Zeit haben, müssen Arbeitnehmer im neuen Jahr besonders aufpassen. Anders als in den Vorjahren sind Freibeträge und die Steuerklassenkombination IV mit Faktor neu zu beantragen.

- MINIJOBS: Minijobber dürfen statt bisher 400 jetzt 450 Euro monatlich verdienen. Die bislang abgabenfreie geringfügige Beschäftigung wird grundsätzlich rentenversicherungspflichtig. Dafür sollen Minijobber den Rentenversicherungsbeitrag des Arbeitgebers von pauschal 15 Prozent aus eigenen Mitteln aufstocken. Für vollwertige Pflichtbeitragszeiten müssen dafür maximal 17,55 Euro gezahlt werden. Die Neuregelung gilt nur für neue Verträge.

- PATIENTENRECHTEGESETZ: Erstmals werden die Rechte von Patienten in einem Gesetz gebündelt. Dort finden Patienten jetzt beispielsweise Regelungen zum Behandlungs- und Arzthaftungsrecht und zu ihrem Recht auf Einsicht in Behandlungsunterlagen. Auch geregelt sind dort die Rechte der Verbraucher, wenn sie privat zu zahlende sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen.

- PFLEGEVERSICHERUNG: Der Beitragssatz zur Pflegeversicherung von bisher 1,95 steigt auf nunmehr 2,05 Prozent. Den Beitrag zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte. Versicherte, die älter als 23 Jahre sind und keine Kinder haben, müssen einen Zuschlag von 0,25 Prozent dazu bezahlen.

- PORTO: Mit dem Jahreswechsel müssen Briefeschreiber tiefer in den Geldbeutel greifen. Der Standardbrief bis 20 Gramm kostet dann 0,58 Euro (bisher 0,55 Euro) in die Briefkästen. Beim Maxibrief steigt das Porto von 2,20 auf 2,40 Euro. Wer alte Briefmarkenbestände aufbrauchen will, kann Ergänzungsmarken kaufen.

- PRAXISGEBÜHR: Die Zuzahlung von zehn Euro pro Quartal („Patienten-Maut") wird abgeschafft. Musste ein Patient in allen vier Quartalen zu Arzt und Zahnarzt, waren bislang 80 Euro im Jahr fällig. Die Abschaffung bedeutet auch weniger Bürokratie für Ärzte und Krankenkassen. Für die Versicherten bedeutet das eine Entlastung von zwei Milliarden Euro pro Jahr.

- RENTENEINTRITTSALTER: In Zuge der schrittweise Anhebung („Rente mit 67") verschieben sich die Altersgrenzen um einen weiteren Monat nach hinten. Erst für die Jahrgänge 1964 und jünger wird die Regelaltersgrenze bei 67 Jahren liegen.

- RENTENVERSICHERUNG: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Rentenversicherung sinkt um 0,7 Punkte auf 18,9 Prozent. So niedrig war er seit 1995 nicht mehr. Bundesweit gerechnet beträgt die Entlastung sechs Milliarden Euro. Sie kommt je zur Hälfte Arbeitnehmern und Arbeitgebern zugute. Der Durchschnittsverdiener wird laut Rentenversicherung um acht Euro pro Monat entlastet.

- RUNDFUNKGEBÜHREN werden zum Rundfunkbeitrag: Im neuen Jahr werden die Gebühren für den Empfang der öffentlich-rechtlichen Programme und deren Online-Angebote nicht mehr pro Empfangsgerät, sondern als Rundfunkbeitrag pro Wohnung erhoben. Ab 2013 muss für jede Wohnung ein pauschaler Rundfunkbeitrag von 17,98 Euro pro Monat gezahlt werden. Schwerbehinderte, die in ihrem Ausweis das RF-Merkzeichen haben, können sich dann nicht mehr von der Zahlung der Rundfunkgebühr befreien lassen. Sie zahlen dann - auf Antrag - einen ermäßigten Beitrag von 5,99 Euro.

- SOLARSTROM: Alle Photovoltaik-Anlagen, die seit dem 1. Januar 2012 in Betrieb genommen wurden, müssen spätestens zum 1. Januar 2013 technische Vorgaben zur Netzsicherheit umsetzen. Was bislang nur für große Anlagen Pflicht war, gilt dann auch für Mini-Stromerzeuger mit höchstens 30 Kilowatt Leistung. Alle neu installierten Photovoltaik-Anlagen müssen so ausgestattet sein, dass entweder der Netzbetreiber in Spitzenzeiten die Stromeinspeisung regeln kann (Einspeisemanagement) oder die maximale Einspeiseleistung der Anlage von vornherein und dauerhaft um 30 Prozent reduziert wird (Kappung).

- WAFFENREGISTER: Mit dem Start des nationalen Waffenregisters wird eine EU-Richtlinie umgesetzt. Mit dem computergestützten Register können Herstellung, Import und Nutzung der Waffen nachvollzogen werden.

Quelle: dapd; dpa/pa.

"Warum de.": Besuch in Dresden...


Dresden macht es einem wirklich schwer. Wann ist die beste Zeit, um in die sächsische Metropole zu reisen? Im Winter, wenn auf dem Striezelmarkt, einem der ältesten deutschen Weihnachtsmärkte, der Duft von Glühwein, Bratwurst und Gebäck die Sinne vernebelt? Oder im Frühling und Sommer, wenn man dem Dampfschiff über die Elbe schippert - vorbei an den vielen Schlössern.

Den bekanntesten Dresdner gibt es jedenfalls zu jeder Jahreszeit: den Stollen. Er ist nicht nur ein Backwerk, sondern eine Marke. Auch wenn jeder Bäcker seine Geheimzutaten hat, die Grundsubstanzen für den Dresdner Stollen sind: Mehl, Butter, Zucker, Rinderschmalz, Rosinen, Zitronat, Mandeln, Hefe, Salz, Zitronenschale und Milch. Im Winter wird er in den vielen Holzbuden rund um den Altmarkt angeboten und es gibt ihn im Superlativ: ein Riesenstollen wird für einen guten Zweck verkauft. Neben dem Naschwerk ist der Striezelmarkt vor allem bekannt für seine traditionell gefertigten Waren aus der Region. Dafür steht auch die mit 14,62 Meter Höhe weltgrößte erzgebirgische Stufenpyramide in der Mitte des Marktes und verbreitet weihnachtliches Flair.

Aber schon einige Monate nach dem Lichterzauber bietet die Stadt eine ganz andere Atmosphäre. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen strömen die Dresdner mit Kind und Kegel ans Flussufer zum Picknick und genießen den Canaletto-Blick: das Panorama der Stadt, (fast) wie es der gleichnamige Maler es 1748 sah. Als Gast sollte man sich hier ein Beispiel an den Einheimischen nehmen. In Dresden ist fast alles gut zu Fuß zu erreichen. „Elbflorenz“ hat der deutsche Dichter Johann Gottfried Herder die sächsische Metropole getauft. Diesen Titel verdankt die Stadt dem Fluss, der Silhouette und natürlich den Kunstschätzen. Der bekannteste unter ihnen: Raffaels Sixtinische Madonna mit den Engeln zu ihren Füßen. Die beiden dürfen an keinem Kunstpostkartenständer der Welt fehlen.

Gleichsam berühmt sind Dresdens architektonische Stars, zum Teil erst in den vergangenen Jahren wieder erstanden: Frauenkirche, Zwinger, Brühlsche Terrasse und Semperoper. Wer sich nur im wiedererstandenen barocken Dresden tummelt, verpasst die anderen Facetten der Stadt, etwa die innere Neustadt, die mit den barocken Bürgerhäusern eines der schönsten Quartiere der Stadt ist. Oder die äußere Neustadt, eines der größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Europas. Hier kann auf ein „Schälchen Heeßen“ einkehren, wie der Sachse die Tasse Kaffee nennt, und beschließen, einfach im Winter und im Sommer nach Dresden zu reisen.

www.dresden.de

2013 noch mehr soziale Pakete, aber immer noch nichts

Noch mobiler, noch sozialer, aber weiterhin umsonst: Die führenden deutschen Nachrichtenportale im Internet wollen im kommenden Jahr auf möglichst vielen Geräten präsent sein. Dabei bleibt der Zugriff aber - abgesehen von einigen Premium-Leistungen - kostenlos, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dapd unter Redaktionsleitern und Chefredakteuren ergab. Mit besonderer Spannung blicken die Online-Journalisten auf den Herbst: Zur Bundestagswahl bereiten sie aufwendige Daten- oder multimediale Grafikprojekte vor. „Spiegel Online"-Chefredakteur Rüdiger Ditz glaubt: „Die Bundestagswahl 2013 wird sicherlich die erste richtige Internetwahl in Deutschland."

Schon vor dem Wahltermin schauen Journalisten gespannt auf soziale Netzwerke. Insbesondere der Kurznachrichtendienst Twitter steht im Fokus - und kein Onliner glaubt, dass dessen Bedeutung schrumpfen wird. Der Chef der Online-Seite des Nachrichten-TV-Senders „N-TV“, Tilman Aretz sagt zwar: „Die Wahl 2013 wird nicht bei Facebook oder Twitter entschieden." Oliver Stock von der Wirtschaftsseite „Handelsblatt Online" will mehr Personal einsetzen, um die Kanäle zu bedienen, auch wenn seiner Meinung nach „zu oft gequatscht und gezwitschert, anstatt diskutiert" wird.

„Süddeutsche.de"-Chefredakteur Stefan Plöchinger sieht Twitter und Facebook auch als Mittel der Kundenbindung: „Wir kommen unseren Lesern dank der Netzwerke so nahe wie nie zuvor." Seine Kollegen bei „tagesschau.de" nutzen die sozialen Netzwerke als Frühwarnsystem. Für den Wahlabend plant Redaktionsleiter Andreas Hummelmeier, auf einer Seite die Livebilder der ARD, Stimmen aus den Netzwerken und Live-Grafiken zusammenzutragen. Auch „Spiegel Online" setzt auf Verknüpfung und will Daten visualisieren, bloggen und tickern, was das Zeug hält. Die Redaktion wolle „etliche multimediale Anwendungen anbieten, die auf allen neueren Endgeräten laufen werden", sagt Chefredakteur Ditz.

Damit verweist er auf einen weiteren Trend: Die Nachrichtenportale wollen sich auf möglichst vielen Geräten breitmachen - egal ob auf dem Smartphone, dem Tablet oder dem internetfähigen Fernseher. „Wir wollen unsere Leser überall begleiten: bei der Arbeit, im Wartesaal, im Flugzeug, im Urlaub - von mir aus auch im Bett", sagt "Handelsblatt Online"-Chefredakteur Stock. Auch sein Kollege Frank Thomsen will „'Stern' auf allen Kanälen." Das digitale Schaufenster des Hamburger Magazins soll für Leser kostenlos bleiben, aber wie viele andere setzt auch Thomsen auf zahlungsfreudige Kundschaft, die etwas mehr will als nur die Grundversorgung.

Das beliebte „Spiegel Online" hat ebenfalls entsprechende Pläne in der Schublade. Auch wenn der Zugriff auf die Homepage kostenlos bleiben soll, wird es bald Inhalte geben, für die bezahlt werden muss. Der Geschäftsführer von Tomorrow Focus, Oliver Eckert, sieht für „Focus Online" Erlösquellen besonders dort, wo es an die Geldbörse der Leser geht: Besonders bei Berichten über die Themen Finanzen und Gesundheit könne es bereits bald mehr zahlungspflichtige Angebote geben.

Beim Düsseldorfer „Handelsblatt" planen sie im Netz eine Art Seite hinter der Seite aufzubauen, ein Informationsportal für die Elite, wie es Chefredakteur Stock nennt. Intern trage es den Namen „KdW" - „Kaufhaus der Weltwirtschaft". Ohnehin bewegt sich in Düsseldorf recht viel: Ab Januar übernehmen etwa 15 Kollegen von New York aus das Kommando über die digitalen Angebote und bestücken sie mit frischen Informationen, während Deutschland schläft.

Die ganz große Bezahlschranke wird die Datenautobahn also weiter nicht versperren. Vor allem bei den mobilen Angeboten wittern die Medienmacher aber Profite. Denn insbesondere die Tablet-Computer seien ein Markt, bei dem „bestimmt noch viel Luft nach oben" sei, wie Aretz von „n-tv.de" meint.

Quelle: dapd.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Anniversary of the Brothers Grimm


„In alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“ – so beginnt „Der Froschkönig“, das erste Märchen der Gebrüder Grimm. Kann es einen schöneren Einstieg in ein Buch geben? Am 20.Dezember 1812 wurde der erste Band der von Wilhelm und Jacob gesammelten Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Seither sind Rotkäppchen, Schneewittchen, Dornröschen und all die anderen Geschichten in mehr als 150 Sprachen und Dialekten erschienen. Die Sammlung gilt nach der Bibel als das am häufigsten übersetzte Buch der Welt.

Der Berliner Verleger Georg Andreas Reimer hatte die Grimmsche Sammlung vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht und einige Jahre später zog es die im hessischen Hanau geborenen Brüder selbst nach Berlin. König Friedrich Wilhelm IV. holte die Sprachwissenschaftler 1841 in die Stadt und stellte sie als Professoren an der Humboldt-Universität ein. Jacob und Wilhelm Grimm lebten frei von ökonomischen Sorgen bis an ihr Lebensende in Berlin. Und auch wenn sie gestorben sind, ihre Märchen leben noch heute fort.

Das liegt an den zeitlosen Themen, die auch heute noch viele Leser kennen, meint der Marburger Professor und Märchen-Forscher Wilhelm Solms in einem Interview: „Neid und Streit zwischen Geschwistern sind ein solches Thema, aber auch Schicksalsschläge wie der Verlust von Vater oder Mutter. Wenn Kinder von solchen Problemen im Märchen lesen oder hören, können sie sich damit auseinandersetzen.“

Aber die Grimms hinterließen sind viel mehr als nur Geschichten von Prinzessinnen, Hexen und wildem Getier. „Die Brüder haben mit ihrer Deutschen Grammatik und dem Deutschen Wörterbuch bleibende Verdienste um die Germanistik“, betont Hessens Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). In Kassel ist deshalb im Jubiläumsjahr (27. April bis 8. September 2013) in der documenta-Halle eine große Ausstellung zum Wirken und Leben der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zu sehen.

www.grimms.de

www.grimmstories.com

www.grimm2013.nordhessen.de

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Und "neuen Deutschen"


Am 18. Dezember findet jährlich der Internationale Tag der Migranten statt. In Deutschland leben nach einem Bericht des Statistischen Bundesamts insgesamt 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.

Nahezu jeder fünfte Einwohner in Deutschland hat ausländische Wurzeln. Er gilt als Migrant, wenn er seit 1950 als Zuwanderer nach Deutschland kam, hier als Ausländer geboren wurde oder Deutscher ist, der mindestens ein Elternteil mit ausländischen Wurzeln hat. So wie die Journalistin und Unternehmerin Esin Rager. Als Tochter türkisch-deutscher Eltern wurde sie 1968 in Washington geboren und ist ein gutes Beispiel für gelungene Integration von Migranten in Deutschland.

Nachdem sie in Ankara, Moskau und Wien lebte, ließ sie sich mit 21 Jahren in Hamburg nieder. Während ihres Französisch- und Germanistikstudiums leitete sie die Stadtzeitung »Hamburg Pur«, war einige Jahre lang Ressortleiterin beim Hamburger Abendblatt und beriet namhafte Medienunternehmen. Im Jahr 2002 gründete sie die Firma „samova“, die weltweit mit hochwertigen Teesorten handelt. „Istanbul Nights“ etwa, oder „Team Spirit“ heißen ihre Kreationen mit Biokräutern, Guaranasamen, Sandelholz und Olivenblätter. Regelmäßige Veranstaltungen wie philosophische Salons oder Tee-Cocktail-Workshops gehören zur umfangreichen Teekultur von samova, mit der Esin Rager vor allem kulturelle Vielfalt vermitteln und fördern möchte. Für den Markenauftritt von „samova“ wurde Esin Rager mit zahlreichen Preisen geehrt.

Vor allem für junge deutsche Migranten spielen prominente Vorbilder eine Rolle bei der erfolgreichen Integration. Sportliche Vorbilder etwa, wie der Fußballer Sami Khedira. Er wurde als Sohn eines tunesischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren und wuchs mit zwei Brüdern in der Nähe von Stuttgart auf. Eine Ausbildung zum Industriekaufmann brach er ab, nachdem er in die Amateurmannschaft des VfB Stuttgart aufgenommen wurden war. Seit 2009 spielt Khedira für die deutsche Nationalmannschaft, seit 2010 steht er beim spanischen Spitzenklub Real Madrid unter Vertrag. Lebensläufe wie diese sind nur zwei Beispiele von vielen für die gelungene Integration von Migranten in Deutschland.

Internationaler Tag der Migranten am 18. Dezember 2012

www.bamf.de

Weihnachtsgeschenk für Romantiker

Wenn der Weihnachtsmann eine neue Werkstatt eröffnen wollte, würde er seinen Schlitten vermutlich ins deutsche Erzgebirge lenken. Denn diese Region in Sachsen ist die Heimat einiger der wohl bekanntesten deutschen Kunsthandwerker. Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts haben die Manufakturen im Erzgebirge die Produktion von Nussknackern oder die Weihnachtspyramiden, immer weiter aufgestockt, um die wachsende Nachfrage aus aller Welt zu befriedigen. Das ganze Jahr über sind Holzhandwerker damit beschäftigt, kleine Figuren wie die Räuchermännchen zu schnitzen. Weihnachtliche Tischdecken und Servietten werden von Leinenmachern und Spitzenklöpplern gestaltet. Um Kunden anzulocken, stellen kleine Familienunternehmen karussellartige Lichtergestelle mit Weihnachtsmotiven her, oder sie fertigen Lichterbögen als Fensterschmuck und Holzfigürchen als Christbaumschmuck.

Der Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller erwartet in einigen ausländischen Märkten für dieses Jahr wieder ein Umsatzwachstum. Es gibt Schätzungen, die die Exporte für Weihnachtsdekorationen aus dem Erzgebirge in die USA auf bis zu zehn Millionen Euro im Jahr 2012 beziffern – rund eine halbe Million Euro mehr als im Vorjahr. Nussknacker, so der Verband, seien üblicherweise die beliebtesten Dekoartikel. Aber auch Weihnachtspyramiden verkaufen sich sehr gut, sagt Tammara Rynerson Oswald, die Inhaberin von Sachsen Imports in den USA.

Für das Weihnachtsgeschäft 2012 hoffen die deutschen Dekowarenhersteller auf kauffreudige Kunden. Denn viele der Unternehmen machen in dieser Zeit ihren Hauptjahresumsatz. Tammara Rynerson Oswald will mit ihren Produkten dazu beizutragen, dass traditionelles Kunsthandwerk aus Deutschland in den USA auch künftig zur Weihnachtszeit Wohnzimmer schmückt.

www.sachsenimports.com

Montag, 17. Dezember 2012

Traditionell, kreativ, Kunst und Neue Medien


Die Kulturszene in Deutschland hat viele Facetten: Rund 300 Theater und 130 Berufsorchester gibt es zwischen Flensburg und Garmisch. 630 Kunstmuseen mit international hochkarätigen und vielseitigen Sammlungen sorgen für eine beispiellose Museumslandschaft. Vital ist zudem die junge deutsche Malerei, die auch international längst zu Hause ist. Mit rund 94000 neuen und neu aufgelegten Büchern pro Jahr gehört Deutschland auch zu den großen Buchnationen. 350 Tageszeitungen und Tausende Zeitschriftentitel sind Beleg für eine lebendige Medienlandschaft. Neue Erfolge feiert auch der deutsche Film – und dies nicht nur in deutschen Kinos, sondern in vielen Ländern der Welt.

Tradition

Deutsche Schriftsteller, Komponisten und Philosophen wie Goethe, Schiller, Bach, Beethoven, Kant und Hegel haben Kulturepochen geprägt und nehmen einen bedeutenden Rang in der Welt ein

Kultureinrichtungen

6200 Museen (davon 630 Kunstmuseen), 820 Theaterspielstätten (inklusive Musiktheater und Opernhäuser), 130 Berufsorchester, 8800 Bibliotheken

Festivals

Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth, Bachfest Leipzig, Theatertreffen Berlin, Internationale Filmfestspiele Berlin (Berlinale), Rock am Ring

Bücher

94300 Neuerscheinungen oder neu aufgelegte Bücher pro Jahr

Internet

73% der Haushalte und 96% der Unternehmen (mehr als 10 Beschäftigte) verfügen über Internetzugang, 79% dieser Unternehmen betreiben eine eigene Website

Presse

Rund 350 Tageszeitungen mit einer verkauften Gesamtauflage von 24 Millionen Exemplaren und einer Reichweite von 71% der Bevölkerung. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ist der viertgrößte Nachrichtendienst der Welt

Rundfunk, Fernsehen

Zweigliedriges System: Neben öffentlich-rechtlichen (gebührenfinanzierten) Rundfunk- und Fernsehanstalten (ARD, ZDF) gibt es private (werbefinanzierte) Anbieter. Das ZDF ist die größte Sendeanstalt Europas. Der Auslandsrundfunk ist die Deutsche Welle (DW-TV, DW-Radio, DW-world.de und die DW-Akademie)

Magazine

1500 Publikumstitel, darunter „Der Spiegel", „Stern", „Focus"

In Erwartung des Festivals

Früher waren es Fleisch und Kartoffeln, die auf den spätmittelalterlichen Verkaufsmessen zu Beginn der kalten Jahreszeit als Wintervorräte angeboten wurden. Erst seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die Märkte in Deutschland zu einem festen Element des vorweihnachtlichen Brauchtums geworden. Einige davon haben Weltruhm erlangt, häufig aufgrund regionaler Spezialitäten wie etwa der Aachener Weihnachtsmarkt mit den Lebkuchen ähnlichen Printen oder der Dresdner Striezelmarkt mit seinem Christstollen.

Auch der Nürnberger Christkindlesmarkt gehört zu den bekanntesten Märkten der Welt. Kein Wunder, denn das Christkind höchstpersönlich gibt sich hier die Ehre. Gewählt wird die goldgelockte Himmelsbotin seit 1969 von den Nürnberger Einwohnern und darf mit einer Rede den Markt eröffnen. Der Frankfurter Weihnachtsmarkt wurde erstmals 1393 urkundlich erwähnt und gehört zu den ältesten Märkten Deutschlands. Seit einigen Jahren finden „Frankfurter Christmas Markets“ als deutsche Exportschlager auch in Großbritannien viele Anhänger. Mit München verbinden Weihnachtsfans meist den großen Markt auf dem Marienplatz. Die bayerische Landeshauptstadt hält aber auch eine Abwechslung zum üblichen Weihnachtsglitzer bereit: Auf der Theresienwiese findet seit 1991 das Tollwood Winterfestival als alternativer Weihnachtsmarkt mit Kulturprogrammen, Kleinkunstgewerbe und Bio-Gastronomie statt.

Über die meisten Marktbesucher kann sich übrigens die Rheinmetropole Köln freuen: Vor dem Kölner Dom wärmen sich rund fünf Millionen Gäste in fünf Wochen die fröstelnden Hände an Punsch und Glühwein. Aber nicht nur Superlativen sind bei den festlich gestimmten Marktgängern gefragt. Wie die Fachhochschule Südwestfalen in einer Umfrage herausfand, ist Gemütlichkeit ein wichtiges Besucherkriterium. Zu den gemütlichsten deutschen Weihnachtsmärkten zählen demnach die Märkte in Heidelberg, Karlsruhe und Garmisch-Partenkirchen. Als besonders weihnachtlich empfinden Besucher die Weihnachtsmärkte in Wiesbaden, Karlsruhe und Mainz.

www.weihnachtsmarkt-deutschland.de

Deutschland im Blues

Der Staat pumpt viel Geld in die Familienförderung, doch mehr Kinder werden nicht geboren. Jetzt zeigt eine aktuelle Studie, warum die Bundesbürger auf Nachwuchs verzichten: Grund sind alte Rollenbilder - und der Wunsch nach Selbstverwirklichung.


München - Der Aufwand war groß, das Resultat überschaubar: Höheres Kindergeld, Elterngeld, Vätermonate, Kita-Ausbau - und dennoch setzen die Deutschen nicht mehr Nachwuchs in die Welt. Die Geburtenrate liegt seit rund 40 Jahren ziemlich konstant bei etwa 1,4 Kindern pro Frau. Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat nun die Gründe dafür untersucht.
Die Ergebnisse sind ernüchternd. Vielen Deutschen sind ihr Beruf, ihre Hobbys und ihre Freunde wichtiger als ein Kind zu bekommen. Dem Bericht zufolge lautet das Fazit: "Kinder stellen nicht mehr für alle Deutschen einen zentralen Lebensbereich dar."
Die Gründe dafür sind vielfältig. So hat sich die gesellschaftliche Haltung zum Thema Elternschaft deutlich verändert. Vor einem halben Jahrhundert galt man eigentlich erst als richtig erwachsen, wenn man einen Beruf hatte, verheiratet war und Kinder hatte. Heute gibt es für das Kinderkriegen keine Anerkennung mehr. Und kaum noch jemand erwartet, dass sich seine gesellschaftliche Stellung durch Nachwuchs verbessert. Viele Menschen befürchten offenbar sogar, dass mehr als zwei oder drei Kinder ein Makel sein könnten.

Hochqualifizierte verzichten ganz auf Nachwuchs
Problematisch sehen viele Deutsche der Studie zufolge auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Sorge, dass man nicht gleichzeitig den Kindern und den Arbeitgebern gerecht werden kann, ist groß - vor allem bei den Müttern. Sie sehen sich in einem zeitlichen Dilemma und damit vor der grundsätzlichen Entscheidung zwischen Kindern und Job. Viele Frauen - besonders in Westdeutschland - werden demnach noch immer von alten Rollenbildern geleitet. Sie haben die Vorstellung, dass sie keine guten Mütter sind, wenn sie ihr Kind in fremde Hände geben. Vor allem Hochqualifizierte lassen es dann gleich ganz bleiben mit dem Nachwuchs.
Erstaunlicherweise zeigt sich der Untersuchung zufolge auch, dass der Vater bis heute in Deutschland nicht als adäquater Ersatz für die Mutter gesehen wird. Im internationalen Vergleich trauen wir unseren Männern deutlich weniger zu als etwa Franzosen oder Belgier. Beides Länder, in denen arbeitende Mütter viel stärker akzeptiert sind.
Bei so vielen Schwierigkeiten leidet offenbar gleich die gesamte Einstellung gegenüber Kindern. Sie werden der Erhebung zufolge nicht mehr selbstverständlich als Quelle für Zufriedenheit und Lebensfreude angesehen. Nur noch 45 Prozent der kinderlosen Deutschen von 18 bis 50 Jahren glauben, dass sich ihre Lebensfreude und ihre Zufriedenheit verbessern würde, wenn sie in den kommenden drei Jahren Kinder bekommen würde.
 Kinderwunsch nicht ausgeprägt
Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, das dem Bundesinnenministerium unterstellt ist, hat in seiner Studie erstmals die Gefühlslage der Deutschen bei der Frage des dauerhaften Geburtenrückgangs berücksichtigt, dies mit bekannten Daten zur Familienforschung kombiniert und die Werte international verglichen. In Europa gebe es nur zehn Länder, in denen die Geburtenziffern niedriger seien als in Deutschland, heißt es. Hier betrage die Zahl 1,39. Lettland liege mit einer Quote von 1,17 ganz hinten, Island führe mit 2,20 Kindern die Statistik an.
Während in einigen Ländern Europas in den vergangenen Jahren wieder mehr Babys auf die Welt kamen, bleibt dieser Trend hierzulande aus. Im weltweiten Vergleich habe Deutschland den höchsten Anteil dauerhaft kinderloser Frauen. Knapp ein Viertel der Frauen der Geburtsjahrgänge 1964 bis 1968 hat dem Bericht zufolge bewusst keine Babys geboren.
Generell ist in der Bundesrepublik der Wunsch nach einem Kind nicht so weit ausgeprägt wie in anderen europäischen Ländern. In nur sechs weiteren Staaten möchte die Mehrheit der Befragten keine oder ausdrücklich weniger als zwei Kinder bekommen.
 OECD mahnt bessere Kinderbetreuung an
Auch eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellte Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus. Junge Frauen sind demnach besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen, haben aber auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen. Fazit der Studie: Deutschland solle ein hochwertiges Betreuungsangebot für Kinder schaffen, das Ehegatten-Splitting abschaffen - und das gerade erst beschlossene Betreuungsgeld auch.
27 Prozent der Frauen in Deutschland von 25 bis 34 Jahren haben einen Abschluss von einer Universität, einer Fachschule oder einen Meisterbrief. Bei den gleichaltrigen Männern sind es nur 25 Prozent. "Zwar sind Frauen heute in vielen Ländern häufiger berufstätig als noch vor zwanzig Jahren, aber gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeiten sie überproportional oft in Teilzeitanstellung", heißt es. "Das hat negative Auswirkungen auf ihr Gehalt und auf ihre Karriere." Frauen mit einem mittleren Einkommen verdienen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer, Freiberuflerinnen sogar 63 Prozent weniger - mit entsprechenden Folgen für die Rente.

ler/Reuters

 

Samstag, 15. Dezember 2012

Der Täter mit dem Schulpersonal vor dem Massaker Kontroverse

 
Was trieb Adam Lanza dazu, 20 Kinder und 6 Erwachsene zu erschießen? Der Attentäter von Newtown hatte einen Tag vor dem Massaker eine heftige Auseinandersetzung mit Angestellten der Sandy-Hook-Schule. Zudem soll er am Dienstag versucht haben, sich eine eigene Waffe zu kaufen.

Newtown - In vielen US-Bundesstaaten ist es ganz einfach: Amerikanische Bürger können sich problemlos mit Schusswaffen versorgen: Man muss nur in einen Waffenladen gehen und erhält das gewünschte Produkt sofort. Im US-Bundesstaat Connecticut gelten etwas schärfere Regeln: Man kann die Waffe nicht direkt mitnehmen, sondern muss eine 14-tägige Frist abwarten, in der man überprüft wird. Dazu müssen auch die Fingerabdrücke bei der örtlichen Polizei abgegeben werden. Zudem muss der Käufer einen Kurs in Waffensicherheit absolvieren.
Am Dienstag, drei Tage vor dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, hat Adam Lanza versucht, sich in einem Laden in Connecticut eine eigene Waffe zu besorgen, meldet NBC unter Berufung auf Vertreter der Bundesbehörden. In Danbury in Connecticut sei er in den Laden Dick's Sporting Goods gegangen, dort habe er aber die gewünschte Waffe nicht sofort bekommen. Er habe aber die erforderliche Personenüberprüfung abgelehnt und auch nicht die Frist abwarten wollen.
Für das Attentat nutzte Lanza ein Sturmgewehr, gab die Polizei am Abend bekannt. Bei der Leiche des Täters wurde auch eine Glock 9 Millimeter und eine Sig Sauer gefunden. Nach Angaben des Mediziners, der die Autopsien vorgenommen hat, wurden alle Opfer mit dem Gewehr erschossen. Alle Opfer wurden von mehreren Kugeln getroffen, sagte H. Wayne Carver. Er habe in seinem Leben noch nie etwas so Furchtbares gesehen. Den Familien wurden Fotos der Opfer gezeigt, um diese zu identifizieren.
Heftiger Streit zwischen Lanza und Schulangestellten
Am Donnerstag, das melden NBC und CNN unter Berufung auf Ermittler, soll es an der Schule einen heftigen Streit zwischen Lanza und vier Schulangestellten gegeben haben. Drei der vier Angestellten sollen unter den Todesopfern sein. Die vierte Person war am Tag des Attentats nicht an der Schule und wird derzeit von der Polizei befragt. CNN meldet zudem, die Auseinandersetzung habe offensichtlich damit zu tun gehabt, dass Lanza sich Zugang zur Schule habe verschaffen wollen.
Lanzas Mutter starb in ihrem Haus in der Yogananda Street in Newtown. Gegen 9.30 Uhr fuhr Adam Lanza mit dem Wagen seiner Mutter zur Sandy-Brook-Schule, parkte direkt vor dem Haupteingang und verschaffte sich gewaltsam Zugang zu dem Gebäude. Dort tötete er sechs Erwachsene und 18 Kinder, zwei Kinder wurden ins Krankenhaus gebracht und erlagen dort ihren Verletzungen. hier finden Sie den Tatablauf, wie Zeugen ihn geschildert haben.
Widersprüchliche Meldungen gab es über die Mutter des Amokläufers. Viele US-Medien hatten berichtet, sie sei Lehrerin an der Grundschule gewesen. Dem Sender ABC zufolge steht sie aber nach Angaben des Schulbezirks Newton nicht auf der Liste des Lehrpersonals. Das schließe aber nicht aus, dass sie Ersatzlehrerin gewesen sei.
Korrigiert wurde inzwischen, wie der Attentäter in die Schule eingedrungen ist. Zunächst hieß es, die Schulleiterin Dawn Hochsprung habe Lanza die Tür geöffnet. Sie habe ihn, den Sohn einer Kollegin, auf der Überwachungskamera erkannt. Nun hat die Polizei erklärt: Der Täter habe sich den Zugang "erzwungen".
Die als engagiert und kreativ beschriebene Direktorin starb bei dem Amoklauf, als sie sich dem Täter entgegenstellte - wohl um ihre Schüler zu retten. Sie hatte erst Mitte Oktober neue Sicherheitsvorkehrungen an der Schule eingeführt, berichtet CNN. Mit Beginn des Unterrichts um 9.30 Uhr wurden die Türen der Schule verriegelt, jeder Besucher musste ab dem Zeitpunkt am Haupteingang klingeln. Wenn sie in das Büro am Eingang hereingelassen wurden, mussten auch Eltern sich ausweisen.
Hunderte Menschen trauern gemeinsam
Nach Angaben der Polizei wurden inzwischen Beweismittel gefunden, die möglicherweise über die Motive des Täters Auskunft geben können. Diesen sollen in den kommenden Tagen ausgewertet werden, meldet NBC.
Seit Freitag steht der idyllische Ort Newtown unter Schock. Hunderte Menschen versammelten sich am Samstag in einer Kirche, um gemeinsam zu trauern. Das Kriseninterventionsteam eines Krankenhauses soll jedem in der Gemeinde jetzt helfen, der Bedarf für ein Gespräch hat.
Noch immer gibt es viele Fragen. Die Ermittler untersuchen den Tatort, sagte der Sprecher der Polizei im US-Bundesstaat Connecticut. Die Untersuchung werde noch mindestens einen weiteren Tag dauern.
Die Opfer des Täters liegen inzwischen nicht mehr in der Grundschule, ihre Leichen werden jetzt untersucht. Namen und Alter der Toten werden veröffentlicht, hat die Polizei angekündigt. Die Angehörigen der Opfer hätten darum gebeten, dass ihre Privatsphäre in dieser "extrem herzzerreißenden" Situation respektiert werde, so der Polizeisprecher. Jede Familie habe einen eigenen Polizeibeamten zur Seite gestellt bekommen, der sich um sie kümmern werde.
Nur ein Opfer des Amokläufers hat verletzt überlebt. Die Person liegt im Krankenhaus und spricht mit der Polizei. Zwei Kinder waren am Freitag noch schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht worden, wo sie starben.
 

Die Ermittler drei Verdächtigen aus der Mitte Salafi

Die Bundesanwaltschaft ermittelt nach SPIEGEL-Informationen mindestens gegen drei Männer im Fall des Anschlagsversuch am Bonner Hauptbahnhof. Die Verdächtigen stammen aus dem salafistischen Milieu. Bundesinnenminister Friedrich verlangt als Konsequenz eine Ausweitung der Videoüberwachung.
e Bundesanwaltschaft hat wegen der Bombe vom Bonner Hauptbahnhof drei Männer als Verdächtige ins Visier genommen. Sie stammen aus dem salafistischen Milieu. Zu dem Kreis der Verdächtigen zählt nach Informationen des SPIEGEL Omar D., den Polizisten bereits kurz nach der Tat befragt hatten, aber bald darauf wieder auf freien Fuß setzten.
Ein derzeit in Somalia aktiver Deutscher hatte vor dem Anschlagsversuch angekündigt, es müsse in Europa mal wieder etwas geschehen. Dieses Indiz spricht für die Bundesanwaltschaft dafür, dass die Täter aus dem islamistischen Spektrum stammen. Nach Erkenntnissen der Beamten wäre die Bombe am vergangenen Montag bei erfolgreicher Zündung nicht detoniert, sondern hätte eine Stichflamme verursacht.
Als Konsequenz aus dem Anschlagsversuch will Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Videoüberwachung in Deutschland ausweiten lassen. "Die unfassbare Gewalttat auf dem Alexanderplatz in Berlin und der Bombenfund in Bonn zeigen: Wir brauchen eine effiziente Videobeobachtung und Videoaufzeichnung auf öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen", sagte Friedrich dem SPIEGEL.
Mit einer besseren Technik ließen sich "Gewalttäter abschrecken und geplante Anschläge aufklären". Friedrich verlangt, "die erforderliche Modernisierung der Videotechnik schnell voranzutreiben". Die Deutsche Bahn hatte zwar Teile des Bonner Bahnsteigs mit Kameras beobachtet, die Bilder wurden jedoch nicht aufgezeichnet.
Die Bundespolizei und die Bahn hatten sich bislang darauf geeinigt, nur an zentralen Bahnhöfen Recorder mitlaufen zu lassen. Den Bahnhof der ehemaligen Bundeshauptstadt zählten sie bislang nicht dazu.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Virtuelle Macht

Der Strom kommt aus der Steckdose. Doch zukünftig wird er häufig auch aus „virtuellen“ Öko-Kraftwerken stammen, die durch ein intelligentes Stromnetz miteinander gekoppelt sind. Strom aus Windkraft, Sonnen- und Biomasse-Energie trägt immer stärker zur Deckung des Elektrizitätsverbrauchs in Deutschland bei. Inzwischen sind es bereits mehr als 25 Prozent. Dadurch verändert sich das Energiesystem. Andere Kraftwerke müssen flexibel zu- und abgeschaltet werden können, je nachdem, wie viel von dem fluktuierenden Ökostrom gerade produziert wird. Dies können klassische Erdgas-Kraftwerke leisten, zunehmend werden aber auch „virtuelle Kraftwerke“ die Lücke füllen.

Kürzlich hat der Stadtwerke-Verbund Trianel in Aachen eine neue Variante davon testweise in Betrieb genommen. Dabei werden 25 kleine Blockheizkraftwerke, die in Häusern gleichzeitig Strom und Wärme liefern, zu einem Verbund zusammengeschaltet und zentral wie ein einziges Kraftwerk gesteuert. Als Brennstoff dient Wasserstoff, der vor Ort aus Erdgas hergestellt wird. Der besondere Vorteil: Die Energie wird dort produziert, wo sie benötigt wird. „Das entlastet die Stromverteilungsnetze und vermeidet Übertragungsverluste, die laut Trianel bei der Erzeugung in Großkraftwerken bis zu zehn Prozent betragen können.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) war beim Start des Projekts, an dem 15 Stadtwerke und Regionalversorger beteiligt sind, anwesend. Er sagte: „Ich bin überzeugt, dass das was Sie hier machen, der Beginn einer ganz neuen Entwicklung ist.“ Virtuelle Kraftwerksverbünde seien „zukunftsweisende Meilensteine auf dem Weg zu einer erfolgreichen Energiewende“.

Das zukünftige Energiesystem wird „smart“ sein, intelligent und flexibel. Als „virtuelle Kraftwerke“ lassen sich etwa auch Windräder, Solarmodule und Biogasanlagen zusammenfassen, die in verschiedenen Regionen stehen können. Damit kann die Ökostrom-Produktion verlässlicher gemacht werden, denn das Biogas-Kraftwerk kann „einspringen“, wenn Wind und/oder Sonne pausieren. Eine weitere Komponente des „smarten Netzes“ ist es, große Stromverbraucher wie Kühlhäuser je nach Strom-Verfügbarkeit zu- und abzuschalten.

www.bmu.de/allgemein/aktuell/160.php

Akteure in den Austausch

In Potsdam brachte das Akteursforum Partner aus Politik und Zivilgesellschaft in Tunesien, Ägypten und Deutschland zusammen. Im Mittelpunkt stand die Diskussion über den Wandel in den beiden nordafrikanischen Staaten.

„Wir brauchen dringend fachliches Training für Journalisten“, sagt die junge ägyptische Aktivistin Sarah El-Rashidi auf dem zweiten „Akteursforum“ – organisiert vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und gefördert vom Auswärtigen Amt im Rahmen der Deutsch-Ägyptischen und Deutsch-Tunesischen Transformationspartnerschaft. Die Veranstaltung ist eine von zahlreichen Aktivitäten, mit denen Deutschland die Transformation in der Region unterstützt. Mit einer Kollegin der „Tahrir Lounge“ drehte Sarah eine Reportage über die problematischen Zustände auf Cairos vergessener Nilinsel Gazirat Warraq. Das engagierte journalistische Projekt ist Ergebnis ihres ersten Treffens mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren des Wandels aus Tunesien und Ägypten in Deutschland. Jetzt suchen beide Frauen nach mehr Austauschmöglichkeiten für die Realisierung ihrer Aktivitäten und nach finanzieller Unterstützung.

Für beides taten sich auf dem Akteursforum neue Türen auf. „Wir möchten damit die entstandenen Netzwerke und Kompetenzen gezielt weiterentwickeln“, sagt Odila Triebel, Leiterin des Bereichs Dialogforen im ifa. Deutsche Mittlerorganisationen stellten daher beispielhaft Kooperationsprojekte im Bereich Medien, Kultur, Bildung und Kulturdialog vor, die mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes bereits realisiert werden – so zum Beispiel Fortbildungen vor allem regionaler Journalisten oder ein Training in Medien- oder Kulturmanagement. Großen Anklang bei den Akteuren fanden auch verschiedene Austauschmöglichkeiten über Kurzaufenthalte in deutschen Kultur- oder Medieninstitutionen. Andere nachgefragte Projekte zielten auf die Stärkung der gesellschaftlichen Rolle von Frauen oder die politische Beteiligung von Jugendlichen.

Mit viel Engagement diskutierten die Teilnehmer schließlich mit den Vertretern des Goethe-Instituts, der DW Akademie, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), dem Internationalen Institut für Journalismus der GIZ und des ifa neue konkrete Projektideen. Jetzt komme es darauf an, passende Angebote zu entwickeln, sagte Odila Triebel und Botschafter Heinrich Kreft vom Auswärtigen Amt bestätigte: „Mit dieser Zwischenbilanz wollen wir Empfehlungen für das zweite Förderjahr 2013 entwickeln.“

2. Akteursforum in Deutschland im Rahmen der Transformationspartnerschaft mit Ägypten und Tunesien (9. bis 12. Dezember 2012)

www.auswaertiges-amt.de

www.ifa.de

Bones: fragwürdigen Behandlung auf Rezept


Sie wollen mit den Händen heilen, verrutschte Schädelknochen nach der Geburt wieder zurechtrücken: Osteopathie in Deutschland boomt - viele Krankenkassen zahlen längst für die Behandlungen. Doch wer nach einem Beweis für die Wirksamkeit sucht, bekommt dürftige Antworten.


Diesmal gehe ich zum Osteopathen mit meinem Zipperlein: Bei bestimmten Bewegungen schießt ein Schmerz in meine rechte Gesäßhälfte, der mir Sorgen bereitet. Mit ausgestreckten Beinen auf dem Rücken liegen kann ich nicht gut, von Sit-ups ganz zu schweigen. Habe ich ein Problem an meiner Wirbelsäule? Muss ich um meinen Ischiasnerv fürchten? Knallt meine Bandscheibe bald heraus?
Michael Kaufmann lächelt freundlich und legt seine Hände ineinander. Der Vorsitzende der Osteopathen in Hamburg behandelt normalerweise schlimmere Fälle als mich. "Waren Sie schon beim Orthopäden?" fragt Kaufmann, der auch Physiotherapeut und Heilpraktiker ist. Ja, aber dieser Termin verlief so klischeehaft wie ernüchternd: Der Orthopäde hat mich bei der Auflistung meiner Beschwerden nach Punkt eins unterbrochen, mich ins Röntgen geschickt und danach meine Lendenwirbelsäule ungefragt eingerenkt. Meine Beschwerden blieben.
Ähnlich wie mir ergeht es jährlich Tausenden Menschen in Deutschland. Viele wenden sich enttäuscht von gehetzten Schulmedizinern ab, die mitunter zu vergessen scheinen, dass der Mensch nicht nur aus Einzelteilen besteht, und probieren alternative Methoden aus: Dem Verband der Osteopathen Deutschland (VOD) zufolge suchen Patienten in Deutschland 5,12 Millionen Mal pro Jahr Rat bei einem Osteopathen. Vor allem Mütter schwören zunehmend auf die sanfte Methode, wenn ihre Kinder viel schreien. Unter den heilenden Händen von Osteopathen sollen die Schädelknochen von Babys wieder zurechtgerückt und Rückenbeschwerden bei Erwachsenen weniger werden, sollen Schmerzen im Bauch oder der Schulter durch sanfte Griffe verschwinden.
Der Einzug der Osteopathie ins deutsche Gesundheitssystem ist unumkehrbar. Über 30 Krankenkassen erstatten ganz oder teilweise die Kosten für eine Behandlung. Viele Ärzte erkennen das Angebot ihrer alternativmedizinischen Kollegen als sinnvolle Zusatzleistung an: Ein Osteopath nimmt sich Zeit, hört zu, widmet dem Patienten Aufmerksamkeit.
Mehr als Placebo?
"Sie sind schief", sagt Kaufmann, nachdem er meine Hüftknochen mit den Händen abgemessen, mir seine Finger an die Ohren gehalten und seine Hand auf meinen Kopf gelegt hat. "Ihre Hüfte steht schräg und das kompensieren Sie rechts mit Halswirbelsäule und Kiefer." Mit drei, vier Griffen präsentiert er mir meine wunden Punkte, die ich bis dahin nicht kannte. "Die Blockaden in Hals und Rücken kann ich lösen", meint Kaufmann, der schon leichten Druck auf meine Halswirbelsäule ausübt und damit "einen regulativen Prozess anstößt", wie er es nennt.
Einen regulativen Prozess? Wie genau soll die ganzheitliche Heilmethode funktionieren? Und heilen Osteopathen tatsächlich mit ihren Händen oder ist das Ganze nicht mehr als ein Placebo-Effekt?
Noch immer streiten Forscher und Osteopathen darüber, ob es genügend wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit der Methode gibt. Daher wird rund um den Globus geforscht, was das Zeug hält. Zum Teil mit Erfolg, doch viele Studien halten den hohen Ansprüchen wissenschaftlicher Standards nicht stand. Die alternative Heilmethode kann zwar nicht placebo-kontrolliert oder doppelverblindet untersucht werden. Aber es gibt andere Studiendesigns, die durchaus valide Auskunft über einen Behandlungseffekt geben könnten.
 Wirksam gegen Rückenschmerzen
2009 ließ die Bundesärztekammer osteopathische Verfahren von einem Arbeitskreis aus Neurologen, Orthopäden, Rehabilitationsmedizinern und Juristen bewerten. Die Autoren bemängeln, dass viele Studien gar nicht in medizinischen Datenbanken zu finden seien. Von 62 ausgewählten Studien, die sich mit der Wirksamkeit osteopathischer Verfahren beschäftigten, konnten immerhin 16 einer hohen Evidenzklasse zugeordnet werden. Das unscharfe Resümee des Arbeitskreises: Osteopathische Behandlungen "können bei einer Reihe unterschiedlicher Gesundheitsstörungen wirksam sein".
Vor allem gegen Rückenschmerzen halten nicht nur Osteopathen, sondern auch Ärzte und Wissenschaftler die Wirksamkeit von Osteopathie mittlerweile für erwiesen. "Bei Kreuzschmerzen können osteopathische Wirbelsäulenmanipulation und Mobilisierung wirksam sein", schreibt Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin von der Universität Exeter, in seinem Buch "Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin". "Für alle anderen Indikationen ist die Datenlage nicht ausreichend, um stichhaltige Empfehlungen abgeben zu können."
Karl-Ludwig Resch, Leiter des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung in Bad Elster, hingegen sieht die Wirksamkeit auch in anderen Bereichen als so gut wie bewiesen an: "Die Studien haben eine frappierende Anhäufung von positiven Ergebnissen geliefert", sagt der Arzt SPIEGEL ONLINE. Es wäre seltsam, wenn bei einer Übersichtsanalyse der Studienlage herauskäme, dass Osteopathie am Ende doch nicht wirken würde, so Resch. Eine Haltung, die Ernst nicht teilt: "Die Datenlage beeindruckt mich überhaupt nicht", sagt er. Bei vielen Untersuchungen handele es sich um Einzelstudien, die nicht unabhängig überprüft wurden. Zudem seien die Fallzahlen zu gering, es bestünden mitunter Interessenskonflikte und man wisse nicht, wie viele Studien mit negativem Ergebnis gar nicht erst publiziert wurden.
Im Crashkurs zum Osteopathen?
Doch was nach Wissenschaftsstreit klingt, ist spätestens seit der Kostenübernahme durch die Krankenkassen eher ein Kampf ums Geld: "Ich fürchte, dass die Krankenkassen die Evidenz an zweiter Stelle sehen", meint Ernst. "In erster Linie müssen sie wettbewerbsfähig bleiben." Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE schreibt etwa die Techniker Krankenkasse: "Bei der Auswahl der neuen Leistungen haben wir uns an den Wünschen unserer Kunden orientiert. Wir wissen von unseren Versicherten, dass sie eine gewisse Affinität für die sogenannte sanfte Medizin haben. Dazu gehört auch die Osteopathie."

Die meisten Kassen knüpfen die Erstattung an unterschiedliche Bedingungen: Mal muss ein Arzt die Behandlung verordnen, mal der Osteopath selbst Arzt oder Heilpraktiker sein oder ein Physiotherapeut ohne andere Ausbildung osteopathische Leistungen erbringen, was gegen das Heilpraktikergesetz verstößt. "Was uns in Deutschland fehlt, ist nachvollziehbare Qualitätssicherung auf allen Ebenen", beschwert sich Marina Fuhrmann, Vorsitzende des Verbands der Osteopathen Deutschland.
Das Problem ist: Die Berufsbezeichnung Osteopath ist nicht geschützt. Ob der Therapeut ein paar Crashkurse oder eine fünfjährige Ausbildung absolviert hat, ist auf seinem Praxisschild nicht zu erkennen. "Das muss sich ändern", fordert Fuhrmann. "Patientensicherheit und einheitliche Ausbildungsstandards müssen oberste Priorität haben." Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie sicher Osteopathen erkennen, wo ihr Tätigkeitsfeld endet und das des Arztes beginnt.
Die Gefahr hingegen, dass ein Osteopath seinen Patienten verletzt, ist bei der sanften Methode eher gering. Auch bei Michael Kaufmann bleibt mir der grauenhafte Ruck wie beim Orthopäden erspart. Die Schmerzen im Rücken sind nach der Behandlung weg - zumindest für ein paar Tage. Als ich zwei Wochen später die Rechnung über 90 Euro bekomme, ist aber alles wieder beim Alten: Die Halswirbelsäule ist blockiert, der untere Rücken auch. Dabei hatte mich die Behandlung wie viele subjektiv überzeugt. Auch ohne Evidenznachweis.