In den letzten Jahren ist in China ein deutlicher Anstieg der Schutzrechtsanmeldungen zu verzeichnen. In der weltweiten Statistik liegt das Land schon hinter dem Spitzenreiter USA auf Platz zwei. Wissenschaftler der TU München haben diese Entwicklung in der Studie „Chinese Champions“ untersucht. Ein Interview mit Dr. Philipp Sandner, dem Initiator der Studie, und Philipp Böing, China-Fachmann und Experte für Innovationsökonomie.
Herr Dr. Sandner, Sie haben die Studie „Chinese Champions“, die im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte, initiiert. Was hat Sie dazu veranlasst?Sandner: China wurde früher nur als ein Land wahrgenommen, das billig produziert. Doch die chinesische Wirtschaft entwickelte sich in den vergangenen Jahren gewaltig. 2011 wurden in China sogar die meisten Patente weltweit angemeldet. Das zeigt, dass das Land immer kreativer und innovativer wird.
Philipp Böing: Bei der der Arbeit an der Studie war vor allem interessant zu entdecken, in welchem Ausmaß Patente und Schutzmarken zur Absicherung von Technologien und Marken angemeldet werden. Wie schnell sich in China Patentportfolios entwickelt haben, hat uns selbst überrascht. Man muss jedoch betonen, dass die schiere Quantität der Patentanmeldungen zunächst nichts über deren Qualität aussagt.In der Studie untersuchen Sie den Aufstieg und vor allem die Innovationsfähigkeit großer chinesischer Unternehmen. Was ist das Kernergebnis?
Sandner: Der Aufstieg chinesischer Unternehmen geht oft mit Technologietransfer aus dem Westen, der Kooperation mit anderen chinesischen Firmen, oder der Übernahme einer Firma einher. Somit ist als Ergebnis klar ersichtlich, dass China zu einer Wirtschaftsmacht herangewachsen ist, die auch Produkte im Hochtechnologiesektor produziert und exportiert. China kann damit – je nach Branche – mittlerweile als gleichwertiger Partner gegenüber anderen westlichen europäischen Staaten gesehen werden kann.
Böing: Zu beachten ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass viele der technologisch höherwertigen Exporte oftmals lediglich in China zusammengesetzt, die einzelnen Komponenten jedoch importiert werden. Zudem sind in Chinas Hochtechnologiesektor viele ausländische Firmen vertreten, der Anteil der rein chinesischen Firmen nimmt erst über die letzten Jahre zu.Es fällt auf, dass in den Erfolgsstories häufig Übernahmen und Kooperationen mit westlichen, auch deutschen Unternehmen wie Liebherr, Siemens, MAN oder Putzmeister eine Rolle spielen? Gehört das zur Strategie?
Sandner: Ja, definitiv gehört der Ansatz, Unternehmen aufgrund ihrer Technologien zu kaufen, zur Strategie Chinas. So schaffen es chinesische Unternehmen, sich effektiv neue Technologien zu anzueignen. Außerdem sichern sie sich auf diese Weise Brückenpfeiler in Europa. Auch Joint Ventures sind eine beliebte Methode um mehr Marktmacht zu erlangen. Aus Kooperationen mit namhaften europäischen Unternehmen ziehen oft beide Seiten Vorteile. Zum einen kurbelt China mit der Produktion die Wirtschaft an. Zum anderen ist es aufgrund der chinesischen Politik so, dass deutsche Unternehmen nur mit einer chinesischen Firma als Kooperationspartner überhaupt erst den chinesischen Markt erreichen können.
Böing: Oftmals ziehen chinesische Unternehmen Europa den USA oder Japan vor. Es existieren weniger Markteintrittsbarrieren und europäische, darunter auch deutsche, Firmen sehen Kooperationen weniger kritisch als amerikanische oder japanische Konzerne. Hinzu kommt, dass Deutschland wichtige Technologien in Industrien besitzt, in denen chinesische Firmen noch Entwicklungspotenzial haben.Wie sieht die Innovationskraft dieser chinesischen Unternehmen im Vergleich zu vergleichbaren deutschen Unternehmen aus?
Sandner: China hat erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, den Fokus auf eigene Patentanmeldungen und den Schutz des Geistigen Eigentums zu legen. Davon sind vor allem die Telekommunikations- und die Elektronikbranche betroffen. Vermutlich, weil es sich hier um Hightechprodukte handelt, die nicht zwangsläufig langlebig sein müssen. Dazu zählen auch Produkte wie Computer, Handys oder USB-Sticks, die oft nur eine Halbwertszeit von ein. zwei Jahren besitzen. Natürlich liegt China in punkto Innovationen noch nicht mit Deutschland gleich auf, schließlich investieren deutsche Unternehmen schon seit Jahrzehnten massiv in Forschung und Entwicklung. Interessant ist zu sehen, was durch die Übernahme europäischer Unternehmen mitsamt deren Innovationen und Patenten passiert.
Böing: Gerade in den genannten Industrien hat ein Entwicklungsland wie China Vorteile, den Abstand zur führenden Technologienationen schneller zu verringern. Produktzyklen sind kürzer und technologisches Wissen ist schnell veraltet. Somit ist es in solchen Branchen einfacher, das relevante Wissen zu erwerben, darauf aufzubauen und wettbewerbsfähig zu werden.Chinesische Unternehmen liefern bereits High-Tech-Produkte in Telekommunikation und Solar. In welchen Branchen sind die chinesischen Firmen stark?
Sandner: In der Telekommunikations- und Solarenergiebranche ist China schon sehr weit vorne. Mit Huawei existiert seit einigen Jahren ein neuer Spieler, dessen erklärtes Ziel es war, auch in Europa zu bestehen. Dementsprechend hat Huawei in Europa mehrere Zentren geschaffen, um auch Ingenieure einzustellen und dort neue Produkte zu entwickeln. Das erscheint mir neuartig in der Strategie chinesischer Unternehmen. In der Solarenergiebranche ist der chinesische Hersteller SunTech sogar der größte Produzent von Photovoltaikmodulen weltweit.
Böing: Auch im Bereich der Halbleiterhersteller wächst das Interesse und die technologischen Fähigkeiten der chinesischen Firmen. Beste Beispiele sind die großen Hersteller SMICS und CRMICRO. In der Maschinenbauindustrie ist durch die Übernahme von Putzmeister durch Sany ein guter Start in Deutschland gelungen, der sicher nicht der letzte Schritt chinesischer Unternehmen in diesem Industriezweig sein wird.Die Entwicklung von der Werkbank der Welt zum Labor der Welt vollzog sich bislang weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Muss ein Umdenken in der deutschen Wirtschaft stattfinden?
Sandner: Da sich die Entwicklung Chinas so schnell und auch weitestgehend unbemerkt vollzogen hat, tritt diese Erkenntnis in der Tat sehr spät ein. Folglich muss auch Deutschland umdenken und China als gleichwertigen Partner anerkennen – vor allem in Branchen wie Telekommunikation, Elektronik und Solar. Bis dieses Umdenken vollständig vollzogen ist, wird es aber wahrscheinlich noch einige Jahre dauern. Deutschland ist jedoch mit diversen Joint Ventures in China auf einem guten Weg und hat auch den Markt erkannt, der sich in China eröffnet. Das zeigen die Exporterfolge von Maschinenbauunternehmen und Automobilbauern.
Interview: Martin Orth

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