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Mittwoch, 9. Januar 2013

Nachrichten als Zeitsignal

Das Buchstabenmuseum hat seinen Sitz in einem Einkaufszentrum beim Berliner Alexanderplatz - zwischen Discountern und Läden mit ostalgischem Krimskrams. „Ja, es ist ein kurioser Ort“, meint Museumsleiterin Barbara Dechant lachend. Als Dechant der Platz für ihre wachsende Privat-Sammlung alter Schilder ausging, gründeten sie zusammen mit Anja Schulze vor sieben Jahren das Buchstabenmuseum. Als Designerin wusste Dechant die Geschichte jeder einzelnen Letter zu schätzen. Aus den unterschiedlichen Formen und Ausgestaltungen zog sie ihre Inspiration und wenn ein Geschäft dicht machte, hatte sie diesen Impuls, die Schilder zu retten und deren Geschichte aufzubewahren.

Anfangs waren es hauptsächlich Grafikkünstler und -designer aus dem Ausland, die die Ausstellung besuchten, aber heute kommen immer mehr Menschen aus Berlin, berichtet Dechant. Es seien auch schon einige Schildermacher gekommen, um ihre früheren Werke zu sehen, etwa „Zierfische”, eines der wohl am besten dokumentierten Stücke der Sammlung. Hinter den blauen Schreibschriftbuchstaben schwimmt ein niedlicher gelber Fisch mit Luftblasen. Das Schild wurde bei der Geschäftsaufgabe einer Tierhandlung in Berlin-Friedrichshain gerettet. Dechant und Schulze machten den Originalentwurf ausfindig und interviewten den Schildermacher, der ihnen Geschichten darüber erzählte, wie er in der damaligen DDR die Teile und das Metall für sein Schild zusammengesucht hatte.

Früher sahen Schilder meist individueller, einzigartiger aus. Dechant erzählt aus ihrer Jugend in den 1970er Jahren, als Geschäftsleute, Friseure oder Lebensmittelhändler, ihre eigenen Schilder entwarfen. „Heute haben die Geschäfte in den Städten alle die gleichen Schriftzüge und Schriftarten. Es gibt keine kulturspezifischen Schriftzüge mehr, die einem helfen könnten, einen Ort vom anderen zu unterscheiden“, weiß Dechant.

Jeden Tag erreichen neue Schilder das Museum, manche vorsichtig in Seidenpapier gewickelt, andere, schon seit Jahren abgeschrieben, voller Staub und Spinnweben. Dechant und Schulze freuen sich über jeden Buchstaben. Das einzige Problem, das sie im Moment haben: Der Platz wird knapp.

www.buchstabenmuseum.de

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