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Mittwoch, 31. Oktober 2012

Wie frei ist eine Religion?


Was haben Prinz Charles, Jesus, der ägyptische Großmufti und Bob Dylan gemeinsam? Ihnen fehlt ein Stück Vorhaut. Ein Viertel der Männer weltweit sind beschnitten, schätzt die Weltgesundheitsorganisation, viele aus medizinischen und hygienischen Gründen. Für Juden und Muslime ist die Entfernung der Vorhaut am männlichen Penis fester Bestandteil ihrer religiösen Praxis. Ob die Beschneidung legitim ist, darüber hatten sich in Deutschland bis zum 25. Juni 2012 nur wenige Strafrechtler und Mediziner Gedanken gemacht. An diesem Tag aber wurde bekannt, dass das Kölner Landgericht in einem Urteil die Beschneidung aus religiösen Gründen als strafbare Körperverletzung gewertet hatte, da das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit verletzt werde. Das Urteil erregte Aufsehen – und löste Empörung aus. Würde sich die Sichtweise der Kölner Richter durchsetzen, sei „jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich“, fürchtet Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. 60 Jahre lang habe sie als Überlebende des Holocaust Deutschland verteidigt, schrieb seine Vorgängerin Charlotte Knobloch in einem Zeitungsbeitrag. Jetzt frage sie sich, „ob uns dieses Land noch haben will“.

Die Beschneidung ist für jüdische Eltern eine religiöse Pflicht und muss am achten Lebenstag eines Jungen vorgenommen werden. Sie erinnert an den Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat. In der Thora, Genesis 17, heißt es: „Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden; eure Vorhaut sollt ihr beschneiden.“ Wer seinen Sohn nicht beschneiden lässt, stellt sich außerhalb des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel.

Auch im Islam, der sich wie das Judentum auf Abraham als Stammvater beruft, ist die Beschneidung eines Jungen konstitutiv für die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft. Die islamischen Rechtsschulen sind aber flexibler, was den Zeitpunkt angeht, in der Türkei ist der Eingriff zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr üblich. In Deutschland werden die meisten muslimischen Jungen von Ärzten im Krankenhaus beschnitten. Viele jüdische Eltern wenden sich an dafür religiös und medizinisch speziell ausgebildete Beschneider (Mohelim). Der Eingriff erfolgt in der Regel im Beisein eines Rabbiners in der Synagoge. Der Säugling wird mit einem Tropfen Wein oder lokalanästhesierenden Salben betäubt.

Für die Kölner Richter widerspricht diese Praxis dem Kindeswohl und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, die im Grundgesetz, Artikel 2 garantiert wird. Dieses Grundrecht überwiege das Recht der Eltern auf Religionsfreiheit und ihr Recht, über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden. Die Richter folgten dem Passauer Strafrechtsprofessor Holm Putzke, der 2008 in einem Aufsatz begründet hatte, warum die Zirkumzision wie jede andere Operation eine Körperverletzung darstellt, die nur zu rechtfertigen sei, wenn sie medizinisch erforderlich ist. Religiöse und kulturelle Gründe lässt Putzke nicht gelten. „Religionsgemeinschaften stehen nicht über dem Recht“, sagt er. „Die Religionsfreiheit kann niemals die Körperverletzung eines anderen Menschen rechtfertigen.“

Die Befürworter der Beschneidung betonen, dass der Eingriff sehr wohl im Sinne des Kindes ist, da der Junge so in die Religionsgemeinschaft eingeführt werde. Ohne Beschneidung wäre ein jüdischer oder muslimischer Junge womöglich Stigmatisierungen ausgesetzt. Auch stufen sie das Erziehungsrecht der Eltern und die Religionsfreiheit höher ein als das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das Kölner Urteil stelle einen „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht 
der Religionsgemeinschaften“ dar, erklärte Dieter Graumann.

„Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet“, steht im Grundgesetz, Artikel 4. Der Paragraf geht auf die Verfassung der Weimarer Republik von 1919 zurück, die erstmals für Deutschland die Trennung von Staat und Kirche festlegte. Der Staat wurde zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet und die ungestörte Religionsausübung garantiert. Die Nationalsozialisten setzten die Verfassung außer Kraft und verfolgten und ermordeten Juden. Nach dieser Erfahrung genießt die Religionsfreiheit in Deutschland besonderen Schutz, sie wird auch durch europäisches und internationales Recht flankiert. „Jeder Mensch hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit“, heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. „Dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst oder die Vollziehung von Riten zu bekunden.“

Um die Glaubenspraxis von Juden und Muslimen zu schützen, hat die Bundesregierung ein Gesetz angekündigt, das die Beschneidung aus religiösen Gründen weiterhin erlauben soll. Bis auf „Die Linke“ haben alle im Bundestag vertretenen Parteien zugestimmt. Einige Juristen, der Deutsche Kinderschutzbund und Kinderärzte intervenieren jedoch gegen das geplante Gesetz und weisen auf medizinische und psychologische Folgen der Zirkumzision hin. Es könne zu Nachblutungen und Entzündungen kommen, die schlimmstenfalls zur Penis­amputation führen; die erlittenen Schmerzen während des Eingriffs könnten Traumata auslösen. Sie berufen sich – wie auch die Befürworter der Beschneidung – auf wissenschaftliche Studien. Der Sozialethiker Peter Dabrock beklagte indes während einer Debatte im Deutschen Ethikrat über das Thema: „Es gibt keine Datenlage zur Beschneidung, die nicht interessegeleitet ist.“

Der Ethikrat, bestehend aus zwei Dutzend Juristen, Medizinern und Theologen, gibt Empfehlungen bei schwierigen ethischen Fragen und wies die Richtung, wie ein Kompromiss aussehen könnte: Die religiöse Beschneidung sei zu erlauben unter der Bedingung, dass der Eingriff medizinisch fachgerecht und mit Betäubung durchgeführt sowie ein Vetorecht des Kindes anerkannt wird. Diesem Vorschlag folgt der Gesetzentwurf, den Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mittlerweile vorgelegt hat: Er setzt nicht bei der Religionsfreiheit, sondern beim elterlichen Sorgerecht an und stellt klar, dass die Beschneidung zwar den Tatbestand einer Körperverletzung erfüllt wie alle Operationen, aber nicht rechtswidrig ist, wenn die Eltern zustimmen und der Eingriff „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ erfolgt. Dies soll nicht gelten, wenn das Kindeswohl gefährdet ist, etwa wenn sich ältere Kinder gegen den Eingriff wehren.

Der Entwurf berücksichtigt die jüdische Tradition, die Vorhaut durch einen speziell ausgebildeten Mohel entfernen zu lassen: „In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.“ Allerdings verlangt der Entwurf „eine angemessene und wirkungsvolle Betäubung“. Ein Tropfen Wein dürfte nicht ausreichen.

Der mit Bundesfamilienministerin Kristina Schröder abgestimmte Gesetzentwurf hat am 10. Oktober das Kabinett passiert. Er dürfte die Debatte versachlichen. Die Frage, wie weit die Religionsfreiheit gehen darf, wird virulent bleiben. Denn die religiöse Landschaft in Deutschland wird bunter und die Kluft zwischen religiösen und säkularen Lebensformen tiefer. Das Verständnis für religiöse Traditionen nimmt in der deutschen Bevölkerung ab. Vieles, was selbstverständlich war im Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften, muss neu justiert werden. Letztlich geht es dabei immer um das Zusammenleben in der säkularen Gesellschaft und die Frage, was gutes Leben ausmacht. ▪

Claudia Keller ist seit 2005 Redakteurin beim „Tagesspiegel“ in Berlin und schreibt hauptsächlich über kirchliche und religiöse Themen.

Debatte über Familienpolitik


Zoe ist das einzige Kind in der Nachbarschaft, das mit gut einem Jahr eine Kinderkrippe besucht. Ihre Eltern haben einen Platz in der Frankfurter Wiegestube „Sonnenschein“ ergattert. „Wir haben gejubelt wie bei einem Sechser im Lotto“, sagen Zoes Eltern. Bei den älteren Söhnen hatten sie noch Babysitter suchen müssen und einen ausgeklügelten Betreuungsplan aufgestellt: „Das war extrem anstrengend und teuer.“ Doch nur so konnten Mutter und Vater nach der Babyphase wieder in den Beruf zurückkehren. In Deutschland werden Kinder von drei bis sechs Jahren in der Regel im Kindergarten betreut. Aber für Kleinkinder ist es längst noch nicht selbstverständlich, dass sie in einer Kinderkrippe unterkommen. Ab August 2013 gibt es zwar einen Rechtsanspruch darauf, doch noch fehlen schätzungsweise 130.000 Plätze.

Angesichts der Lücken bei der öffentlichen Kinderbetreuung und der weiter sinkenden Geburtenrate (im Durchschnitt 1,36 Kinder pro Frau) wird in Deutschland über die Einführung des Betreuungsgelds für Kleinkinder unter drei Jahren diskutiert. Es soll an Eltern gezahlt werden, die für ihre Kinder keine staatlich geförderte Betreuung in Anspruch nehmen. Dazu gehören öffentliche Kindertagesstätten oder von den Kommunen bezuschusste Tagesmütter. Als finanzielle Unterstützung für die private Betreuung durch die Eltern selbst, Großeltern oder einen Au Pair sind bis zu 150 Euro pro Monat im Gespräch.

Die Debatte geht in die entscheidende Phase, denn der Bundestag wird wohl im Herbst über diese familienpolitische Leistung abstimmen. Obwohl das Betreuungsgeld im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien von CDU/CSU und FDP festgeschrieben wurde, ist es auch innerhalb der Parlamentsfraktionen stark umstritten. Befürworter sehen im Betreuungsgeld auch einen gerechten Ausgleich für die Leistung der Eltern bei der Kindererziehung. Kritiker fürchten unter anderem, dass es die klassische Rollenverteilung fördert und sprechen deshalb von einer „Herdprämie“. Sie dringen vielmehr auf die Schaffung von mehr Krippenplätzen.

Ein Führer in der Umweltpolitik

Der Schutz von Umwelt und Klima zählt zu den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und genießt in der deutschen Politik, in Publizistik und Zivilgesellschaft einen hohen Stellenwert. Deutschland gilt international als eine der Vorreiternationen beim Klimaschutz und als Pionier beim Ausbau erneuerbarer Energien. 2011 beschloss Deutschland als erste Industrienation den Ausstieg aus der Atomenergie. Auch im globalen Rahmen setzt sich die Bundesregierung aktiv für den Umweltschutz, für klimafreundliche Entwicklungsstrategien und Energie-Kooperationen ein. Das Sekretariat, das die Umsetzung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen begleitet, hat seinen Sitz in der Bundesstadt Bonn. Seit 1990 hat Deutschland seine Treibhausgas-Emissionen um fast 24 Prozent vermindert und damit seine aus dem 2005 in Kraft getretenen Kyoto-Protokoll erwachsenen Verpflichtungen einer Verminderung von 21 Prozent bis 2012 bereits übererfüllt. Im globalen Klimaschutzindex 2011 der unabhängigen Umweltschutzorganisation „Germanwatch“ liegt Deutschland auf einem der vorderen Plätze.

Schon seit Jahren verfolgt Deutschland einen Weg, der Klima- und Umweltschutz im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens zusammenführt. Der Schlüssel dazu ist die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz sowie der Ausbau erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe. Dies fördert die Entwicklung neuer Energietechnologien sowohl auf der Angebotsseite, bei Kraftwerken sowie den erneuerbaren Energien, als auch auf der Nachfrageseite, dort, wo Energie verbraucht wird.

Der Naturschutz („Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen“) ist seit 1994 als Staatsziel im Artikel 20a des Grundgesetzes verankert. Eine intakte Natur, reine Luft und saubere Gewässer sind Voraussetzungen für eine hohe Lebens- und Umweltqualität in Deutschland. Bei Luft- und Gewässerreinhaltung zeigen die Umweltindikatoren in eine positive Richtung, weil viele Emissionen in den vergangenen Jahren deutlich reduziert wurden. Die Treibhausgas-Emissionen des Straßenverkehrs sind – trotz erheblich gestiegenen Verkehrsaufkommens – seit 1999 rückläufig und liegen mittlerweile unter dem Niveau von 1990. Für die etwa fünfzigprozentige Reduzierung der Stickoxid-Emissionen ist unter anderem die Ausstattung der Kfz mit Fahrzeugkatalysatoren verantwortlich. Die Schwefeldioxid-Emissionen der Stein- und Braunkohlekraftwerke konnten durch die gesetzlich vorgeschriebene Rauchgasentschwefelung um 90 Prozent gemindert werden. Gesunken ist in den vergangenen Jahren auch der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch an Trinkwasser von 144 Litern je Einwohner auf 121 Liter, das entspricht dem zweitniedrigsten Verbrauch aller Industriestaaten.

Ausstieg aus der Atomenergie

Sowohl in den Privathaushalten als auch bei Verkehr und Industrie bilden fossile Energien nach wie vor das Rückgrat des Energiemix: Mit einem Anteil von gut einem Drittel ist das Mineralöl der wichtigste Primärenergieträger, gefolgt von Erdgas, Braunkohle, Steinkohle und Kernenergie. Die Kernenergie (Anteil: rund neun Prozent) soll nach den Plänen der Bundesregierung schrittweise auslaufen und durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Die schon zu Beginn der 1990er-Jahre in Gang gesetzte Förderpolitik macht die Nutzung erneuerbarer Energien attraktiv und wirtschaftlich. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), ein Marktanreizprogramm zur Förderung der Nutzung erneuerbarer Energien, gilt als Motor des Aufschwungs klimafreundlicher Energieträger und ist von vielen Ländern in seinen Grundzügen übernommen worden. Der stärkere Einsatz erneuerbarer Energien und eine effizientere Energienutzung bildeten auch den Kern des 2009 geschlossenen Koalitionsvertrags der Bundesregierung zum Thema.

Im Frühjahr 2011 beschloss die deutsche Bundesregierung eine „Energiewende“: den beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie. Aufgrund einer Sicherheitsneubewertung in Folge der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima wurden die älteren acht der 17 noch am Netz befindlichen deutschen Kernkraftwerke umgehend stillgelegt. Zudem verabschiedete der Bundestag mit großer Mehrheit einen Zeitplan, nach dem auch die restlichen neun Reaktoren bis 2022 vom Netz gehen sollen. Die Kernenergie, die 2011 noch rund 18 Prozent des verbrauchten Stroms lieferte, wird danach innerhalb von elf Jahren unter anderem durch erneuerbare Energien, ein ausgebautes Stromnetz und neue Speicher für den Ökostrom verlässlich ersetzt werden. Im Jahr 2020 soll der Strom zu 35 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen kommen, im Jahr 2050 sollen es 80 Prozent sein. Schon vor der „Energiewende“ erlebte der „grüne Strom“ in Deutschland einen Boom. Sein Anteil stieg von fünf Prozent 1990 auf 20 Prozent im Jahr 2011.

Zukunftsweisend, effizient: Erneuerbare Energien

Vor dem Hintergrund der wissenschaftlich eindringlich beschriebenen Folgen des Klimawandels (Temperaturanstieg, Fluten, Dürren, beschleunigtes Abschmelzen der Eiskappen an den Polen, aussterbende Arten) und des weltweit stetig steigenden Verbrauchs fossiler Energieträger gewinnen die klimafreundlichen Alternativen zunehmend an Bedeutung. Wind, Wasser, Sonne, Biomasse und Erdwärme sind unbegrenzt verfügbar und erzeugen keine klimaschädigenden Emissionen. Der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten deutschen Energieverbrauch beträgt inzwischen mehr als zehn Prozent. Mit rund 14 Prozent an der globalen Windleistung liegt Deutschland hinter China und den USA auf Platz 3 bei der Windenergieproduktion. Neue Potenziale bei der Nutzung verspricht die europäische Nordsee-Offshore-Initiative, in der Deutschland und acht weitere EU-Länder sich zusammengeschlossen haben. In der Photovoltaik, bei der Sonnenstrahlen in Strom verwandelt werden, war Deutschland 2010 mit einer installierten Gesamtleistung von 17300 Megawatt sogar auf Platz 1 vor Spanien und Japan. Die maßgeblich von deutschen Konzernen getragene Initiative Desertec ist eine weitere europäische Großinvestition in nachhaltige Energietechnologie. Die bei Desertec mit Sonnenkraftwerken in Nordafrika gewonnene Energie soll bis 2050 rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken.

Innovativ und exportstark: Grüne Technologien

Die Maßnahmen des Energie- und Klimaschutzprogramms dienen nicht nur dem Schutz der Umwelt, sondern auch dem Aufbau einer innovativen und beschäftigungsstarken Zukunftsindustrie, die über eine hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit verfügt und zunehmend auf Auslandsmärkten aktiv wird. Aus Deutschland stammen 2010 jede fünfte Solarzelle und jedes siebte Windrad. Mehr als 360000 Menschen sind im Bereich der erneuerbaren Energien beschäftigt. Hinzu kommen rund eine Million weiterer Arbeitsplätze in der Umwelttechnik – wie Wasserreinhaltung, Filtertechnik, Recycling und Renaturierung. Auch Unternehmen, die sich in Zeiten steigender Energiepreise mit Effizienztechnologien beschäftigen (Kraftwerke mit höherem Wirkungsgrad, gekoppelte Erzeugung von Elektrizität und Wärme, energieeffizienter Hausbau, energetische Gebäudesanierung, verbrauchsarme Pkw), gelten als Jobmotoren. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAE) liegt Deutschland schon heute in der Spitzengruppe jener Staaten, die mit relativ geringem Energieaufwand eine umfangreiche Wirtschaftsleistung erbringen.

Notwendig: Internationale Klimakooperation

Deutschland sieht sich als Vorreiter im Umwelt- und Klimaschutz. Mit seinem selbstgesteckten Ziel hat sich Deutschland weltweit an die Spitze gestellt; es gibt kein vergleichbares Industrieland mit einem ähnlich ambitionierten und konkret ausgestalteten Programm: Die Bundesregierung beabsichtigt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Außerdem sollen die erneuerbaren Energien konsequent ausgebaut und die Energieeffizienz weiter erhöht werden. Ziel ist es, dass die erneuerbaren Energien den Hauptanteil an der Energieversorgung übernehmen.

Auch im internationalen Kontext hat Deutschland maßgeblichen Anteil daran, dass das Thema Umwelt- und Klimaschutz auf die Agenda gesetzt wurde. So hat die deutsche EU- und G8-Präsidentschaft im Jahr 2007 die Klimaschutzziele und die Energiepolitik zu einem ihrer Hauptanliegen gemacht. Der Europäische Rat mit seinen anspruchsvollen Beschlüssen zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen und die Erklärung des G8-Gipfels in Heiligendamm, in der die Staats- und Regierungschefs zusicherten, das Ziel einer Halbierung des Ausstoßes von Treibhausgas-Emissionen bis 2050 „ernsthaft zu prüfen“, waren wichtige Schritte hin zu einer globalen Antwort auf den Klimawandel.

Der Weltklimagipfel auf Bali 2007 schuf die Grundlage für den so genannten „Post-Kyoto-Prozess“, in dessen Rahmen neben den Industrieländern, die ihre Maßnahmen verstärken wollten, auch die Entwicklungs- und Schwellenländer aktiv in den Klimaschutz eingebunden wurden. Das ist entscheidend, da die weltweiten CO2-Emissionen laut Prognosen des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC) bis 2050 halbiert werden müssen, wenn die Klimaerwärmung in diesem Jahrhundert noch beherrschbar bleiben soll. Dabei gilt es zu verhindern, dass die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius steigt.

Allerdings scheiterte der Plan, ein Kyoto-Nachfolgeabkommen bereits 2009 auf dem Klimagipfel in Kopenhagen zu verabschieden. Immerhin benannte die Ländergemeinschaft es als anzustrebendes Ziel, dass die Erderwärmung bei einem Plus von maximal zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll. Konkrete und verbindliche CO2-Minderungsziele konnten auf dem Gipfel jedoch nicht aufgestellt werden. Die im Kopenhagener Schlussdokument „Copenhagen Accord“ angekündigten Reduktionsverpflichtungen reichen nicht aus, um das angestrebte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Mehr als 100 Länder, die zusammen für über 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind, haben – wie in Kopenhagen vereinbart –, dem Klimasekretariat der Vereinten Nationen in Bonn ihre nationalen Klimaschutzziele gemeldet. Diese reichen noch nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen. Die EU ist hier Vorreiter. Sie hat sich bereit erklärt, den Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 bis 2020 um mindestens 20 Prozent gegenüber 1990 zu verringern – beziehungsweise um 30 Prozent, sofern sich andere Industrieländer zu vergleichbaren Reduzierungen verpflichten. Der Anteil an erneuerbaren Energien soll auf 20 Prozent steigen und der Energieverbrauch durch verbesserte Energieeffizienz um 20 Prozent sinken. Die Umsetzung des EU-Klima- und -Energiepaktes geschieht in den 27 Mitgliedsländern nach nationalen Quoten. Deutschland wird zum Abbau der Treibhausgase einen überdurchschnittlichen Beitrag leisten.

Die Bundesregierung setzt sich trotz der Schwierigkeiten zu Kompromissen zu kommen, weiter für ein internationales Klimaschutzregime und eine neue Weltklimaordnung ein. Einen Fortschritt zu einem Post-Kyoto-Protokoll brachte der Weltklimagipfel im Dezember 2011 in südafrikanischen Durban. Dort wurde beschlossen, dass bis 2015 ein neuer globaler Klimaschutzvertrag ausgehandelt werden soll, der von 2020 an in Kraft tritt und auch die USA sowie die Schwellenländer zu Emissionszielen verpflichtet. Der Kyoto-Vertrag, der 2012 ausgelaufen wäre, wird für eine zweite Verpflichtungsperiode verlängert. Allerdings nehmen daran Kanada, Japan und Russland nicht teil. Die Höhe der CO2-Ziele muss noch festgelegt werden.

Dienstag, 30. Oktober 2012

Traditionell, kreativ, Kunst und Neue Medien

Die Kulturszene in Deutschland hat viele Facetten: Rund 300 Theater und 130 Berufsorchester gibt es zwischen Flensburg und Garmisch. 630 Kunstmuseen mit international hochkarätigen und vielseitigen Sammlungen sorgen für eine beispiellose Museumslandschaft. Vital ist zudem die junge deutsche Malerei, die auch international längst zu Hause ist. Mit rund 94000 neuen und neu aufgelegten Büchern pro Jahr gehört Deutschland auch zu den großen Buchnationen. 350 Tageszeitungen und Tausende Zeitschriftentitel sind Beleg für eine lebendige Medienlandschaft. Neue Erfolge feiert auch der deutsche Film – und dies nicht nur in deutschen Kinos, sondern in vielen Ländern der Welt.

Tradition

Deutsche Schriftsteller, Komponisten und Philosophen wie Goethe, Schiller, Bach, Beethoven, Kant und Hegel haben Kulturepochen geprägt und nehmen einen bedeutenden Rang in der Welt ein

Kultureinrichtungen

6200 Museen (davon 630 Kunstmuseen), 820 Theaterspielstätten (inklusive Musiktheater und Opernhäuser), 130 Berufsorchester, 8800 Bibliotheken

Festivals

Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth, Bachfest Leipzig, Theatertreffen Berlin, Internationale Filmfestspiele Berlin (Berlinale), Rock am Ring

Bücher

94300 Neuerscheinungen oder neu aufgelegte Bücher pro Jahr

Internet

73% der Haushalte und 96% der Unternehmen (mehr als 10 Beschäftigte) verfügen über Internetzugang, 79% dieser Unternehmen betreiben eine eigene Website

Presse

Rund 350 Tageszeitungen mit einer verkauften Gesamtauflage von 24 Millionen Exemplaren und einer Reichweite von 71% der Bevölkerung. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ist der viertgrößte Nachrichtendienst der Welt

Rundfunk, Fernsehen

Zweigliedriges System: Neben öffentlich-rechtlichen (gebührenfinanzierten) Rundfunk- und Fernsehanstalten (ARD, ZDF) gibt es private (werbefinanzierte) Anbieter. Das ZDF ist die größte Sendeanstalt Europas. Der Auslandsrundfunk ist die Deutsche Welle (DW-TV, DW-Radio, DW-world.de und die DW-Akademie)

Magazine

1500 Publikumstitel, darunter „Der Spiegel", „Stern", „Focus"

Electrifying Motorrad

Keine Parkplatzprobleme und kein Tankstellenstopp mehr: Für die kurzen Wege in der Stadt könnte der E-Scooter der Daimler-Kleinwagenmarke Smart zu einer umweltfreundlichen Mobilitätslösung für die Zukunft werden. Ausgestattet mit Elektroantrieb und coolem Design, soll der Roller voraussichtlich im Jahr 2014 auf den Markt kommen. In Technik und Optik dürfte sich der E-Scooter eine 2010 auf dem Pariser Salon gezeigte Studie, die hier abgebildet ist, zum Vorbild nehmen. Aufsitzen und Motor anschalten: Der Roller-Fahrspaß reicht für rund 100 Kilometer. Danach heißt es aufladen – für drei bis fünf Stunden muss das Zweirad an die Steckdose. Die Spitzengeschwindigkeit ist an die urbane Fortbewegung angepasst: Maximal 45 Stundenkilometer müssen genügen, um im Stadtverkehrsstrom mitzuschwimmen. Mit dem neuen Roller würde Smart sein Angebot für Elektromobilität ergänzen. Seit kurzem wirbt das Unternehmen bereits mit einem E-Bike um Kunden auf dem rasant wachsenden Markt der Elektrofahrräder. Und auch vom kleinen Klassiker auf vier Rädern, dem Smart, steht mittlerweile eine Version mit Elektromotor beim Händler.

www.smart.de

Green Living

Ein neues Stadtquartier bauen und dabei Flächen sparen, wachsen und gleichzeitig das Klima schonen: Nachhaltige Stadtentwicklung muss viele gegensätzliche Herausforderungen miteinander in Einklang bringen. Das gilt auch für das größte innerstädtische Entwicklungsprojekt Europas, die HafenCity Hamburg. Bis 2025 entstehen neue Quartiere mit Wohnungen und Bauten für Dienstleistung, Handel und Kultur. Insgesamt wächst die Hamburger City dadurch um 40 Prozent. Kompakte, kurze Wege prägen die Stadtstruktur. Das Mobilitätskonzept setzt auf Fußgänger und Radfahrer, eine neue U-Bahn und wasserstoffbetriebene Busse. Die Wärmeenergieversorgung besteht aus einem Mix aus Fernwärme, Solarthermie und einem Nahwärmenetz mit Biomethan-Brennstoffzellen. Dass Hamburg zur „European Green Capital 2011“ gewählt wurde, geht nach Auffassung der Planer auch auf die nachhaltige Entwicklung der HafenCity zurück.

„Grüner wohnen“ können in der Stadt Freiburg die Bewohner der „Solarsiedlung am Schlierberg“. 47 „Plusenergiehäuser“, in Holzkonstruktion errichtet und hocheffizient wärmegedämmt, erzeugen mit Photovoltaikanlagen auf den Dächern mehr Strom, als die Bewohner verbrauchen. Das eigene Haus wird zum Kraftwerk, das umweltfreundliche Energie ins Stromnetz einspeist.

Neben Wachstumsregionen gibt es in Deutschland Gebiete mit deutlichem Bevölkerungsschwund. Strategien zu entwickeln, wie auch schrumpfende Städte lebens- und zukunftsfähig bleiben können – auch das gehört zu den Herausforderungen nachhaltiger Stadtplanung. Dessau-Roßlau setzt auf ein radikales Konzept: Stadtinseln, verdichtete urbane Kerne, liegen in einem Landschaftszug, der nach und nach durch Abriss leerstehender Gebäude entsteht. Die Brachflächen, die zu diesem Grüngürtel zusammenwachsen sollen, sind zu 400 Quadratmeter großen „Claims“ abgesteckt. Einwohner und Vereine der Stadt haben hier eine neue urbane Landschaft gestaltet mit Kräutergarten, einer Bienenweide und einem BMX-Parcours.

6. World Urban Forum der Vereinten Nationen vom 1. bis 7. September 2012 in Neapel.

www.hafencity.com

www.solarsiedlung.de

© www.deutschland.de

Moderne Strategien zu navigieren

Metropolen weltweit suchen nach dem richtigen Rezept gegen das Verkehrschaos. Für viele Menschen scheitert der Zugang zu Arbeitsplätzen, Schulen und Krankenhäusern schon am Weg dorthin. Hier sind moderne Mobilitätskonzepte gefragt, an denen vielfach auch deutsche Experten beteiligt sind.

Zum Beispiel in Vietnam: Für den Bau der U-Bahnlinie 2 in Ho-Chi-Minh-Stadt stellt die Bundesregierung günstige Finanzierungsmittel bereit. Das deutsche Know-how im Bereich U-Bahnbau und -betrieb wird zudem an den Projektträger weitergegeben. Ab 2016 soll die energiesparende und klimafreundlichere U-Bahn dann auch dafür sorgen, dass die Luftverschmutzung in der südostasiatischen Metropole abnimmt und weniger Menschen bei Verkehrsunfällen getötet oder verletzt werden. Zudem entwickeln Fachleute aus beiden Ländern im „Vietnamese-German Transport Research Center“ weitere Projekte. Das Forschungsinstitut wird gemeinsam von der TU Darmstadt und der University of Transport and Communication (UTC) in Hanoi unter dem Dach der Vietnamese-German University (VGU) in Ho-Chi-Minh-Stadt betrieben.

Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt Partnerländer dabei, klimafreundliche Verkehrsstrategien zu entwickeln. Als besonders vorbildlich für moderne Stadtentwicklung gilt Bogotá in Kolumbien. Die Stadt hat ein metroartiges Bussystem mit eigenen Spuren für schnelle Verbindungen und Zubringer-Bussen für die Vernetzung mit den Außenbezirken. Andere lateinamerikanische Millionenstädte wie Lima oder León de Guanajuato lernen dank der Vermittlung der GIZ aus den Erfahrungen in Bogotá.

Das mit deutscher Unterstützung geplante Schnellbussystem „Rea Vaya“ („Wir bewegen uns“) im südafrikanischen Johannesburg orientiert sich ebenfalls am Beispiel Kolumbiens. Die Busse bringen seit August 2009 täglich 50.000 Passagiere schnell, bequem und preisgünstig zur Arbeit in die Stadt. Bis 2013 soll die Kapazität auf 500.000 Passagiere wachsen. Die GIZ unterstützte Johannesburg mit technischer Expertise bei der Planung, dem Bau sowie der Entwicklung von Finanzierungs- und Betriebsmodellen.

InnoTrans, internationale Fachmesse für Verkehrstechnik, 18. bis 21. September 2012, Messegelände Berlin

www.giz.de

Was ist die Rolle der deutschen Sprache auf internationaler Ebene?


Auf einschlägigen Sprachkarten erscheint Deutsch meist als nur in Europa gesprochene Sprache. Die Verbreitung als staatliche Amtssprache, die dabei abgebildet wird, beschränkt sich auf sieben mitteleuropäische Staaten: Deutschland (rund 82 Millionen Einwohner), Österreich, Liechtenstein, Schweiz (4 Amtssprachen) und Luxemburg (3 Amtssprachen) sowie kleine Teile von Belgien (deutschsprachige Gemeinschaft im Osten) und Italien (Provinz Bozen-Süd­tirol). Jedoch wird Deutsch als Fremdsprache weltweit gelernt. Dies ist einesteils Nachwirkung seiner historischen Bedeutung, vor allem als Wissenschaftssprache. Andernteils hat das weltweite Interesse an Deutsch eine fortdauernde Stütze in der Wirtschaftskraft seiner Mutterländer, deren politischem Gewicht, der führenden Stellung in wichtigen Technologien, dem attraktiven Bildungswesen und der Teil­habe am internationalen Informations­austausch und dem Tourismus.

/1// Deutsch als Fremdsprache wurde 2005 in rund 114 Staaten (außerhalb seines Amtssprachgebiets) an öffentlichen Schulen gelernt – gegenüber nur 88 Staaten 1983. Somit hat sich das Deutschlernen verbreitet, auch wenn man berücksichtigt, dass die Zahl der Staaten gewachsen ist. Die Gesamtzahl der Lerner war weniger stark gewachsen: von 15,1 Millionen 1983 auf 16,7 Millionen 2005. Eine im März 2010 vorgelegte weltweite Erhebung zeigt die Fortsetzung dieses Trends: Die Zahl der Staaten mit schulischem Deutschunterricht ist auf 119 gewachsen, aber die Gesamtzahl der Lerner liegt jetzt bei 14,5 Millionen (allerdings stehen für 26 Staaten die endgültigen Zahlen noch aus). Zuwächse gibt es in vielen Entwicklungsländern, auch in Brasilien, China und Indien, dagegen Rückgänge in den GUS-Staaten sowie teilweise in Ostmitteleuropa und Skandinavien. Auffällig ist die Ausbreitung auf immer mehr Staaten, auch in Afrika – unterstützt durch neue Goethe-Institute in Luanda (Angola) und Dar es Salaam (Tansania). Die Verteilung weltweit (nach den Daten von 2005) gilt jedoch weiterhin. Auch an Hochschulen wird, in der Germanistik oder als Begleitstudium anderer Fächer, vielerorts Deutsch gelernt: 2005 in 97 und 2010 in 117 Staaten. Wichtige Institutionen des Deutschlernens sind außerdem die 123 deutschen Auslandsschulen sowie die rund 1500 Schulen mit verstärktem Deutschunterricht, die in das Programm „Schulen: Partner der Zukunft (PASCH)“ einbezogen wurden. Deutsch ist jedoch kaum je erste Fremdsprache im Schulcurriculum.

Wie viele Menschen weltweit Deutsch als Fremdsprache tatsächlich sprechen können und auf welchem Niveau, ist unbekannt. Grobe Schätzungen gehen in die Richtung von 100 Millionen. Die Zahl der Mutter- und Zweitsprachler, die Deutsch regelmäßig sprechen, wird auf 128 Millionen geschätzt, einschließlich Minderheiten und Emigranten. Mit dieser Zahl liegt Deutsch an elfter Stelle aller Sprachen, dicht hinter Japanisch und vor Französisch. Platz eins hält Chinesisch. Dass auch Hindi oder Bengalisch vor Deutsch rangiert, verrät, dass die Zahl der Mutter- und Zweitsprachler von untergeordneter Bedeutung ist für die internationale Stellung einer Sprache.

/2// Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt fußt nicht zuletzt auf wirtschaftlicher Grundlage. Nach dem Bruttosozialprodukt, das alle Muttersprachler zusammen erwirtschaften, rangiert Deutsch auf Platz drei aller Sprachen – wird voraussichtlich allerdings bald von Chinesisch überholt. In diese Berechnung werden alle Staaten der Welt einbezogen, und zwar mit einem Anteil des Bruttosozialprodukts entsprechend dem Anteil der Sprecher (Muttersprachler) der betreffenden Sprache an der Bevölkerung, zum Beispiel 63,7 Prozent der Schweiz für Deutsch.

Die deutschsprachigen Staaten spielen eine führende Rolle im vernetzten Welthandel. Die Attraktivität einer Sprache als Fremdsprache hängt mehr von der Wirtschaftskraft der Sprecher ab als von der Sprecherzahl. Danach bemisst sich ihr Nutzen für Personen, die auf dem Weltmarkt mitspielen und Kontakte – auch wissenschaftliche, diplomatische oder kulturelle – mit den Mutterländern pflegen wollen. Zwar verwenden die globalen Konzerne der deutschsprachigen Staaten heute viel Englisch, pflegen daneben aber auch Deutsch, honorieren Kenntnisse als Zusatzqualifikation und bieten eigenen Deutschunterricht an. Vielerorts besteht Bedarf an Deutschkenntnissen in der Wirtschaft. So beklagten in der Europäischen Union elf Prozent der Firmen Einbußen mangels Deutschkenntnissen (Studie „ELAN“, 2006).

Die deutsche Wirtschaft differenziert ihre Sprachwahl nicht selten nach Funktionen und bemüht sich vor allem beim Einkauf um Anpassung an die Sprache des Kunden. Dies entspricht Höflichkeitsregeln, wonach Partnern durch Wahl ihrer Muttersprache Respekt bezeugt wird. Mit einer Lingua franca, meist Englisch, verzichtet man immerhin auf den eigenen Muttersprachvorteil. Aber bei gehöriger Behutsamkeit ist auch eine Fremdsprache angemessen, die der Partner gut beherrscht und akzeptiert.

/3// An die Wissenschaft denkt man zuerst, eher als an die Wirtschaft, wenn von Deutsch als Weltsprache die Rede ist. Denn vor nicht allzu langer Zeit, vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, lasen Wissenschaftler weltweit regelmäßig Texte auf Deutsch, viele publizierten auch in dieser Sprache, und japanische Ärzte verfassten darin sogar ihre Krankenkarteien. Heute dominiert dagegen international Englisch, gerade in den Naturwissenschaften, wo Deutsch einst am prominentesten vertreten war. Der weltweite Publikationsanteil von Deutsch in den Naturwissenschaften wird von den globalen bibliografischen Datenbanken, die freilich zugunsten von Englisch verzerrt sind, mit gerade mal einem Prozent ausgewiesen. In den Sozialwissenschaften liegt der Anteil bei etwa sieben Prozent, womit Deutsch – gleichauf mit Französisch – auf Platz zwei rangiert, wiederum weit hinter Englisch. Ob es in den Geisteswissenschaften noch „Nischenfächer“ gibt, in denen Deutsch eine bedeutende internationale Rolle spielt, ist nicht zuverlässig erforscht. Am ehesten sind es – aufgrund verschiedener Indizien – die folgenden Fächer in dieser Rangordnung: deutsche Sprache und Literatur, Archäologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Philosophie und Theologie, Ägyptologie, Indogermanistik, Judaistik, Orientalistik und Slawistik. Eine bleibende Bedeutung als Wissenschaftssprache behält Deutsch aufgrund klassischer Werke in zahlreichen Geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, für die Namen wie Kant, Marx, Freud, Max Weber oder Einstein stehen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Im Original kann man sie nur auf Deutsch lesen.

/4// Eine Neuerung in der akademischen Lehre sind „internationale“ Studiengänge mit Englisch als Sprache der Lehre, vor allem in den Anfangssemestern. In Deutschland hat diese Entwicklung vor etwa zehn Jahren begonnen – ähnlich auch in anderen Ländern, sogar in Frankreich. Diese Studiengänge erleichtern Studierenden aus dem Ausland den Zugang. Viele lernen dann auch Deutsch. Damit könnten diese Studiengänge die internationale Stellung des Deutschen mittelfristig sogar stärken. Sie würden sie aber sicher beeinträchtigen, wenn die Studierenden im Lauf des Studiums kein Deutsch lernen müssen.

/5// Im weiten Handlungsfeld der Diplomatie und der internationalen Politik hat die unheilvolle deutsche Geschichte in der Zeit von 1933 bis 1945 auch auf die deutsche Sprache gewirkt: Deutsch ist keine der sechs Amtssprachen der Ver­einten Nationen, nur – aber immerhin – Dokumentensprache, so dass die wichtigsten Schriftstücke ins Deutsche übersetzt werden. Die schwache Stellung in den Vereinten Nationen hat dazu beigetragen, dass Deutsch auch im Europarat keine prominente Stellung erlangt hat. Es ist nur „Arbeitssprache“, zusammen mit Italienisch und Russisch, was hier eine untergeordnete Stellung bedeutet. „Amtssprachen“ sind Englisch und Französisch.

In der Europäischen Union ist Deutsch eine der 23 Amtssprachen, die zur Kommunikation der Institutionen mit den Mitgliedsstaaten dienen. Deutsch gehört aber auch zum engeren Kreis der institutionellen Arbeitssprachen und hat diesen Status zum Beispiel in der EU-Kommission. Allerdings wird es weniger verwendet als Englisch und Französisch. Gewicht hat es dennoch dadurch, dass es innerhalb der EU die meisten Muttersprachler hat, die zweitmeisten Fremdsprachler hinter Englisch und gleichauf mit Französisch, dass es staatliche Amtssprache in mehr Mitgliedsstaaten ist als jede andere Sprache und ökonomisch die stärkste Sprachgemeinschaft bildet. Auch die geografische Lage in der EU verleiht Deutsch Gewicht. Es wäre kaum mit demokratischen Prinzipien vereinbar, wenn Deutsch nicht auf Dauer zu den EU-Arbeitssprachen und – im Falle der Fortentwicklung der EU zu einer Föderation – zu deren Regierungssprachen zählen würde.

/6// Im Internet spielt die deutsche Sprache eine gewichtige Rolle. Bemerkenswert ist schon der seit langem aufrecht­erhaltene zweite Rangplatz im Online-Lexikon Wikipedia in der heutigen Klassifikation nach der Zahl der Artikel (Englisch: mehr als drei Millionen Artikel, Deutsch: mehr als eine Million, Französisch, Italienisch: rund eine halbe Million). Bedeutsamer sind natürlich die Webseiten, jedoch ist deren aktuelle Gesamtzahl schwer abzuschätzen, da es für die dominante Suchmaschine Google kein Zählverfahren nach Sprachen gibt. Nach etwas älteren, unterschiedlichen Quellen liegt Deutsch auch nach den Webseiten auf Rang zwei, allerdings weit hinter Englisch, aber vor Französisch, Japanisch und Spanisch. Die Zahl der Nutzer hängt wiederum stark von der Sprecherzahl ab. Hier liegt Deutsch auf Platz sechs, hinter Englisch, Chinesisch, Spanisch, Japanisch und Portugiesisch.

Fazit: Es ist unübersehbar, dass die Globalisierung Druck auf alle internationalen Sprachen ausübt und Englisch als Weltsprache deutlich stärkt. Dennoch ist die Prognose realistisch, dass Deutsch in absehbarer Zukunft weiterhin eine bedeutsame internationale Sprache bleibt.

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10 Gründe für Deutsch


Können Sie zehn gute Gründe nennen, Deutsch zu lernen?“, wurde ich unlängst in einem Interview gefragt. „Gleich zehn?“, fragte ich erschrocken, „müssen es so viele sein? Ich wäre ja schon froh, wenn mir nur drei einfielen!“ Immerhin leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz und in ihren angrenzenden Regionen mehr als 100 Millionen Menschen, die mit Deutsch aufgewachsen sind. Wir sind also schon mal keine ganz kleine Sprachgemeinschaft, im Gegenteil: Innerhalb Europas ist Deutsch die Sprache mit den meis­ten Muttersprachlern, noch vor Englisch und Französisch. Außerhalb Europas sieht es dann schon etwas anders aus; auf der Liste der Weltsprachen rangiert Deutsch weit hinter Englisch, Chinesisch und Hindi, aber immerhin noch unter den ersten zwölf, deutlich vor Japanisch, Koreanisch und Finnisch. Pardon, ich meinte: Finish, also das Ende der Liste.

Wenn Schüler in anderen Ländern, zum Beispiel in Spanien oder Frankreich, sich zwischen Deutsch und einer anderen Fremdsprache entscheiden müssen, wählen sie oft die andere Fremdsprache. Deutsch ist nicht gerade die beliebteste Sprache. Und wenn man nachfragt, warum das so sei, bekommt man oft zu hören, Deutsch sei eben nicht ganz einfach. Zu viele Fälle, zu viele Geschlechter, zu viele Regeln, zu viele Ausnahmen. Das schreckt ab! Eigentlich sollte gerade das ein guter Grund sein, Deutsch zu lernen! Denn wer will schon etwas, das einfach ist? Einfach – das kann schließlich jeder. Wer Deutsch beherrscht, kann etwas Besonderes! Etwas, das nicht jeder kann. Nicht einmal jeder Deutsche. Englisch ist der Volkswagen unter den Sprachen, Deutsch der Rolls-Royce.

Zu den immer wieder genannten Vorurteilen über die deutsche Sprache gehört auch, dass sie keinen besonders schönen Klang habe. Sie sei bei Weitem nicht so melodiös wie das Französische, nicht so weich wie das Englische, nicht so temperamentvoll wie das Italienische, nicht so schwermütig wie das Russische und nicht so angriffslustig wie das Japanische. Deutsch, so wird behauptet, klinge eher wie eine Zementmischmaschine – oder wie eine Gruppe heiserer Gänse, die mit einem geklauten Zementmischer gegen einen Baum gerast ist. Doch wer sich ein bisschen genauer mit der deutschen Sprache auseinandersetzt, der wird im Klangspiel der Silben eine wunderbare, kraftvolle Schönheit erkennen. Wie bei jeder Sprache kommt es darauf an, wer sie spricht – und wie. Der Ton macht die Musik. Darum ist Deutsch nicht von ungefähr lange Zeit die führende Sprache der Musik gewesen. Von Johann Sebastian Bach bis Johann Strauß: Deutsch war – und ist es noch heute – eine der wichtigsten Sprachen auf den Konzert- und Opernbühnen dieser Welt. Wer klassischen Gesang studiert, für den führt an Deutsch kein Weg vorbei. Doch auch Popmusik kann ein Grund sein, Deutsch zu lernen. Die Musik war der Grund, dass ich Französisch gelernt habe – das kann auch andersherum funktionieren.

Gute Gründe, Deutsch zu lernen? So etwas fragt man am besten Menschen, die das Wagnis auf sich genommen haben, einen Deutschkursus zu absolvieren. Und die findet man fast überall auf der Welt: in Frank­reich, in Spanien, in Russland, in Polen, in den Niederlanden, in Dänemark, in Chile, in Argentinien, in Afrika, in China, in Baden-Württemberg („Wir können alles, außer Hochdeutsch“).

„Deutschland ist ein tolles Land!“, schwärmte mir unlängst eine ältere Dame in Buenos Aires vor, „ihr habt so viele Kulturgüter, so viele interessante Städte, so abwechslungsreiche Landschaften, die beste Infrastruktur weltweit!“ – „Sie sprechen von den Autobahnen, nehme ich an?“, fragte ich. Sie lächelte und sagte: „Ich meine vor allem die Apotheken! Alle 50 Meter eine Apotheke – das gibt es in keinem anderen Land auf der Welt!“

Für viele junge Menschen in anderen Teilen der Welt ist Deutschland das Tor zu einer gesicherten Zukunft. Die Zahl derer, die sich Jahr für Jahr um ein Stipendium für einen Studienplatz in Deutschland bewerben, wächst stetig. Ob BWL, Maschinenbau, Medizin oder Geisteswissenschaften – Deutschland ist ein beliebter Studienort. Für viele andere ist Deutschland auch ein lebenswichtiger Arbeitsplatz. Meine Haushaltshilfe kommt aus Polen und lernt fleißig Deutsch. Eines Tages wird ihr Deutsch so perfekt sein wie ihre Bügelkünste, dann stehen ihr hier alle Türen offen, und sie wird mich verlassen für einen interessanteren Job als Assistentin irgendeines Talkshow-Moderators oder als Pressesprecherin eines Bundestagsabgeordneten, ich werde sie anflehen, zu bleiben, aber sie wird mir mit Blick auf das Bügelbrett zurufen: „Machen Sie sich gefälligst selbst!“, und ich werde völlig zerknittert zurückbleiben, davor graut mir jetzt schon. Deutsch eröffnet Karrieren –im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus überall dort, wo deutsche Firmen ansässig sind oder wo sich deutsche Touristen tummeln. Meine französische Freundin Suzanne sagte mir auf die Frage, was für sie der Grund gewesen sei, Deutsch zu lernen: „Der Grund, warum isch Deutsch gelernt ’abe? Trotz alle die komplizierte Grammatik und die ’arte Aussprarre? Isch will es dir verraten: Mein Grund war groß und blauäugisch und ’ieß Martin. Er war 24, wir ’aben uns am Strand von Biarritz kennengelernt. Hmmm! Einen schöneren Grund, Deutsch zu lernen, gab es auf der ganzen Welt nischt!“

Wem das noch nicht genügt, für den habe ich nachfolgend zehn weitere Gründe zusammengetragen:

/1// Damit man die Texte von Tokio Hotel verstehen und phonetisch sauber mitsingen kann.

/2// Damit man Bill Kaulitz (dem Sänger von Tokio Hotel) einen Liebesbrief schreiben kann.

/3// Damit man bei deutschen Fernsehserien wie „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ und „Sturm der Liebe“ nicht auf Untertitel angewiesen ist.

/4// Damit man seine Freunde durch Wörter wie „Fußballweltmeisterschaftsendrundenteilnehmer“ oder „Überschallgeschwindigkeitsflugzeug“ beeindrucken kann.

/5// Damit man Goethe im Original lesen kann. Und natürlich nicht nur Goethe, sondern auch alle anderen Klassiker der deutschen Dichtung, einschließlich Heinz ­Erhardt, Wilhelm Busch und Loriot.

/6// Damit man es als Porsche-Fahrer nicht nur allen zeigen, sondern auch noch allen sagen kann, dass der Wagen weder „Porsch“ noch „Porschie“ ausgesprochen wird.

/7// Damit man als Reinigungskraft in der Lage ist, gut gemeinte Hinweise zu berücksichtigen, wie man sie auf deutschen Putzmitteln findet, zum Beispiel ­„Augenkontakt unbedingt vermeiden!“ oder „Dämpfe nicht einatmen!“

/8// Damit man bei der Bambi-Verleihung auf Deutsch ­sagen kann: „Ich danke meinen Eltern! Und allen Leuten von Sony Music! Und natürlich meinem Publikum! Ihr seid so ­wundervoll! Ich liebe euch alle!“

/9// Damit man als ausländischer Journalist in Deutschland bei einer Pressekonferenz Fragen auf Deutsch stellen kann.

/10// Damit man die Rolle des Bösewichts im nächsten James-Bond-Film bekommt.

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