Sergio Marchionne führt den Fiat-Chrysler-Konzern im Stil eines gewieften Investmentbankers. Jetzt muss der Börsengang der Sportwagenikone die Investoren locken - ein gewagtes Spiel.

Sergio Marchionne kaute Kaugummi. Gelangweilt stand er in Halle 6 des Genfer Auto-Salons und schaute auf die Zukunft seines Unternehmens. Vor dem Fiat-Chef leuchtete der Alfa Romeo 4C. Der rote Flitzer werde Alfas "große Tradition als Hersteller von Hochleistungsautomobilen zurückbringen", hatte Markenchef Harald Wester gerade versprochen.
Marchionne hatte die Rede verpasst. Der Fiat-Chef war zu spät gekommen. Er wechselte noch kurz ein paar Worte mit Großaktionär John Elkann - und ging weiter.
Fast vier Jahre sind vergangen seit jenem nüchternen Messeauftritt; und noch immer lenkt Marchionne (inzwischen 62) Fiat Börsen-Chart zeigen und Chrysler. Großaktionär Elkann (39) sitzt weiter als Oberhaupt des Agnelli-Clans dem Aufsichtsrat vor. Und Wester (56) soll Alfa Romeo neu beleben. Alles wie gehabt.
Auch Marchionnes Interesse an neuen Modellen scheint weiter gering. Der 4C, nur rund 2500-mal im Jahr gebaut, ist die einzige wirkliche Alfa-Neuheit seit 2010. Fiat-Premieren seither? Eine Langversion des kleinen 500, ein als "Fiat Freemont" neu benannter Dodge. Die italienische Traditionsmarke Lancia wird von Marchionne eingestellt. Die Tochter Chrysler verwendet eine Plattform, die von Daimlers vorletzter E-Klasse abstammt. Und Elektromobile? Nur der 500 - und nur in den USA.
"Marchionne lässt den Konzern ausbluten", klagt einer seiner deutschen Händler. "Die Konkurrenten genießen die günstige Konjunktur, investieren zum Teil massiv und können trotzdem Geld zurücklegen", sagt Arndt Ellinghorst, Staranalyst beim Finanzhaus Evercore Isi. "Fiat-Chrysler verbrennt weiter Cash."
Kursrally von Fiat: Die Anleger wetten auf Sergio Marchionne
Nur eines hat sich geändert: Fiats Börsenwert, und zwar massiv. Die Aktie, die 2013 unter der Marke von 6 Dollar dümpelte, hat sich seitdem fast verdreifacht und notiert heute über der Marke von 16 US-Dollar.
Das passt nicht zusammen? Doch, sagt Ellinghorst. "Die Anleger wetten auf Sergio Marchionne."
Auf einen Manager, der nie mehr als das Allernötigste investiert und seine Absatzversprechen regelmäßig gebrochen hat? Der nach und nach das Tafelsilber des Konzerns verkauft?
Nein. Sie setzen ihr Geld auf den anderen Marchionne. Den Wunderheiler, der Fiat 2004 kurz vor dem Bankrott übernommen und den Agnelli-Clan seither um rund 3 Milliarden Euro reicher gemacht hat. Der gleich zu Amtsbeginn einen alten Vertrag nutzte, um General Motors (GM) Börsen-Chart zeigen 1,55 Milliarden Euro abzupressen, der Chrysler mit maximalem Rabatt aus der Insolvenz kaufte und sich steueroptimierend aus Italien verabschiedete. Und der über all diese Transaktionen auch selbst zum Großaktionär aufgestiegen ist. Marchionne hält knapp ein Prozent der Fiat-Chrysler-Anteile, dazu ein ordentliches Aktienpaket der ehemaligen Landmaschinen- und Trucktochter CNH Industrial. Aktueller Kurswert: gut 230 Millionen Euro, zusätzliche Aktienoptionen noch nicht exklusive.
Ein "Vermögensverwalter" ist er für die einen, ein "Trader", ein Händler, für die anderen. Ein Mann, der mit häufig kurzfristig wirksamen Aktionen in einem sehr langfristigen Geschäft bestehen will. Der Werte taxiert und maximiert, aber selten neue schafft.